Simon van Booy: Eine Maus namens Merlin

Nach etwas zähem Beginn eine herzerwärmende und berührende Geschichte um Einsamkeit und Freundlichkeit

Eine Maus holt eine alte Dame, die bereits mit ihrem Leben abgeschlossen hatte, aus ihrer Einsamkeit. Was für ein Plot, nicht neu, aber immer wieder schön und hier nun auch angenehm zu lesen.

Helen Cartwright, 83 Jahre alt, ist nach vielen Jahrzehnten, die sie in Australien lebte, nach England zurückgekehrt und lebt nun allein in einem kleinen, aber für sie viel zu großen Haus. Sie erwartet nicht mehr viel für sich, lebt eher in ihrer Vergangenheit, trauert um ihren verstorbenen Sohn und manchmal auch um ihren Mann. Sie hat so gut wie keinen Kontakt zu anderen Menschen, ihr Tagesablauf bewegt sich zwischen Teekochen, wenigen kleinen Mahlzeiten und dem Fernseh- oder Radioprogramm.

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Anna Jessen: Ruf der Wellen: Die wandernden Inseln

Borkum – und Lütje Hörn – heute und vor zweihundert Jahren. Die Veränderung der „wandernden Inseln“ im Laufe der Jahrhunderte anhand dieses spannend geschriebenen Familienromans nachzuvollziehen, ist ein interessantes Unterfangen. Wer heute als Tourist nach Borkum oder Norderney oder auf eine andere Insel fährt, macht sich wahrscheinlich eher wenig Gedanken darum, wie diese Inseln früher einmal zusammengehängt und sich verändert haben. „Der Ruf der Wellen“ ist also nicht nur ein gut erzählter Roman, sondern auch eine wirklich interessante geschichtliche Darstellung der Veränderungen.

Erzählt wird in zwei Zeitebenen. Einmal 1855, als eine verheerende Sturmflut Borkum verwüstet und viele der damaligen Bewohner um ihre Existenzen und ihr Zuhause gebracht hatte, und einmal 2025, 170 Jahre später, als eine junge Geologin nach Borkum kommt, um den Wandel zu dokumentieren. Anhand des Beispiels der inzwischen verwaisten Insel Lütje Hörn, auf der 1855 noch drei Familien lebten, die aber dann auch sehr bald weggegangen sind, weil sie kein Auskommen mehr auf der kleinen Insel hatten.

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Chloe Walsh: Boys of Tommen 6: Releasing 10

Produktbild: Boys of Tommen 6: Releasing 10

Mit „Boys of Tommen 6 – Releasing 10“ von Chloe Walsh erwartet den Leser der bislang emotional intensivste Band der Reihe.

Lizzie Young hatte schon immer das Gefühl, dass sie für alles zu viel war. In jungen Jahren wurde bei ihr eine bipolare Störung diagnostiziert, so hatte sie immer das Gefühl, sie passe nicht zu ihrer Familie, nicht zu ihren Freunden und in keine Gemeinschaft. Lizzie möchte akzeptiert und verstanden werden, aber nur wenige Familienmitglieder oder Freunde verstehen sie wirklich, und so trägt sie ihre Last und ihre Traumata mehr oder weniger alleine.
Doch dann lernt sie im Schulbus einen netten Jungen kennen, und zum ersten Mal sieht ihr Leben rosig aus …

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Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion

Marc-Uwe und das Känguru rebellieren. Gegen die Zustände. Ihr Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich von der Rebellion zu überzeugen, und dabei werden sie ziemlich kreativ. So kreativ, dass sogar ein CDU-Politiker mitmacht. Und die Frau an der Kasse. Herta aus der Eckkneipe widmet der Mission sogar einen ganzen Podcast. Es geht um die Klimakrise, um Steuerhinterziehung der Superreichen, um Tech-Monopole und rechtsradikale Tendenzen in der Gesellschaft. Vielleicht willst du ja auch mitmachen?

Dieses Buch lässt mich mit Tränen in den Augen zurück: Lachtränen, Tränen über die Zustände der Welt – und ein bisschen leider auch Tränen der Enttäuschung. Gut, abgesehen von den tatsächlich aufgetretenen Lachtränen ist das übertrieben, fasst meine Gefühle zu dem Werk jedoch sehr treffend zusammen.

