Virginia Woolf: Mrs Dalloway (1925)

London im Juni 1923. Mrs. Clarissa Dalloway, die Gattin des Parlamentsabgeordneten Richard Dalloway, bereitet sich und das Haus auf einen ihrer beliebten Gesellschaftsabende vor. Einkäufe müssen getätigt und dem Hauspersonal letzte Anweisungen erteilt werden. Während sie am Nachmittag dann noch ihr Kleid ausbessert, erscheint überraschend Besuch: Peter Walsh, ihre erste Liebe, dem sie später allerdings den deutlich solideren Richard Dalloway vorgezogen hatte, ist aus Indien zurückgekehrt und wartet ihr mit seinem Besuch auf.

Gleichzeitig streift der Kriegsheimkehrer Septimus Warren Smith, begleitet von seiner italienischen Ehefrau Lucrezia, durch die Stadt, auf der Suche nach Hilfe gegen seine Ängste und gegen das Gefühl der Empfindungslosigkeit.

Die äußere Handlung ist auf wenige (scheinbar) alltägliche Ereignisse an ebendiesem Junitag 1923 reduziert, das Voranschreiten der Zeit wird durch das Leuten von Big Ben verdeutlicht, dessen viertelstündlicher Glockenschlag zugleich dem Roman, der im Übrigen ohne Kapitel auskommt,  Struktur verleiht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Gloria Naylor: Linden Hills (1985)

Der Name Linden Hills steht für den nördlichen Abhang eines fruchtbaren Plateaus, der am unteren Ende am städtischen Friedhof endet. Und weil der felsige Boden für landwirtschaftliche Zwecke völlig ungeeignet ist, konnte 1820 der dunkelhäutige Luther Nedeed dieses 2,5 km lange Areal kaufen. Die Gemeinde lachte damals über diesen scheinbar dummen Menschen und freute sich schon am Tag des Eigentümerwechsels auf sein Scheitern. Doch was sie später erkannten, erschütterte ihre Erwartungen: Aus dem unwegsamen Gelände ist im Laufe der Jahre eine Heimat für Farbige geworden, die Luther Nedeeds Hütten angemietet oder auf einem gepachteten Grundstück Häuser gebaut haben, während ihr Vermieter und später sein Sohn, Enkel, Urenkel noch immer neben dem Friedhof leben und ihre Dienste für Beerdigungen anbieten. Seine Erfolgsgeschichte, der amerikanische Traum für Farbige, weckte die Neugier der Forscher, den Neid der weißen Nachbarn und die Sehnsucht zukünftiger Mieter und Pächter. Was vielen nicht auffiel, war der häufige Wechsel der Bewohner. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Goliarda Sapienza: Tage in Rebibbia (1983)

Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Die Autorin Goliarda Sapienza (1924–1996) hatte alle Karten in ihrem Leben ausgereizt, und es schien, dass all ihre Entbehrungen umsonst gewesen waren. Zehn Jahre hatte sie an ihrem Lebenswerk geschrieben, unter Depressionen gelitten, und die Verleger lehnten ihr unkonventionelles Manuskript ab. Wäre sie ein Mann gewesen, hätten die Verleger vermutlich das umfangreiche Buch herausgebracht. Aber das literarische Werk hatte eine moderne, unabhängige Frau geschrieben. Mittel- und obdachlos stand sie da, und keiner wollte sie für ihre Arbeit entlohnen. Und weil sie eine Dekade lang nur für ihr Opus lebte, gab es in dieser Zeit auch keine Veröffentlichungen, die für sie sprachen.

