Jens-Philipp Gründler: Das Schweigen der Gedanken

Der Autor Jens-Philipp Gründler ist ein Könner auf dem Gebiet der Kurzprosa, wobei er die stillen Töne liebt, heftige Wendungen aber ebenso einsetzt.

Die erste Kurzgeschichte, „Der heilige Name“, erzählt von der Begegnung des Ich-Erzählers mit dem römischen Klerus: „Meine Vorliebe für diese vorzugsweise reptilienartig gealterten, nach Flieder duftenden Greise…“. Sorgfältig beobachtet und mit hintergründiger Komik („Wo hat der Edelmann den Prospekt an sich genommen?“) lässt Gründler es zu der Begegnung mit einer Bettlerin kommen.

In „Hart Island“ begegnet uns ein Thema, das sich durch die meisten Texte begleitet, dem Traum („Luzide Träume waren für Anna Rosensteins Arbeit immer schon eine unbedingte Notwendigkeit gewesen“). Horrorelemente und aktuelle Bezüge (Corona) machen diesen Text für mich zu einem der Highlights des Buches. Die Kurzgeschichte könnte seht gut die Inspiration zu einem Roman sein, Figuren, Setting und Handlung würden auch einen längeren Text tragen.

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Anuschka Roshani: Gleißen: Wie mich LSD fürs Leben kurierte

Die Substanz hatte mein Ich in eine gefühlte Ewigkeit gebombt – ich glaubte zu sterben –, und meinem Alltagsbefinden währenddessen, so unmerklich wie unverkennbar, eine funkelnagelneue Dimension hinzugefügt.“ (Zitat S. 9)

Der Markt boomt: Aktuell schießen nicht nur Biotech-Start-ups* wie Pilze aus dem Boden, auch an Universitäten werden Abteilungen wie „Center fortheNeuroscienceofPsychedelics“ oder „Center forPsychedelicandConsciousness Research“ gegründet. (*die die neurowissenschaftliche Forschung mit Psychedelika vorantreiben)

Neugierig geworden durch diese Forschungsrenaissance von LSD, fängt Anuschka Roshani an, zu recherchieren. Ihre Recherche mündet dort, wo alles anfing: in der Schweiz. Spezieller: in einer LSD-Selbsterfahrung eines höchstpersönlichen „erquicklichen Perspektivwechsels“ am Unispital Basel, wo sie am Grund ihrer Seele schürfte.

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Mariette Navarro: Über die See

Eine Kapitänin, ihr Schiff, die Mannschaft, das Meer und die Unberechenbarkeiten des Lebens. – Genügend Stoff, um daraus eine unterhaltsame Geschichte zu konzipieren, sollte man meinen. – Weit gefehlt! – Nicht nur die Handlung, sondern vor allem die facettenreiche Sprache ist es, durch die dieser wunderbare kleine Roman punktet.

Entgegen jeglicher Disziplin, an die sie sich seit jeher gehalten hat, entgegen aller Vorschriften und Vernunft, schaltet die Kapitänin auf der Überfahrt vom französischen St. Nazaire in Richtung der Antillen mitten auf dem Ozean Motor und Radar ihres Frachters aus, um ihrer Crew ein Bad im kalten Ozean zu ermöglichen. Ein Unterfangen, das so verrückt wie verwegen gleichzeitig ist.

Mit ihrem Eintauchen in das Wasser eint die Seeleute nun eine Anderswelt, in der sich jeder von ihnen erst einmal zurechtfinden muss. Von nun an sind sie samt der an Deck gebliebenen Kapitänin  nur noch mit sich selbst beschäftigt. Zurückgeworfen in ihre bloßen Existenzen werden sie sich körperlich und seelisch ihres Daseins und dem Ausgeliefertsein an die Natur einerseits verzückt, andererseits schmerzlich bewusst. Allein auf sich gestellt kommt sich jeder der Männer auf eine der Wirklichkeit entrückte Art so nahe wie nie zuvor.

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Alexandra Bracken: Lore

Es gibt sie noch, die alten Götter, auch im modernen New York. Naja, wenigstens einige davon. Denn alle sieben Jahre findet der Agon statt, die Götterjagd. Dann werden die Götter des Olymp für sieben Tage sterblich und wer eine von ihnen tötet, bekommt seine Macht. Die Jäger stammen ausnahmslos aus Familien, deren Stammbäume bis ins alte, sehr alte Griechenland, zurückreichen. Sie werden von frühester Kindheit an für die Jagd ausgebildet und die meisten sind stolz darauf.

