Virginia Roberts Giuffre: Nobody’s Girl

Zwischen Zeugnis und Konstruktion

Virginia Giuffre nahm viele Ungeheuerlichkeiten mit ins Grab. Und vielleicht auch die Hoffnung, dass je alles ans Licht kommt.

Ihr posthum erschienenes Nobody’s Girl: Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit ist kein Enthüllungsbuch im klassischen Sinne. Es ist der Versuch, die eigene Geschichte zurückzuerobern.

Wie ihre Co-Autorin Amy Wallace schreibt:

„Sie wollte, dass die Welt erfährt, wer sie wirklich ist, damit Überlebende sexuellen Missbrauchs sich durch ihre Worte vielleicht weniger allein fühlen.“ (S. 10)

Virginia Giuffre beschreibt nicht nur, was Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell taten. Sie beschreibt, was es mit ihr machte. Und wie Manipulation lautlos beginnt.

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Kristina Hortenbach: Pleiten, Pech und Papa

FloFlott geschrieben, witzig, unterhaltsam und irgendwie recht realistisch.

Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal hat Kristina Hortenbach zu diesem amüsanten Roman inspiriert, der einem vor Augen führt, wie schnell sich alles ändern kann. Für Carmens Vater Heinz eine Katastrophe: Sein Haus steht unter Wasser, und er kann dort erst mal nicht bleiben. Mit Sack und Pack wird der 83-Jährige zu Carmen in den Schwarzwald verfrachtet – weit genug von zu Hause weg, dass er Carmens Schwester nicht dauernd über die Schulter schauen kann, wenn sie beim Aufräumen auch gleich großzügig ausmistet. Für Carmen ist Papas Einzug bei ihr allerdings recht anstrengend! Heinz ist mit seinen 83 Jahren voller Energie und vor allem System! Er bringt alles durcheinander, weil er einfach mal Ordnung schaffen will. Heinz hat alles in Excel-Tabellen gelistet – vom Inhalt des Kühl- und Gefrierschranks über Kontakte, To-do-Listen und Ähnliches bis zu seinen nächsten Vorhaben und Planungen. Per Zufall gerät ihm auf einem alten Laptop eine alte Telefonliste in die Finger, die ihn dazu animiert, mal zu testen, wer denn wohl noch seine alte Telefonnummer hat. Und siehe da: So findet er seine erste Liebe, Hilde, wieder!

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Siri Hustvedt: Ghost Stories

Der Schriftsteller Paul Auster, um den es geht, verstarb im April 2024 an seinem Krebsleiden.

Er wolle ein Geist werden, hat er zu seiner Frau Siri gesagt. Nun hat Siri Hustvedt Begebenheiten aus dem Leben Paul Austers samt ihrer gemeinsamen Zeit, die sie in ihrem Haus in Brooklyn verbracht haben, und vor allem die Leidenszeit ihres Mannes in Ghost Stories verankert. Entstanden ist ein Buch, das sich aus vielen verschiedenen Fragmenten wie Erinnerungen, Tagebucheinträgen, Briefen, Kurznachrichten und Fotos zusammensetzt: „geisterhafte Bruchstücke gemeinsamer Geschichten, Ghost Storys, die auch Love Storys sind“ (E-Book S. 259).

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Rachel Schneider: Metal Slinger: Dunkle Verheißung

„Metal Slinger“ ist ein Romantasy-Roman, der auf TikTok massiv gehypt, Le„Metal Slinger“ ist ein Romantasy-Roman, der auf TikTok massiv gehypt wird und Leserinnen und Leser ohne große Vorrede mitten ins Geschehen wirft.

Die Geschichte folgt Brynn, einer jungen Wächterin aus Alaha. Einst – Generationen ist es mittlerweile her – wurden sie ins Exil gezwungen. Seitdem haben sie auf dem Meer ihre eigene Gesellschaft errichtet; der Zugang zur einstigen Heimat, zum Land, ist ihnen verwehrt. Brynn konnte sich nur, obwohl sie ohne Eltern, die sie unterstützt hätten, aufwuchs, aufgrund der Hilfe Kais, des Sohnes des Kapitäns, den Wächtern anschließen. Ihr gemeinsamer, lang ersehnter Besuch des jährlichen Marktes auf dem Land der Kenta, eigentlich ein harmloser Initiationsritus der Abschlussklasse der Wächter, eskaliert unerwartet und bringt das jahrhundertealte Friedensabkommen ins Wanken. Eine Begegnung mit einem feindlichen Soldaten, politische Intrigen und das Erwachen verborgener Magie verändern Brynns Leben unwiderruflich …

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Peter Klisa: Im Schatten der Ruinen

Das Jahr 1945 markierte für Deutschland nicht nur das Ende eines veDas Jahr 1945 markierte für Deutschland nicht nur das Ende eines verheerenden Krieges, sondern einen völligen zivilisatorischen Zusammenbruch. Die einst pulsierenden Metropolen glichen apokalyptischen Mondlandschaften; allein in Berlin türmten sich Abermillionen Kubikmeter Schutt. In diesen Trümmerwüsten vegetierten die Überlebenden – desillusioniert, gezeichnet und unter ständiger Lebensgefahr, da beschädigte Gebäudereste jederzeit einzustürzen drohten. Die gesellschaftliche Ordnung lag sprichwörtlich in Schutt und Asche. Familien waren zerrissen, und der Alltag wurde bestimmt vom quälenden Warten auf ein Lebenszeichen der Väter, Söhne und Ehemänner. Oft brachte erst eine knappe Meldung des Deutschen Roten Kreuzes die bittere Gewissheit. Und wer tatsächlich aus der Gefangenschaft oder von den Fronten zurückkehrte, fand oft nichts weiter vor als die zertrümmerten Reste seiner früheren Existenz.