Goliarda Sapienza hatte also alle Karten ausgespielt und wie jeder andere lebendige Mensch Hunger und andere Bedürfnisse. Wer keine Gönner oder Spender zur Hand hat, der greift schon mal zu. Also griff sie zu und erleichterte eine Bekannte. Statt den Wertgegenstand zu versilbern, wurde sie geschnappt, verurteilt und landete 1980 am Ende des Sommers für ein paar Monate in einem römischen Frauengefängnis. Dieses hatte gerade einige Reformen durchlebt: Es gab keine Nonnen mehr als Aufsichtspersonal, und die Gefängniskleidung wurde abgeschafft. Nun regelten die inhaftierten Frauen ihren Alltag zum Teil eigenständig. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp (1988)

Die Zukunftsperspektive einer jungen Frau war in Großbritannien in den späten 80er Jahren oft dieselbe: Ein Leben im Schatten des Ehemannes ohne eigene Selbstverwirklichung. Dieser tristen Realität zum Trotz schildert der britische Bestsellerautor J. L. Carr in dem erstmalig 1988 erschienenen Roman „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ eine feministische Perspektive einer jungen Frau, die fest davon überzeugt ist, dass ihr Leben mehr zu bieten hat als zu heiraten, eine Familie zu gründen und dem Ehemann alle Wünsche zu erfüllen.

Die 18-jährige Hetty hat bald ihren Schulabschluss in der Tasche und möchte ihrer Bildung auch nach der Schule einen hohen Stellenwert beimessen. Vonseiten ihrer Eltern – besonders der ihres cholerischen Vaters – erfährt sie allerdings mehr Gegenwind als Unterstützung, besonders, was ihre Liebe zur Literatur angeht. Als jedoch ein gewaltiges Geheimnis an die Luft kommt, beschließt Hetty, fortan ihren eigenen Weg zu gehen.

Dass J. L. Carr in der damaligen Zeit die Perspektive einer selbstbestimmten Protagonistin beleuchtet, verdient Lob. Carr zeigt in seinem Roman realitätsnah, welche Rolle Frauen in der Gesellschaft und Familie zu der Zeit einnahmen und dass der Status quo eben nicht im Sinne aller Frauen war. Der Roman ist allein schon deshalb lesenswert, weil es interessant ist zu erfahren, wie ein feministischer Roman in den 80er Jahren umgesetzt wurde. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Stefan Zweig: Der Amokläufer (1922)

Ich wusste nicht, dass das Wort „Amok“ aus dem Malaiischen stammt. Die Malaien rufen es als Warnung, wenn ein Mensch in wahnartigen Rauschzuständen geradeaus durch den Ort läuft und wahllos jeden tötet, der nicht schnell genug weglaufen kann. In eben diesem Zustand befand sich der Protagonist dieser Novelle von Stefan Zweig. Der in Wien gebürtige Autor beschrieb mit Vorliebe menschliche Abgründe. Die vorliegende Novelle beschreibt die selbstzerstörerischen Auswirkungen einer übersteigerten Leidenschaft.

Die eigentliche Geschichte ist in eine Rahmenhandlung eingebettet. Der namenlose Erzähler trifft auf der Überfahrt von Kalkutta nach Neapel auf einen geheimnisvollen Fremden, der sich nur des Nachts an Deck des Passagierschiffes aufhält und ihm eine bewegende Geschichte erzählt. Der Mann ist ein deutscher Arzt, welcher auf einer der Distriktstationen in den holländischen Kolonien in Indonesien eingesetzt ist. Die Begegnung mit einer Frau bringt ihn dergestalt außer Takt, dass er wie im Rausch seine Existenz hinwirft, ihr nacheilt und jegliche Selbstkontrolle aufgibt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Henriette Valet: Madame 60a (1934)

Henriette Valet (1900 – 1993) war in Paris Schriftstellerin und Journalistin. Sie schrieb für linke Arbeiter- und Gewerkschaftsblätter, Romane und darüber hinaus Theaterstücke. In der Szene linker Intellektueller lernte sie den marxistischen Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre kennen, den sie 1936 heiratete. Nach 1946 verlieren sich ihre literarischen Spuren. Ihr Roman Madame 60a wurde 1934 veröffentlicht und erfuhr mehrere Auflagen.

