Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

„Bitte der Reihe nach lesen.“

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad im ehemaligen Jugoslawien geboren. 1992 flüchtete er mit seinen Eltern nach Heidelberg. Aktuell lebt Saša Stanišić mit seiner Familie in Hamburg. 2014 erhielt er für seinen Roman „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse. Für das Buch „Herkunft“ aus dem Jahr 2019 bekam er den Deutschen Buchpreis. Nun erschien am 30. Mai 2024 im Luchterhand Literaturverlag Stanišićs neuestes Werk mit dem langen Titel „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“. Darin sind zwölf Episoden, die – so die Bitte des Schriftstellers an die Leserinnen und Leser – „nach der Reihe“ gelesen werden sollen.

„Aber wo war vorne?“

Das fragt sich Gisela, „gern nur Gisel“, beim Abstellen der Gießkanne am Grab ihres Ehemannes Hermann, das sie trotz Knieschmerzen und Traurigkeit seit vier Jahren jeden Tag besucht, in der Titelgeschichte des Buches. Und auch Herr Leip, Johann Leip, der Friedhofsbesucher und Witwer mit der Schiebermütze und dem Fischgrätenjackett, kennt den Gießkannencode. Und er ist „Landesmeister von Schleswig-Holstein im Schmieren von Broten“.

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T. C. Boyle: I walk between the raindrops

Der US-amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle (Jahrgang 1948) schreibt jedes Jahr ein neues Buch. 2023 war es der Roman „Blue Skies“, der den weltweiten Klimawandel und seine Auswirkungen in den USA in apokalyptischer Form beschreibt. Am 13. Mai 2024 folgen nun dreizehn Stories mit dem Titel „I walk between the raindrops“, die im Carl Hanser Verlag erschienen sind. Dirk van Gunsteren und Anette Grube haben sie übersetzt.

Lebenswelten in der Kurzform

T. C. Boyle kann nicht nur Romane schreiben, sondern brilliert auch mit seinen Kurzgeschichten.

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Isabel Allende: Der Wind kennt meinen Namen

Die inzwischen über achtzigjährige, weltberühmte chilenische Schriftstellerin Isabel Allende schreibt und schreibt und schreibt. Am 15. April 2024 ist ihr neuer Roman „Der Wind kennt meinen Namen“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Svenja Becker übersetzte ihn aus dem Spanischen.

Von 1938 bis 2020 – Flucht vor Terror und Gewalt

Isabel Allende erzählt in „Der Wind kennt meinen Namen“ die Geschichte zweier Kinder, die ihre Eltern verlieren. Da ist zum einen der sechsjährige Samuel Adler, der Sohn eines jüdischen Arztes, der 1938 mit einem Kindertransport aus dem österreichischen Wien nach England gebracht wird, um ihn vor den Nazis zu retten. Er wächst in England bei Pflegefamilien auf und sieht seine Eltern nie wieder. Dafür entdeckt er seine Leidenschaft für die Musik. 1958 geht er nach New Orleans, um sich mit Jazz zu beschäftigen. Dort lernt er Nadine LeBlanc kennen und heiratet sie später. Sie leben in einer alten Villa in Berkeley, wo Samuel an der Universität lehrt und Nadine ihren künstlerischen Neigungen folgt.

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Mareike Fallwickl: Und alle so still

Die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl (Jahrgang 1983) hat 2022 mit ihrem Roman „Die Wut, die bleibt“ ein sehr erfolgreiches Stück Gegenwartsliteratur geschaffen. Nun erschien am 16. April 2024 „Und alle so still“ bei Rowohlt Hundert Augen. Es knüpft an ihren letzten Roman an, ist jedoch noch ein Stück radikaler und aufwühlender.

