Das Vermitteln von Wissen und Bildung, der Wunsch nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung – das sind auch im zweiten Teil der Dilogie um „Lübecks Töchter“ die beherrschenden Themen. Sehr anschaulich wird die Situation der Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert dargestellt. Sogenannte „höhere Töchter“ wurden meist von einem Privatlehrer unterrichtet, wurden auf eine Zukunft als Ehefrau und Mutter vorbereitet und lernten dementsprechend in der Regel, wie man Konversation macht, ein bisschen Französisch oder Englisch sowie Haushaltsführung. Tiefergehende Bildung blieb ihnen oft verwehrt. Das wollten Amélie Roquette und ihre Schwestern mit ihrem Institut ändern. Zunächst als Schule für höhere Töchter geplant, wurde daraus bald auch ein Lehrerinnenseminar, an dem die Schwestern selbst künftige Lehrerinnen ausbilden konnten. Gegen viele Widerstände der Behörden, aber auch einzelner Bürger, die versuchten, den Schwestern das Leben schwer zu machen.
WeiterlesenRobert Seethaler: Die Straße
»Wenn Sie die Straße von Ost nach West oder in umgekehrter Richtung durchlaufen, fällt Ihnen sicherlich eine gewisse Disharmonie ins Auge. […] Man könnte es auch als Charakter oder Persönlichkeit bezeichnen. Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut, offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.«
Eigentlich kann man Robert Seethalers neuen Roman nicht besser beschreiben. Der Autor führt uns diese Straße auf und ab und macht uns mit dem Schicksal ihrer Bewohner vertraut. Und da passt vieles nicht zusammen. Hinter den disparaten Fassaden gibt es unerfüllte Träume und Zukunftsängste, Missklänge und Leben aus dem Gleichgewicht. Aber auch Mut, Hartnäckigkeit und neue Anfänge. Und Persönlichkeiten, so unterschiedlich wie die Häuser.
WeiterlesenCurtis Sittenfeld: Mittelalte Frauen
Curtis Sittenfelds Geschichtssammlung liest sich wie ein Klassentreffen nach 20 oder 30 Jahren. Ihre „mittelalten Frauen“ tauschen Neuigkeiten aus, nehmen Gespräche und Ereignisse zum Anlass, um ihr eigenes Leben zu reflektieren. Das tun sie mit unglaublich viel Humor und Selbstironie!
Es geht um auseinandergelebte Ehen und Freundschaften – neu gebildete, wiederentdeckte und welche, die im Sande verlaufen sind. Es geht um strukturellen Sexismus in der Schriftstellerbranche, um versteckten Rassismus hinter schmucken Vorstadtfassaden, um offene Homophobie in Amerikas evangelikalen Kirchen. Und es geht um kleine Ereignisse, die unser ganzes Leben wissentlich oder unwissentlich beeinflussen. Ihre wahre Bedeutung erkennen wir meist erst im mittleren Alter.
WeiterlesenAnne Freytag: Laute Nächte
Für das, was erst später wehtut
Wie habe ich mich beim Lesen gefühlt?
„Kenni. Dieser Roman hat gedauert. Und er hat mich Nerven gekostet. Mich traurig gemacht, mich weinen lassen, mich verärgert – und am Ende dann versöhnt. Kenni, du hast es uns beiden nicht leicht gemacht. Du wolltest, aber es ging nicht. Und ich wollte, aber es ging nicht.“ (Zitat aus der Danksagung von Anne Freytag, S. 318)
Ja, exakt so habe ich mich gefühlt. Dieses Buch war kein Sog. Es war ein Ringen. Mit dir, Kenni. Mit mir.
Mit allem, was zwischen den Zeilen passiert und oft eben nicht passiert. So introspektiv, dass man sich manchmal darin verliert. Ich wollte rein. Wirklich. Aber es ging nicht immer. Und genau das ist vielleicht schon die ehrlichste Beschreibung dieses Romans.
Ursula Poznanski: Das Signal
Nach einem Unfall verliert Viola ein Bein und ist fortan auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. Einkaufen, Freunde besuchen, auf die Toilette gehen – all das geht nun nicht mehr ohne Hilfe. Damit erscheint die Geschichte anfangs harmlos und ruhig, wirkt eher wie ein Drama. Doch das wandelt sich schnell zu einem Thriller, als Adams Fürsorge in scheinbare Kontrolle umschlägt. Viola fühlt sich zunehmend im Haus eingesperrt und von ihrer persönlichen Pflegekraft überwacht. Adam lässt ihre Krücken wegsperren und lehnt ohne ihr Wissen Besuchstermine ihrer Freundinnen ab. Daher beginnt Viola, Adam mithilfe eines Peilsenders zu überwachen. Die GPS-Signale zeigen jedoch schnell einige Ungereimtheiten auf…
Damit sät Poznanski geschickt Misstrauen beim Leser: Spielt Violas Ehemann ein falsches Spiel, hat Hintergedanken und böse Absichten? Oder ist die Hauptprotagonistin psychisch angeschlagen und nimmt die Geschehnisse daher anders wahr? Ist Viola vertrauenswürdig? Welcher Sichtweise und Figur kann der Leser trauen? Auch der Gedanke, der eigene Ehemann könnte Viola kontrollieren und ihr Böses wollen, ruft beim Lesen einen Schauer hervor. Der abweisende und kalte Charakter der Pflegekraft, die offensichtlich in Adams Auftrag handelt, ständig in Violas Nähe ist, verstärkt dieses Gefühl noch.