Lore hat ihre gesamte Familie am Ende der letzten Jagd verloren und wollte eigentlich nie wieder etwas damit zu tun haben. Aber ausgerechnet die Göttin Athene sucht bei ihr Schutz und versucht sich mit ihr zu verbünden. Und dann ist da auch noch ein Freund aus Kindertagen, der ganz offensichtlich nicht alleine zurechtkommt.

„Lore“ ist blutig und brutal, aber nicht mehr als viele andere Dystopien auch. Ich mochte die Person Lore und den Gedanken, die griechischen Götter ins moderne zu übertragen. Insgesamt konnte mich das Buch jedoch nicht überzeugen. Für meinen Geschmack gab es entschieden zu wenig Informationen über die griechischen Götter und ihren eigentlich wirklich interessanten Familienstammbaum. Hier kommt es eher daher wie ein Namedropping der antiken Art, ohne, dass man viel über die Hintergründe erfährt.

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Karen Sander: Der Strand: Vermisst

Als Lilli noch ein Baby war, verschwand ihre Mutter am Strand. An dem Tag hatte diese noch vor, endlich ihren Eltern zu erzählen, wer der Kindesvater ist. 19 Jahre später verschwindet auch Lilli am Strand. Dies behauptet ihre beste Freundin, die sich mit Lilli in der Nähe des Bunkers treffen wollte. Möglicherweise wurde sie entführt, manche in dem beschaulichen Ort Sellnitz glauben sogar an ein Tötungsdelikt.

Kriminalhauptkommissar Tom Engelhardt lässt schneller als üblich den Wald und Strand durchsuchen. Die taube Lilli gilt als besonders schutzbedürftig. Vom LKA aus wird ihm kurzfristig Mascha Krieger zur Seite gestellt. Die Kryptologin soll chiffrierte Nachrichten von Lillis Handy entziffern. Sie beginnen mit den Ermittlungen, ohne dass sie die Indizien zu einem Bild zusammensetzen können. Denn die Menschen aus Lillis Umfeld scheinen mehr zu verschweigen, als sie sagen. Vielleicht bleibt Lilli aus diesem Grund verschwunden.

Bevor Karen Sander eine erfolgreiche Autorin wurde, arbeitete sie als Übersetzerin und dozierte an der Universität. Ihr Vorliebe für eine bestimmte Art der Unterhaltungsliteratur zeigte sie, als sie über die Britin Val McDermid promovierte. In ihrer Trilogie um das Verschwinden junger Frauen in der ehemaligen DDR beschreibt die Autorin eine weitläufige, wenig besiedelte Landschaft an der Ostsee, in der der Zusammenhalt der Bewohner an erster Stelle steht. Man kennt sich, man sieht sich und macht miteinander Geschäfte. Es wird ein großer Personenkreis vorgestellt. Jeder einzelne Charakter ist so angelegt, als könne er eine wichtige Rolle spielen.

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Clare Mackintosh: Die letzte Party

Die eisig-wunderschöne Landschaft Wales, eine rauschende Silvester-Party mit dem beliebten Neujahrsschwimmen im See, wo das Wasser so kalt ist, dass einem die Lunge gefriert. Und ein Dorf voller Geheimnisse …

Ich habe mir einen unheimlich spannenden Thriller erhofft: Die Party aller Partys in einem walisischen Dorf endet mit dem Mord am Gastgeber. Alle Gäste sind verdächtig.

Und was für ein wahnsinnig eye-catching Cover!

Ich muss gestehen: Für meinen persönlichen Geschmack waren es tatsächlich viel zu viele Verdächtige (und Namen), die es kennenzulernen galt. Ein bisschen verwirrend und schwierig für mich, den Überblick über die vielen Charaktere zu behalten. Auch war mir leider die Ermittlerin nicht wirklich sympathisch und die Storyline definitiv zu langatmig, ohne großartige Spannungsversorgung.

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Emanuela Valentini: Die toten Mädchen vom Monte Argento

Eine junge Frau kehrt in ihr Dorf zurück. Eine Leiche wird gefunden. Ein Mädchen verschwindet. Damit beginnt, grob gesagt, dieser Roman aus Italien. Natürlich stehen all diese Dinge in Zusammenhang und daraus webt die Autorin in ihrem Debütroman eine verwirrende und verworrene Geschichte.

Sara, erfolgreiche und überarbeitete Chirurgin, kommt zurück in das kleine Bergdorf, in dem sie als Kind viel Zeit bei ihrer Großmutter verbrachte. Sie kommt zur Beerdigung von Claudia, die als Kind verschwand und deren Leiche man nun, mehr als zwanzig Jahre später, fand. Alles ist recht dubios, die Bewohner wirken alle verschroben, um nicht zu sagen verdächtig. Sara trifft alte Freunde aus der Kindheit wieder und lernt Rebecca kennen, die Tochter ihres früheren Klassenkameraden.