Mareike Fallwickl stellt in „Und alle so still“ drei Protagonisten in den Mittelpunkt ihrer Geschichte. Zunächst ist da die Anfang zwanzigjährige Elin, die mit ihrer Mutter Alma in einem Wellness-Hotel lebt, das von ihrer Mutter gemanagt wird. Elin selbst ist erfolgreiche Influencerin mit 1,2 Millionen Followern. Allerdings macht ihr das Leben auf Social Media immer mehr Stress. Sie hat Sex mit zahllosen Männern. Einer davon fickt sie ohne Kondom. Fortan begleitet sie die Furcht vor einer Schwangerschaft.

Nuri ist neunzehn, hat die Schule abgebrochen und schlägt sich als Fahrradkurier, „Bettenschubser“ im Krankenhaus und nachts als Aushilfe in einer Bar durch. Er wohnt bei seinen Eltern, die in Sprachlosigkeit und Schweigen versunken sind.

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Ashley Audrain: Das Geflüster

Die kanadische Autorin Ashley Audrain (Jahrgang 1982) schrieb in ihrem 2021 auf Deutsch erschienen Debütroman „Der Verdacht“ über eine Mutter, die ihre neugeborene Tochter ablehnt. Nun veröffentlichte der Penguin-Verlag am 24. April 2024 ihren zweiten Roman „Das Geflüster“. Aus dem Englischen übersetzt wurde er von Lotta Rüegger und Holger Wolandt.

Zu diesem Roman haben unsere Rezensenten Sabine Sürder und Olivia Grove ganz unterschiedliche Meinungen. Wir veröffentlichen hier beide. Teilen Sie uns gerne Ihre Meinung in den Kommentaren unten mit.

Sabine Sürders Besprechung fällt so aus:

Gossip im Großstadt-Viertel

Im Buch finden wir vier Frauen aus einem früher von Portugiesen bevorzugtem Viertel einer US-amerikanischen Großstadt. Whitney, Blair, Rebecca und Mara leben mit ihren Ehemännern in kleineren oder größeren Häusern mit oder ohne Kinder.

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Jussi Adler-Olsen: Verraten

Da ist es nun: das große Finale. Der zehnte und letzte Fall für Carl Mørck vom Sonderdezernat Q in Kopenhagen von Jussi Adler-Olsen. Am 21. März 2024 erschien „Verraten“ bei dtv. Hannes Thies übersetzte den Thriller (wie auch die gesamte Reihe) aus dem Dänischen.

Carl Mørck und die Vergangenheit

Und wie zu erwarten, setzt Jussi Adler-Olsen auf „großes Kino“. „Verraten“ wird dem, dies sei schon einmal „verraten“, aber nur teilweise gerecht.

Es ist Weihnachten 2020, Carl Mørck muss ins Gefängnis. Schuld ist der alte Koffer auf dem Dachboden, den sein Kollege Anker Høyer ihm vor Jahren zur Aufbewahrung gab. Nun wird Carl Mørck des Drogenhandels, der Korruption und des Mordes verdächtigt. Im Gefängnis beginnt ein Spießrutenlauf für den Kommissar. Von seinem schwer enttäuschten Chef Marcus Jacobsen, dem Leiter der Mordkommission, kann er keine Unterstützung erwarten.

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George Saunders: Tag der Befreiung

Der US-Amerikaner George Saunders (Jahrgang 1958) erhielt 2017 für seinen Debütroman „Lincoln im Bardo“ den Man Booker Prize. Auch sein letztes Buch „Bei Regen im Teich schwimmen“ aus dem Jahr 2022 über die Geschichten russischer Schriftsteller wurde ein Bestseller. Am 13. März 2024 erschienen nun im Luchterhand Literaturverlag neun neue Stories von Saunders unter dem Titel „Tag der Befreiung“. Frank Heibert übersetzte sie aus dem amerikanischen Englisch.

