Oliver Pötzsch: Der Totengräber und der Orden des Teufels

Ein brillanter historischer Kriminalroman, der tief in die Abgründe der Belle Époque blickt und die Vorboten einer globalen Katastrophe seziert.

Die Existenz von Geheimbünden ist längst kein Mythos mehr, sondern eine fundierte historische Realität. Für Außenstehende bleiben sie dennoch seit jeher ein faszinierendes Mysterium – ein fruchtbarer Nährboden für wilde Spekulationen über okkulte Rituale, elitäre Aufnahmeprozesse und drakonische Strafen bei Verrat. Auch wenn vieles davon, befeuert von Schauerliteratur und Verschwörungsmythen, ins Reich der Fiktion gehört, lässt sich eine Tatsache kaum leugnen: Komplexe, im Verborgenen agierende Netzwerke ziehen oft als graue Eminenzen die Fäden und beeinflussen entscheidende Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Militär.

Die wahren Motive hinter dem Okkulten

Oft eilt diesen elitären Zirkeln der Ruf voraus, sich dunklen Mächten oder gar der Teufelsanbetung hinzugeben. Zwar mag dies in Einzelfällen einen makabren, okkulten Kern haben, doch die tatsächlichen Triebfedern dieser Logen sind zutiefst weltlich und erschreckend menschlich. Es ist der unstillbare Hunger nach Macht, nach Einfluss und bedingungsloser gesellschaftlicher Dominanz, der als wahrer Motor hinter dem Streben steht, die Weltordnung nachhaltig nach den eigenen Vorstellungen zu verändern.

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Alexandra Stahl: Tschikago

„Alles an diesem Buch ist wahr“ lautet der erste Satz dieses autofiktionalen Romans, und daran zweifelt man auf keiner Seite bis zum Schluss.

Wir lesen darin vom einfachen Leben der Großeltern Alexandra Stahls. Die Handlung spielt sich im ersten Teil in einem fränkischen Dorf am Main ab, im zweiten Teil in Berlin.

Die Autorin erinnert sich zurück an ihre Kindheit, in der ihre Großeltern elementarer Bestandteil ihres Lebens waren. Ihre Großeltern haben sie durch all die Jahre des Heranwachsens begleitet. Stets waren sie der verlässliche Fels in der Brandung.

Wir lesen von den Gepflogenheiten und jeweiligen Eigenarten dieser Großeltern und dem Zusammenleben im kleinen Dorf. Man sieht sie direkt vor sich, die katzenliebende Großmutter, die Puppen sammelt, und den Großvater, der seiner Enkeltochter die Hauptstädte der Welt beibringt (E-Book S. 53), oder wie er mit seiner schwarzen Schiebermütze auf dem Kopf in seinem mit Schaffell bezogenen Autositz langsam übers Land fährt.

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Jenny Jackson: Liebe unter Freunden

Irgendwann wollte ich einfach, dass etwas Schlimmes passiert. Dass es endlich eskaliert.

Das wunderschöne Cover und der Klappentext haben mich leider deutlich stärker gecatcht als die Geschichte dahinter. Sagen wir es so: Ich hätte das Buch gern genauso hypnotisiert gesuchtet wie ich es hübsch fand.

Ich wollte eigentlich einen tiefgründigen, chaotischen Summer Read. Bekommen habe ich eine Clique privilegierter Amerikaner mit erstaunlich viel Geld, erstaunlich wenig Selbstreflexion, die emotional irgendwo zwischen Highschool-Mentalität und Midlife-Crisis festhängen. Die sich ständig betrinken, Gras und Magic Mushrooms konsumieren und dabei überraschend wenig wirklich Interessantes erleben.

„Genau so überlebten sie das Elternsein und das Leben mit kleinen Kindern: Sie gönnten sich abwechselnd ein bisschen Gras, Magic Mushrooms oder Alkohol – alles, was die Umrisse des Lebens weicher machte.“ (S. 118, Fran)

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Nina Schilling: When Shadows Darken The Sun

Seit Generationen bestimmen die Traditionen der magischen Welt ein eisernes Gesetz: Die Erben des Tag- und des Nachthofes müssen in einem legendären, magischen Turnier gegeneinander antreten. Der Einsatz könnte nicht höher sein: Der Sieger entscheidet über die zukünftige Herrschaft des Dritten Hofes. Vor diesem Hintergrund wächst der Thronfolger Nox auf; von klein auf wurde ihm nur ein einziges Ziel eingetrichtert: Er muss die Prinzessin des Taghofs im kommenden Turnier schlagen, komme, was wolle. Doch das Schicksal schlägt einen anderen Weg ein, als er Cass trifft …

Der größte Pluspunkt dieses Buches liegt zweifellos im Schreibstil. Nina Schilling hat einen angenehmen, flüssigen und eleganten Schreibstil. Der Einstieg in die Geschichte wird so sehr leicht gemacht und die Seiten fliegen beim Lesen richtig an einem vorbei. Die bildhafte und atmosphärische Beschreibung der Schauplätze hat mir gut gefallen: Die düstere, geheimnisvolle Ästhetik des Nachthofs oder das strahlende, fast schon blendende Ambiente des Taghofs – man kann sich als Leser jede Kulisse, jedes Kleidungsstück und jede magische Nuance detailreich und lebendig vorstellen.