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Volker Klüpfel: Mord ist die beste Beseitigung

Produktbild: Mord ist die beste Beseitigung

Volker Klüpfel, bekannt und beliebt geworden als Co-Autor der mit Michael Kobr verfassten Erfolgsreihe um Kultkommissar Kluftinger, startete mit »Wenn Ende gut, dann alles« seine eigene Solo-Krimireihe. Nun liegt der zweite Band dieser Krimiparodie vor und dürfte ähnlich begeistert aufgenommen werden.

Tommy, der von Millionensellern und einem Leben als Starautor träumt, über Ideen und wenige Notizen aber nicht hinauskommt, lebt nach wie vor in einem Wohnmobil, das von Haushaltshilfe Svetlana, einem Quell ukrainischer und verquerer deutscher Sprichwörter, in Schuss gehalten wird. Und wieder schlittern sie, Tommy unfreiwillig, Svetlana zielstrebig, in einen Kriminalfall hinein.

Gerade noch haben sie einen Reiseruf im Radio gehört, da fährt die Frau im blauen Audi an ihnen vorbei. Natürlich wollen sie helfen und folgen dem Wagen, verlieren ihn aus den Augen, entdecken ihn auf einem Rastplatz – aber die Frau, Gabriele Zorn, ist verschwunden. Noch auf dem Rastplatz beginnt Svetlana zu ermitteln. Bei ihren Nachforschungen stoßen sie auf einen dubiosen Fahrradunfall mit Todesfolge und die noch dubiosere Selbsthilfegruppe »Die Glücklichen«. Wofür genau dieser Name steht, werden die beiden Hobbydetektive herausfinden und sich damit in Lebensgefahr bringen.

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Ingrid Kloser: Regentropfen fallen langsam

Produktbild: Regentropfen fallen langsam

Ein sehr einfühlsamer, ruhiger Roman, auf den man sich einlassen muss. Nicht die Handlung reißt einen mit, es ist eher die Nicht-Handlung, die Gedanken, die einen hier festhalten. Die begabte Gesangsstudentin Nina bricht von heute auf morgen ihre Ausbildung an der Musikhochschule ab, sie fühlt sich beengt, „wie eingepackt“, hat das Gefühl, nicht mehr singen zu können. Nina geht nach Wien, wo sie Unterricht nimmt bei einer Gesangslehrerin, von der sie gehört hat, sie gehe völlig andere Wege der Ausbildung. Bei Eva lernt Nina loszulassen, sich von festgefahrenen Strukturen zu befreien, Eingefahrenes zur Seite zu schieben.

Nina macht große Fortschritte, lernt auch sich selbst besser kennen, hat aber nach einer gewissen Zeit dennoch das Gefühl, auch bei Eva nicht weiterzukommen. Sie bekommt ein Engagement in Prag, was für viele den Durchbruch bedeuten würde, für Nina aber nur eine weitere Station ist auf dem Weg zu sich selbst. Sie kommt zurück nach Wien, lernt die Japanerin Yuko kennen, mit der sie die Wohnung teilt, und macht mit ihr ganz neue Erfahrungen, eine ganz neue, andere Sicht auf die Dinge, auf die Welt, auf sich selbst. Eva verändert sich, nicht nur ihre Stimme wird voller, auch ihr Leben reicher.

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Sebastian Fitzek: Die Therapie

In „Die Therapie“ von Sebastian Fitzek geht es um den bekannten Psychiater Viktor Larenz, dessen Leben aus den Fugen gerät, als seine Tochter spurlos verschwindet. Jahre später lebt er zurückgezogen auf einer abgelegenen Insel, geplagt von Schuldgefühlen und der Ungewissheit über ihr Schicksal.

Dort begegnet er einer geheimnisvollen Frau, die ihn um Hilfe bittet. Sie leidet unter Wahnvorstellungen und spricht von einem Mädchen, das unter mysteriösen Umständen verschwindet – mit auffallenden Parallelen zu Viktors eigener Vergangenheit. Während der Sitzungen verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Realität und Einbildung, und Viktor wird immer tiefer in ein verstörendes psychologisches Spiel hineingezogen.