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Kathy Reichs: Die Spur der Angst

Zunächst sind es nur Tierkadaver, die sadistisch verstümmelt und öffentlich „ausgestellt“ werden; die Tiere werden größer, die Verstümmelungen und Inszenierungen immer schockierender. Den Ermittlern ist klar: Bald könnte der Täter Menschen opfern. Und so kommt es dann auch.

Zusammen mit Erskine »Skinny« Slidell versucht die forensische Anthropologin Temperance Brennan, den Täter zu finden, bevor ihm (oder ihr?) noch mehr Menschen zum Opfer fallen. Soweit zum Fall.

Die Spur der Angst ist der mittlerweile 24. Band in Kathy Reichs’ Temperance-Brennan-Reihe, und um es gleich zu sagen, allen Lobeshymnen zum Trotz: Er ist einer der schwächsten.

Auch wenn das Buch als Thriller beworben wird – von Nervenkitzel keine Spur. Stattdessen dehnt sich der Plot wie Kaugummi. Nichts Überraschendes geschieht, sondern allein das, was bereits im Klappentext angekündigt wird. Siehe oben.

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Gisa Klönne: Die Liebe, später

Kora von Stein erhält während einer persönlichen Lebenskrise einen Anruf von ihrem Freund Felix. Seine Frau Leonie ist spurlos verschwunden, klagt er. Kora sei doch als Journalistin der richtige Mensch für eine Spurensuche. Sie könne ihre Radiosendung nutzen, um seinen Verlust publik zu machen.

Kora fallen viele Gründe ein, Nein zu sagen. Da wäre das Trauma um ihre Herzoperation, der Aufhebungsvertrag und die damit einhergehende Frühverrentung. Hinzu kommen Konflikte in ihrer Ehe.

Auch ihr Ehemann Anselm befindet sich in einem Veränderungsprozess, der neue Ziele und Freiheiten am Ende seiner Arbeitsphase mit sich bringt. Kora ist sich nicht sicher, ob sie nach der vertrauten Wochenendbeziehung in eine neue, noch unvertraute Gemeinsamkeit wechseln können.

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Jenny Mustard: Beste Zeiten

Nie mehr das hässliche Entlein sein, nie mehr ausgelacht oder verhöhnt werden – das Studium in Stockholm ist für Sickan eine Flucht aus einer düsteren Kindheit in Åhus, einer Kleinstadt im Süden Schwedens. Sickan, die eigentlich Siv heißt, aber diesen Namen wie auch ihre Vergangenheit in Åhus zurückgelassen hat, möchte sich in Stockholm ein neues Leben aufbauen, ohne die Gespenster der Kindheit.

Sie möchte cool und locker erscheinen und Freundinnen haben, die ebenfalls so sind. Die schlechten Erfahrungen aus der Kindheit haben aber bisher immer dazu geführt, dass sie lieber gar nicht erst aus dem Haus gegangen ist. Die Gespenster bleiben. Sie nähren sich von Sickans zwanghaften Versuchen, das perfekte Bild von sich zu zeichnen, keine Fehler zu machen und alle Fettnäpfchen zu umschiffen.

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Kyra Groh: Pumpkin Spice Latte Disaster

Eigentlich ist Jude nur für die Hochzeit ihrer Schwester in ihre Heimat zurückgekehrt. Denn das englische Örtchen steht für alles, was die rastlose 26-Jährige hasst: Beständigkeit, Gemütlichkeit und Kleinstadt-Gossip. In Lower Whilby angekommen, geht jedoch alles drunter und drüber. Und das hat vor allem mit James zu tun. Der grummelige Barista ist der Sohn legendärer Brit-Pop-Stars, ziemlich attraktiv – und überhaupt nicht erfreut darüber, dass Jude ihn für ihren Musikpodcast ausquetschen will. Als er Jude aus der Not heraus in seinem Café anstellt, geht sie ihm nicht nur auf die Nerven, sondern auch nicht mehr aus dem Kopf. Doch kann Jude, die ihr ganzes Leben schon auf der Flucht vor ihren Gefühlen ist, für ihn zur Ruhe kommen?

Die Autorin schafft es wie immer meisterhaft, die Chemie zwischen den Protagonisten rüberzubringen. Es ist eine gelungene Mischung aus Witz, gekonntem Schlagabtausch, Herbstfeeling, Konflikten und tollen Unterhaltungen. Ich konnte das Buch nur schwer aus der Hand legen, als ich einmal angefangen hatte.

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Walter Moers: Qwert

Mit „Qwert“ legt Walter Moers einen Roman vor, der sich zugleich wie eine Reminiszenz und ein Aufbruch zu neuen Ufern liest. Sein Gallertprinz Qwert Zuiopü – ein altbekannter Nebencharakter aus den Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär – stürzt durch ein Dimensionsloch und erwacht in Orméa, einer Welt, die an einen überdrehten, klassisch anmutenden Ritterroman erinnert. Dort steckt er im Körper des ein klein wenig chaotischen Heftchenhelden Prinz Kaltbluth, wird mit einem unsichtbaren Degen und einem heldenhaften Ruf ausgestattet – und soll prompt ausgerechnet die Kreatur besiegen, in die er sich verliebt hat. Bei der Holden handelt es sich um niemand Geringeren als die Janusmeduse Jadusa.

Dieser Konflikt zwischen dem, was man in seiner Rolle von ihm erwartet, und seiner überbrodelnden Gefühlswelt treibt die Handlung an und verwandelt den klassischen Questenplot in ein rasantes, ironisches und jederzeit überraschendes Spiel, das mit ernsten Themen wie der Frage nach Identität, Pflicht und Begehren kunstvoll verknüpft ist.

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