Und dies zu Recht. Die Autorin thematisiert die Situation von ledigen schwangeren Frauen, die aus der ehrbaren Gesellschaft verstoßen worden sind. Deshalb sollen sie wieder brav und fügsam sein, still leiden und fleißig arbeiten. Für ihre Würde und Rechte gibt es wenig Raum. Sogar untereinander scheint es wenig Unterstützung zu geben. Denn die Schwangeren loten untereinander ihre eigene, gnadenlose Hackordnung aus, die von den verheirateten Frauen angeführt wird. Danach kommen die Arbeiterinnen und die Dienstmädchen. Und am Ende die Huren, Bettlerinnen und Polinnen, die auf fremden Feldern schwere Arbeit verrichten und in Baracken hausen. Sie alle haben einiges gemeinsam: Armut, wenig Bildung und eine ungewollte Schwangerschaft. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Fjodor Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Untergrund (1864)

Dostojewskis Kurzroman „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ erschien 1864 in der Zeitschrift „Epoche“, deren Herausgeber er gemeinsam mit seinem Bruder Michail war.

Der Erzähler ist ehemaliger Beamter, der nach einer kleinen Erbschaft den Dienst quittiert und sich in seine Wohnung zurückgezogen hat. Er ist ein Außenseiter, hat keine Freunde und verabscheut seine Nachbarn. Verbittert, voller Rachsucht und Neid gegenüber den Menschen und in allen Punkten unzufrieden mit sich selbst, ist es ihm doch das größte Vergnügen, über seine Person zu schreiben. Er hält sich selbst für klug, für klüger als die meisten anderen und er beschreibt seine Klugheit als Fluch, weil sie ihn dazu verleitet, sich die Beweggründe seiner Handlungen vor Augen zu führen und zu erkennen, dass er genaugenommen nur aus Egoismus handelt.

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Im ersten, eher essayistischen Teil lässt Dostojewski den namenlosen Erzähler seine Haltung zur Gesellschaft darlegen. Er hält sich bewusst abseits, zieht eine klare Trennung zwischen sich und den anderen und klagt über die Selbstzufriedenheit der „Menschen der Tat“, deren Dummheit jeden Zweifel an sich selbst verhindert.

Er zieht dabei den Bogen zu Zeitgeschehen und neuen Ideen. Der Erzähler wendet sich an imaginäre Gesprächspartner, die er mit „meine Herrschaften“ anspricht und diskutiert mit ihnen über das Wesen des Menschen, über Möglichkeiten, Menschen durch Bildung umzuerziehen und über die Definition von Vorteil und freiem Willen. Er vertritt die Meinung, dass Menschen zwanghaft wider die Vernunft handeln, um sich zu beweisen, dass sie es können. Ganz gleich, ob sie damit sich selbst schaden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Raymond Chandler: Die Lady im See (1943)

„Die Lady im See “, im Original „The Lady in the Lake”, ist Chandlers vierter Roman. Er wurde im Jahr 1943 veröffentlicht und inzwischen auch schon mehrfach ins Deutsche übersetzt. Für die Neuedition hat der Diogenes Verlag in Robin Detje einen Übersetzer gefunden, der Chandlers Text gekonnt ins Deutsche übertragen hat.

Die Geschichte beginnt eher harmlos: Der Unternehmer Derace Kingley beauftragt Privatdetektiv Marlowe, seine Frau zu suchen. Chrystal Kingsley ist vor etwa einem Monat verschwunden. Sie war zuletzt in einer Blockhütte an einem kleinen See in den Bergen, bevor sie sich angeblich mit einem neuen Lover nach Mexico angesetzt hat. Kingsley will vor allem sicherstellen, dass seine zu Ladendiebstählen neigende Gattin ihm keinen Ärger macht. Marlowe fährt zum Ferienidyll der Kingsleys und findet eine Frauenleiche im See. Damit beginnt ein Verwirrspiel um Namen und Identitäten.