Die Geschichte entwickelt sich zu einem intensiven Thriller, in dem nichts so ist, wie es scheint, und der Leser bis zum Schluss über die Wahrheit im Unklaren bleibt.

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Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte

Produktbild: Ich, die ich Männer nicht kannte

Ein Buch, das sich in den Kopf brennt. Dieser moderne Buchklassiker aus dem Jahr 1995 wird gerade weltweit von BookTok gehypt. Völlig verständlich. Jaqueline Harpman kreiert Brutalität, ohne dass ein Tropfen Blut fließt oder körperliche Gewalt stattfindet. Sie schafft eine atemberaubende Spannung, obwohl der Handlungsspielraum der Protagonistinnen extrem eingeschränkt ist. Die Atmosphäre des Grauens funktioniert so gut, weil Harpman am größten Triggerpunkt ansetzt: der menschlichen Phantasie. Atemlos lesen wir uns durch ein postapokalyptisches Szenario um 40 Frauen, die ohne Erinnerung daran, wie sie hierher gelangt sind, jahrelang in einem unterirdischen Keller gefangen gehalten werden. Wie sie mit dieser Extremsituation umgehen, welche Dynamik sich unter ihnen entwickelt, was sie am Leben erhält: Jaqueline Harpman spielt mit Urängsten und Alpträumen. Prädestiniert durch ihren Beruf als Psychoanalytikerin hat sie eine literarische Tour de Force zu Papier gebracht, die Sie niemals vergessen werden. Gerne darf das Buch auch als feministische Hymne gelesen werden.

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Christian Handel: Feenfluch

Produktbild: Feenfluch – Dein Wunsch soll erfüllt werden ...

Als einzige Bewohnerin des Schlosses ist Kaelith dem Fluch der Herrin der Rosen und Dornen entgangen. Als sich vor sieben Jahren die undurchdringliche Dornenhecke über das Schloss erhob, befand sie sich im Dorf – und lebt dort noch immer, denn wo soll sie hin, wenn alle, die sie liebt, unter der Hecke schlafen?

Als zwei Feenwesen ihr erklären, sie sei die Einzige, die die Herrin der Rosen und Dornen herausfordern und den Fluch brechen könne, macht sie sich auf den Weg ins Feenreich. Auf der Reise begleiten sie Thorn, der Magier (der aber viel zu jung und gutaussehend für einen Magier ist, wie Kaelith findet), und Rufus, dessen Werkaninchen. Die Hilfe wird dringend benötigt, denn Menschen ist es untersagt, sich in den Wald der Feen zu begeben, und seine Königin ist alles andere als erfreut darüber, von Kaelith herausgefordert zu werden …

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Monika Mansour: Die Wahrheit ruht im Sempachersee

Vogelsterben, ein riesengroßer Umweltskandal, Korruption, Machenschaften von Großkonzernen, menschliche Abgründe, Gier und rücksichtslose Gewissenlosigkeit – das sind die Themen, die Monika Mansour im neuen Fall für Kommissar Cem Cengiz zu einem spannenden Plot verarbeitet. Zu Anfang vielleicht ein bisschen sperrig, zäh, aber im Laufe der Geschichte nimmt die Handlung Fahrt auf und entwickelt eine richtig gute inhaltliche Spannung, ganz ohne überflüssiges Blutvergießen.

Ein sehr persönlicher Fall für Cem Cengiz, der seit drei Monaten versucht, damit klar zu kommen, dass Eva, seine Frau, eine erfolgreiche, ehrgeizige Staatsanwältin, tot sein soll. Mitten in der Nacht war Eva zu einem Treffen mit einem geheimen Informanten zum See gefahren, wo sie bei einer Explosion auf einen Boot ums Leben gekommen sein soll. Cem kann das nicht glauben. Er versinkt in Trauer und Verzweiflung, bis seine Chefin ihn mit den Ermittlungen zu einem mysteriösen Vogelsterben am See beauftragt. Was als Ablenkung für Cem gedacht ist, entwickelt sich zu einem ausgewachsenen Ökoskandal, in den nicht nur ein milliardenschwerer Agrarkonzern verwickelt ist, sondern auch politische Entscheidungsträger aus der Region Luzern und weiter es sind.

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