Befreiung ist nicht gleich Freiheit

Die titelgebende Geschichte „Tag der Befreiung“ ist die längste und auch verstörendste Story in diesem Buch. Saunders erzählt von Menschen, die ihrer Identität beraubt wurden, künstlich mit Wissen versorgt werden und zum „Künden“ an Wänden fixiert werden. Wenn sie sprechen, ohne dass es ihnen erlaubt ist, riskieren sie eine Strafe.

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Martin Becker: Die Arbeiter

Der deutsche Autor Martin Becker (Jahrgang 1982) hat ein autofiktionales Buch mit dem Titel „Die Arbeiter“ geschrieben. Der Luchterhand Literatur Verlag veröffentlichte es am 13. März 2024 in seinem Frühjahrsprogramm.

Tag für Tag Maloche und einmal im Jahr Nordsee

In „Die Arbeiter“ erzählt Martin Becker die Geschichte einer Familie, die vom Ruhrgebiet in eine sauerländische Kleinstadt gezogen ist und in einem mit Krediten finanzierten Reihenhaus lebt. Der Vater arbeitet im Bergbau, die Mutter verdient sich als Näherin ein Zubrot. Sie haben vier Kinder. Eins davon, Lisbeth, die Älteste, ist adoptiert und sitzt im Rollstuhl. Dann sind da noch Kristof und Uta. Und der Ich-Erzähler Martinus, der „Kurze“ und das jüngste Kind in der Familie.

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Donal Ryan: Seltsame Blüten

Der irische Schriftsteller Donal Ryan (Jahrgang 1976) hat mit „Seltsame Blüten“ sein fünftes Buch geschrieben. Es ist am 21. Februar 2024 im Diogenes Verlag erschienen. Übersetzt wurde es von Anna-Nina Kroll. Mit seinem letzten Buch „Die Stille des Meeres“ aus dem Jahre 2021 stand Ryan auf der Longlist des Man Booker Prize.

„Seltsame Blüten“ im grünen Irland

In „Seltsame Blüten“ versetzt Donal Ryan die Lesenden ins Irland der 1970er Jahre. Die Familie Gladney, Paddy, Kit und ihre Tochter Mary, leben in einem Cottage einer kleinen Gemeinde im County Tipperary. Paddy arbeitet als Briefträger und kümmert sich als Knecht außerdem um die Ländereien und das Vieh der Familie Jackman, auf deren Land sie wohnen. Kit macht die Buchhaltung für ein paar Kaufleute aus der Gegend. Mary, genannt Moll, ist ein ruhiges und angepasstes Mädchen. Doch mit zwanzig Jahren verschwindet sie plötzlich. Für ihre Eltern bricht die Welt zusammen.

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Barbara Kingsolver: Demon Copperhead

Pulitzer Prize für Literatur 2023

Die US-amerikanische Schriftstellerin Barbara Kingsolver (Jahrgang 1955) hat Umweltwissenschaft und Biologie studiert. 2023 erhielt sie gemeinsam mit Hernan Diaz (für seinen Roman „Treue“) den Pulitzer Prize for Fiction für ihren Roman „Demon Copperhead“. Heute, am 15. Februar 2024, erscheint ihr Roman bei dtv als deutsche Erstausgabe in einer Übersetzung von Dirk van Gunsteren.

Barbara Kingsolver, David Copperfield und Appalachia

Mit „Demon Copperhead“ von Barbara Kingsolver fängt mein Literaturjahr 2024 gleich mit einem großen Knall an. Trotz seiner beinahe 900 Seiten liest sich das Buch mit Leichtigkeit und Vergnügen. Und dabei handelt es sich um die Geschichte eines Jungen, der wahrlich nicht mit den besten Lebens- und Glückschancen gesegnet ist. Inspiriert durch Charles Dickens’ „David Copperfield“ hat Barbara Kingsolver ihren appalachischen Roman geschrieben. Kingsolver stammt aus Appalachia, einer Region in den USA, die sich über mehrere Bundesstaaten (Georgia, Tennessee, North Carolina, Virginia, Kentucky, Pennsylvania) erstreckt.

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