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Jean Luc Bannalec: Bretonischer Glanz: Kommissar Dupins fünfzehnter Fall

Die Ermittlungen in seinem neuesten Fall führen Kommissar Georges Dupin ganz in den Norden der Bretagne, ins Finistère, wo zum einen gerade das alljährliche Krimifestival stattfindet, an dem – als Fan eines bekannten Autors – auch Inspektor Kadeq teilnimmt, und zum anderen die Vorbereitungen für das traditionelle Zwiebelfest auf Hochtouren laufen. Die Zwiebeln von Roscoff sind berühmt und besonders – auch der Autor schwärmt: „Unfasslich deliziös, aber nicht scharf-beißend, mild und fruchtig-süßlich. Geschmort dann zartschmelzend und nussig, karamellisiert. Hat mit ordinären Zwiebeln nichts zu tun, unendlich vielseitig zuzubereiten …“ Und so ist es diesmal die Zwiebel, die uns in diesem atmosphärischen Bretagne-Krimi als ein weiteres wichtiges und berühmtes Kulturgut der Region vorgestellt wird. Wie immer spielen die lukullischen Genüsse, die Stimmung in der pittoresken kleinen Stadt am Meer mit dem kleinen Hafen mit den vielen bunten Segeln, dem angelsächsischen Flair („Plymouth liegt näher als Rennes….“), das Licht, die Sonnenauf- und -untergänge eine große Rolle.

In Roscoff ist eine junge Frau ermordet worden, ausgerechnet dort, wo gerade das Krimifestival stattfindet. Annic Philouze war eine der ortsansässigen Zwiebelbäuerinnen und sehr engagiert in Organisationen und Verbänden, die sich der Bewahrung dieses Kulturguts verschrieben haben. Welchen Grund sollte jemand haben, diese beliebte junge Frau zu ermorden? Dupin und sein Team schlagen ihre Zentrale vor Ort auf. Das bedeutet allerdings, dass sie sich im Hotel, in dem auch die Teilnehmer des Krimifestivals untergebracht sind, die letzte freie Suite teilen müssen. Immerhin gibt es da eine, wenn auch nur Kapselmaschine, sodass Dupin unbegrenzten Zugang zu seinem geliebten petit café hat – eine Grundvoraussetzung dafür, dass er sich überhaupt arbeitsfähig fühlt! Die Ermittlungen lassen dem Kommissar, seinen Inspektoren und den ortsansässigen Kolleginnen allerdings kaum Zeit, sich in der Suite oder überhaupt mal auszuruhen.

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Freya Sampson: Mord ohne Vorwort

Mord und Diebstahl rund um einen Buchclub – leicht schnulziger Versuch eines Krimis

Wenn man von einer Autorin und ihren Werken begeistert ist, dann steigt von Buch zu Buch die Erwartung. Wenn diese dann mit einem weiteren Roman nicht so ganz erfüllt wird, liegt das nicht immer an der Autorin, sondern vielleicht an den Erwartungen.

Die bisherigen Romane von Freya Sampson haben mich alle begeistert. Jeder auf seine Art war berührend, fesselnd – im Grunde waren es alles regelrechte Wohlfühlromane. Immer waren ihre Protagonistinnen mit Einfühlungsvermögen gezeichnet, mit Verständnis und Humor beschrieben, und immer war die Handlung durchdacht, spannend und voller Wendungen.

Nun legt sie einen Kriminalroman vor oder vielmehr den Versuch eines Krimis. Im Mittelpunkt stehen die Teilnehmer eines kleinen Buchclubs auf dem Land. Nova, aus London in die Kleinstadt gezogen, um zu heiraten, ist beim Gemeindezentrum angestellt und hat diesen Club ins Leben gerufen. Leider findet er nicht allzu viel Zuspruch, nur drei Teilnehmer kommen: Phyllis Hudson, fanatischer Fan von Agatha Christies Romanen und insbesondere von Miss Marple; Arthur Robinson, auch nach 60 Jahren immer noch sehr verliebt in seine Frau Esi; und Ash Chalabi, Teenager, Liebhaber von Science-Fiction-Romanen und sehr schweigsam und schüchtern.

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Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe

Ruth-Maria Thomas (Jahrgang 1993) hat ihren zweiten Roman geschrieben. „Die zweitgrößte Liebe“ ist am 30. Juli 2026 bei dtv erschienen.

Mit „Die schönste Version“, ihrem Debüt aus dem Jahr 2024, war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Mit ihrem neuen Buch scheint sie an den Erfolg des Erstlings anzuknüpfen.