Als kurz darauf Rebecca verschwindet, kehrt Sara nochmal zurück und beginnt die Suche nach dem Mädchen. Alles verbindet sich irgendwie, die Vergangenheit, das damalige Verschwinden Claudias mit dem heutigen von Rebecca. Jeder benimmt sich irgendwie geheimnisvoll, alle haben ganz offensichtlich irgendetwas zu verbergen.

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Max Gladstone: Fünf Faden tief

Willkommen auf der Insel Kavekana – einst der Hort eigener Götter, nach den Götterkriegen, wie so viele der Landstriche und Länder der Welt, von eben jenen mittlerweile toten Göttern verlassen. Doch die Bewohner des Inselatolls haben aus der Not heraus etwas Neues, ein erfolgversprechendes Projekt auf die Beine gestellt. Im Auftrag der zahlungskräftigen Kunden schaffen sie künstliche Götter, die die Gläubigen dann anbeten können. Naturgemäß wirken diese weder Wunder noch reagieren sie auf ihre Jünger – die Nachfrage ist da, also ein gutes Geschäft für Land und Leute.

Kai ist Priesterin und entwickelt Gottheiten im Dienst der Firma. Dass sie Mitleid mit einer Kollegin hat, deren Götter-Konstrukt stirbt, verleitet sie dazu zu versuchen, die Gottheit zu retten. Nicht nur, dass sie beim Eintauchen ins Becken fast ertrinkt, ihr Versuch misslingt, sie selbst wird schwer verletzt. Allerdings meint sie sich zu erinnern, dass die sterbende Gottheit mit ihr geredet hätte – etwas, das eigentlich nicht sein kann, nicht sein darf! Weiterlesen

Jenny Jägerfeld: Mein genialer Tod

Sigge ist gerade sehr beschäftigt. Als Neuling in der Schule will er Freunde finden und die Angriffe in der alten Schule hinter sich lassen. Inzwischen hat er einen Freundeskreis aufgebaut. Besonders zu Juno ist eine intensive Freundschaft entstanden. Sigge und seine Freundin Juno lieben Tiere und beschließen, gemeinsam in ihrer Freizeit eine App zu gestalten.

Ohne dass Sigge etwas dagegen unternehmen kann, funken auf einmal die dominanten Zwillinge Sixten und Jona dazwischen, die in der Schule mit ihren Sprüchen und ihrem Konfrontationskurs auffallen. Jeder weiß, wenn die Zwillinge sich etwas vorgenommen haben, dann kann sie niemand vom Gegenteil überzeugen. Und wenn Sixten und Jona von jetzt auf gleich beschließen, dass Sigge Mitglied ihrer Hiphop-Crew werden soll und sie gemeinsam die großen Bühnen erobern werden, dann ist so eine Ansage Gesetz.

Wie sagt man in so einer Situation nein, wenn ein Nein in Sigges Welt mit Ängsten verbunden ist? Und während er überlegt, wie er wieder selbst über sein Leben bestimmen kann, drängen die Zwillinge mit ihrer ständigen Anwesenheit seine Freunde an den Rand.

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Steve Cavanagh: Fifty Fifty

Zwei Schwestern, ein toter Vater. Eine von beiden ist die Täterin, aber welche? Beide waren an dem Tag, an dem Frank brutal ermordet wurde im Haus, beide hatten Grund und Gelegenheit. Beide haben einen Notruf abgesetzt und seitdem beschuldigen sie sich gegenseitig. Eine von beiden überträgt Eddie Flynn das Mandat. Sein Maxime ist es, niemals einen Klienten zu verteidigen, von dessen Schuld er überzeugt ist. Sophia gelingt es, ihn von ihrer Unschuld zu überzeugen, nun muss es ihm nur noch gelingen, sie vor dem Gefängnis zu bewahren. Gemeinsam müssen sie die Geschworenen überzeugen.

„Fifty Fifty“ ist ein Gerichtsthriller, aber einer mit einem echt klugen Aufbau. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Da gibt es Eddie, den Anwalt und ehemaligen Trickbetrüger; Kate, Anwältin, die von der großen Kanzlei, die die Schwester vertritt, als Laufbursche missbraucht wird; und „Sie“, die Täterin, die den Leser teilhaben lässt an ihren Gründen und Gedanken. Bis zum Schluss wusste niemand, einschließlich des Lesers, welche der beiden Schwestern denn nun die Täterin ist. Das ganze Buch ist so geschickt aufgebaut, dass man immer wieder in die Irre läuft und sich – ehrlich gesagt  – gedanklich auch vor den Karren der Täterin spannen lässt.

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