WeiterlesenH.C. Dolores: Limerence

Nach dem Tod von Mickey Mable, der offiziell als Suizid gilt, ist die Stipendiatin Poppy die Einzige, die nicht an diese Theorie glaubt. Sie ist überzeugt davon, dass mehr dahintersteckt, und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Ihr Hauptverdächtiger ist Adrian Ellis, der „Golden Boy“ der Schule. Er ist reich, charmant und wird von allen geliebt. Doch Poppy gelingt es, hinter seine perfekte Fassade zu blicken…
Die Protagonisten sind hier keine klassischen Helden, und so manche Grenze zwischen Liebe und psychotischer Besessenheit wird überschritten. Poppy ist eine Protagonistin, bei der ich schon zu Beginn merkte, dass mehr in ihr steckt, als sie zugeben will. Sie kann sich gut verstellen und zeigt ihren Mitmenschen immer nur die Version von sich, die sie gerade für richtig hält – das macht sie interessant. Adrian hingegen ist ein Typ Mensch, den man schwer einschätzen kann. Ich mochte ihn zu keinem Zeitpunkt, da er etwas Düsteres und Besitzergreifendes an sich hatte und man nie wusste, was er eigentlich im Schilde führt.
WeiterlesenGina Greifenstein: Grumbeersupp
„Grumbeersupp“ – das muss man für den ein oder anderen vielleicht schon gle„Grumbeersupp“ – das muss man für den ein oder anderen vielleicht schon gleich übersetzen, – schlicht: Kartoffelsuppe. Es ist also nicht verkehrt, wenn man über gewisse Grundkenntnisse des Pfälzischen verfügt, wenn man diesen humorvollen Pfalz-Krimi zur Hand nimmt. Für alle, die des Pfälzischen nicht mächtig sind, werden Ausdrücke, Redewendungen und Dialoge natürlich „übersetzt“, es sind auch nicht allzu viele im Laufe des Krimis, aber es macht halt schon mehr Spaß, wenn man das Original versteht. Die Geschichte um einen abgetrennten Finger in einer Suppenkonserve führt uns denn auch mitten in die Pfalz, in die Region um Landau, zu einer kleinen, neuen Suppenmanufaktur einer jungen Köchin, die aus Berlin kommt, wo sie ihr Handwerk gelernt hat und jetzt auf dem ehemaligen Hof ihrer Großmutter mit einer Manufaktur für Dosensuppen einen Neustart wagen will.
WeiterlesenFreya Dawn: Shadowbound: Acadamy of Death 01
Liora ist von einer weiteren Universität geflogen und nun bleibt ihr keine Wahl, als an die mysteriöse Eliteuniversität zu gehen, die ihr Großvater gegründet hat. Bei ständigem Gewitter wirken die alten gotischen Gebäude etwas zu unheimlich für Lioras Geschmack, aber wo soll sie sonst hin?
Doch bald muss sie feststellen, dass der Campus weit unheimlichere, tödlichere Geheimnisse verbirgt, als sein Erscheinen auch nur ahnen lässt. Wieso nennen ihre Mitstudenten die Universität Academy of Death? Warum warnt Lioras Mitbewohnerin sie davor, allein in den Wald zu gehen? Und halten die drei heißen Männer, die es auf Liora abgesehen zu haben scheinen, wirklich satanische Rituale in der alten Kirche ab?
WeiterlesenDietrich Grönemeyer: Demenz
Jeder will möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben führen – gäbe es da nicht die Demenz.
Dietrich Grönemeyer ist Professor der Medizin und hat u. a. das Buch „Der kleine Medicus“ – mittlerweile als Kinderbuch-Serie neu im Tessloff-Verlag aufgelegt – geschrieben. Sein neuestes Buch „Demenz – Gezielt vorbeugen, ganzheitlich verstehen, liebevoll begleiten“ versteht sich als Einladung für einen neuen Blick auf diese Erkrankung.
Grönemeyer schreibt dazu: „Wir leben nicht in der gleichen „Wahrheit“. Und das ist gar nicht schlimm. [Denn] jeder Mensch lebt in seiner eigenen Schneekugel. […] Die Schneekugeln der Gesunden ähneln sich untereinander, die der Demenzkranken sind ganz anders …“ (S. 27)
WeiterlesenHubert Wolf: Die geheimen Archive des Vatikan
Eine Spurensuche im Labyrinth der Macht
Der Vatikan – eine Festung der Geheimnisse, umwoben von Mythen und Spekulationen. Hinter seinen jahrhundertealten Mauern lagern nicht nur Geschichte, sondern auch Sprengstoff. Der Heilige Stuhl hütet Dokumente, Korrespondenzen, Zeugnisse und päpstliche Briefwechsel, die das Potenzial haben, unser Verständnis der Weltgeschichte zu erschüttern. Es ist der Schatzsaal der Macht und der menschlichen Fehlbarkeit, denn auch jeder Kirchenfürst ist letztlich nur ein Mensch mit seinen Geheimnissen. Die Rede ist vom Apostolischen Archiv – jenem Ort, der oft fälschlicherweise noch als „Geheimarchiv“ bezeichnet wird, weil er viele Wahrheiten hinter verschlossenen Türen für sich behält.
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