Arme Ostdeutsche trifft wohlhabenden Westdeutschen

Mishelle, Shelly genannt, ist pleite. Sie muss ihren Schmuckladen in einer Lausitzer Kleinstadt schließen. Die Corona-Pandemie hatte sie zur Aufnahme von Krediten gezwungen, die sie nicht mehr bedienen kann. Übrig bleiben Schulden. Mishelle beschließt wegzugehen. Sie verabschiedet sich von ihrem Bruder, steigt auf ihre Vespa und fährt Richtung Westen.

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Clara Blais: Liars All Around Me

An einem Tag fragt Avery, die Klassenbeste aus gutem Hause, Ryle, den Versager der Schule, nach einer Waffe – am nächsten wird ihre größte Konkurrentin tot aufgefunden. Erschossen. Für Ryle ist klar, dass Avery ihre Finger im Spiel hatte. Für Avery ist klar, dass sie Ryle vom Gegenteil überzeugen muss. Denn auch wenn sie das andere Mädchen nicht ermordet hat, darf die Polizei auf keinen Fall einen näheren Blick auf ihr Leben werfen. Die Geheimnisse, die sie hütet, könnten dieses für immer zerstören.

Also versucht Avery – mit der überraschenden Hilfe Ryles – den Mord aufzuklären und ihre eigene Unschuld zu beweisen. Doch das ist gar nicht so einfach in einer Stadt voller Superreicher, die die Polizei nach Lust und Laune lenken und sich ungeprüft Alibis ausdenken können …

Die Lektüre von „Liars All Around Me“ ist eine echte Achterbahnfahrt. Das Buch läuft langsam an, hat dann eine Durststrecke, nimmt auf den letzten 60 Seiten nochmal an Fahrt auf, lässt einen mitfiebern, sich die Haare raufen, kommt mit einer kurzen Enttäuschung um die Ecke, lässt einen auf den letzten drei Seiten die Kinnlade runterklappen und überrascht aufschreien – nur um einen dann am Ende recht verwirrt zurückzulassen. Ja. Keine Ahnung, wie ich dieses Buch bewerten soll. Es läuft eben sehr langsam an, wird aber am Ende enorm spannend. Die unerwartete Wendung ist ganz großartig gelungen (der ursprünglich eröffnete Mörder war schon ein wenig enttäuscht, weil einigermaßen vorhersehbar), aber eben mehr in der Theorie, weniger in der Ausführung. Der große Knall im letzten Satz, so genial er sein mag, bringt leider mit sich, dass der Geschichte keine Zeit mehr bleibt, irgendetwas zu erklären.

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Anna Dimitrova: Between the Lines

Kali liebt drei Dinge: Humor, das Schreiben und die Liebe. Im Drehbuchstudium kommt all das zusammen, und das Leben scheint perfekt. Doch schnell merkt sie, dass das echte Leben wohl doch keine RomCom ist. Oder doch? Schon bei der Aufnahmeprüfung lernt sie ihren vermeintlichen Traumprinzen kennen – doch schnell stellt sich heraus, dass Rei ihr gegenüber weder ehrlich noch sympathisch ist. Und ausgerechnet mit ihm soll sie einen Film machen …

In diesem Buch geht es für mich ums Nicht-Aufgeben, gute Geschichten und die Leidenschaft zum Schreiben.

„Filmemacher sind doch eh Hobby-Psychologen.“ (~Between the lines, S. 187)

Dieses Zitat vereint für mich die wichtigsten Bausteine dieses Buchs: Viel Witz, gepaart mit tiefgründigen Themen und über allem ganz viel Liebe füreinander, für Bücher, für Filme, fürs Schreiben und für all die kleinen Details dazwischen.

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Norbert Scheuer: Holunderholz

„Leben lässt sich nicht vollständig erzählen; es bleibt Stückwerk“, schreibt der Autor in seinem Nachwort. Und er fährt fort: „Ich bin kein Historiker. Ich erzähle Geschichten. Aber solche Ereignisse (Anm.: die Explosion des Kalvarienberges in Prüm 1949) … verschwinden nicht. Sie wirken fort, verändern Haltungen, kehren in anderer Gestalt zurück. Vielleicht erklärt sich daraus meine Aufmerksamkeit für das Fragmentarische … für das Schweigen zwischen den bekannten Fakten.“

Holunderholz – was für ein schönes Wort! Und nicht nur das: Aus dem harten Holz des Holunderbaumes lässt sich eine Flöte schnitzen: „Wenn man hineinbläst, klingt es nicht wie ein Instrument. Es klingt eher, als würde etwas antworten.“ Es ist ein Mädchen, eine junge Frau, kaum der Sprache mächtig, die auf dem Hollerholz ihre Version der Geschichte lebendig werden lässt.

Der seit vielen Jahren bekannte Autor aus der Eifel, Norbert Scheuer, erzählt in seinem neuen, seinem elften Roman –  nach dem mit dem Wilhelm-Raabe-Preis geehrten und für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagenen „Winterbienen“ (2019)  – eine Geschichte, wie er sie eben erzählen kann. Auf direktem Wege geht es nicht.

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