Die Tote wird als Muriel Chess identifiziert, die Frau des Hausverwalters Bill Chess, welcher behauptet, seine Frau habe ihn vor einem Monat nach einem Streit verlassen. In den weiteren Ermittlungen tauchen immer mehr Namen auf, vor allem blonde Frauen mit ausschweifendem Lebendstil, die selten sind, was sie zu sein vorgeben, und es gibt weitere Tote. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Vicky Baum: Zwischenfall im Lohwinckel (1930)

Grandiose Beobachtungsgabe, geschrieben mit spitzer Feder und ebenso humoristischen Spitzen: Vicki Baum, deren wunderbare Gesellschaftsromane einst den Nazis zum Opfer fielen, ist eine lohnenswerte literarische Wiederentdeckung! In ihrem Buch lässt sie Lebensmodelle, Milieus und Menschen aufeinander krachen, dass es eine Lust zu lesen ist! Unterhaltsam, aber mit Tiefgang, dabei von verblüffender Aktualität. Kurz: Die Zutaten, aus dem Klassiker gemacht sind.

Im verschlafenen Städtchen Lohwinckel in Rheinhessen geht in den ausklingenden 20er Jahren alles seinen gewohnten Gang. Bis drei mondäne Berliner mit ihrem Auto im Straßengraben landen, ärztlich versorgt werden müssen und bei der hiesigen Bevölkerung zur Genesung einquartiert werden. Das Trio infernale bringt im Ort alles durcheinander. Da ist die attraktive Leore Lania, Filmschauspielerin und vierfach geschieden, die mit ihrem neuen Lover Peter Karbon – Industrieller, Lebemann, Freigeist – durch die Lande tingelt. Dazu der Mittelgewichtsweltmeister im Boxen, Franz Albrecht, dessen maskuliner Körper so gar nicht mit seinem zartbesaiteten Verhalten übereinstimmen will. Kaum treffen die fortschrittlich gestimmten Berliner auf die konservativen Provinzler, brechen die unter der Oberfläche brodelnden Konflikte hervor: Arbeiterstreiks, amouröse Verwicklungen, alte Fehden, jugendliche Aufstände und medizinische Streitfragen verwandeln Lohwinckel in ein Pulverfass, dass sich in einem tatsächlichen Brand entlädt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Barbara Pym: Quartett im Herbst (1977)

Vier Arbeitskollegen straucheln im „Herbst“ ihres Lebens – oder vielmehr kurz vor der Rente. Wie kaum eine andere versteht es die englische Autorin Barbara Pym sarkastische Spitzen und leise Untertöne, Humor und Tragik so gekonnt zu vermischen. Ihre vier unterschiedlichen Charaktere skizziert sie haargenau. Die Figuren blitzen so lebhaft vor unserem inneren Auge auf, als würden sie uns bei einem Earl Grey auf dem Sofa gegenübersitzen. Die Autorin staffiert jede einzelne mit ebenso liebenswerten wie skurrilen Eigenheiten aus. Edwin, Norman, Letty und Marcia sind zwar grundverschieden, dennoch verbindet sie mehr als nur ihre Arbeit in der Abteilung einer Londoner Firma. Alle vier sind alleinstehend, einsam und wissen nicht, womit sie die langen Tage abseits des Büros füllen sollen. Oder wie Norman sich angesichts der gefürchteten Ferienzeit eingestehen muss: „Ein paar Urlaubstage hatte er noch in der Hinterhand. ‚Man weiß nie, wozu so etwas gut sein kann‘, sagte er, aber er argwöhnte selbst, dass ihm diese Reservetage nie zu etwas gut sein würden, sondern sich vor ihm ansammeln würden wie die Haufen toten Laubs, die im Herbst auf die Gehsteige geweht wurden.“ (S. 60)

Die menschenscheue Marcia hat eine Marotte: Sie sammelt Milchflaschen und Konservendosen, um sie ständig neu zu sortieren, während Haushalt und Garten verwildern. Seit ihrer Mastektomie schwärmt sie für ihren Chirurgen Dr. Strong. Die Kontrolluntersuchungen werden zum sozialem Highlight. Obendrein sticht sie durch einen ziemlich schrillen Modegeschmack, beziehungsweise durch Fehlen desselben, ins Auge. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: