Kirstin Breitenfellner: Maria malt

Die Autorin beginnt die fiktive Biografie über Maria Lassnig mit einem wunderschön erzählten ersten Kapitel über deren frühe Kindheit. Maria „Riedi“ ist arm und oft hungrig, sie lebt als „lediges Kind“ bei der Großmutter. Manchmal muss sie zur Strafe auf einem Holzscheit knien, manchmal bekommt sie den Zutzel, damit sie still ist, einen zerknäulten Lappen, gefüllt mit Zucker und Alkohol. Sie weiß, manche Kinder, die zuviel zutzeln, werden davon dumm. Auch Riedi ist anders, sie mag nicht sprechen. Dafür kann sie zeichnen und malt das Haus ihrer Großmutter. Ihre Mutter ist schön, stark und klug, und nachdem sie einen Bäckermeister geheiratet hat, holt sie Riedi zu sich.

Diese Geschichte ist sehr berührend und ich habe beim Lesen erst einmal innegehalten, bevor ich weiter auf die Reise gegangen bin: Maria besucht die Wiener Akademie: „Die Tochter und Enkelin einer langen Reihe von unverheirateten und unterprivilegierten und überarbeiteten Frauen“ erhält ihr Hochschuldiplom, wird in Kärnten zum Provinzstar und verliebt sich in den „Widerspenstigen Wilden“ Arnulf Rainer. Die Künstlerpersönlichkeiten inspirieren sich gegenseitig in der Nachkriegszeit, werden dann zu Konkurrenten, die sich unterschiedlich gut im Kunst-„Betrieb“ durchsetzen können. Kurz: Arnulf verkauft, Maria malt. Weiterlesen

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Mina König: Mademoiselle Oppenheim

Erst achtzehn Jahre alt ist Meret Oppenheim, als sie das Elternhaus in Deutschland und die geliebte Großmutter in der Schweiz verlässt, um nach Paris zu ziehen. Ihr Ziel: der große Durchbruch als weltbekannte Künstlerin. Anfänglich besucht sie Kurse an der Kunstakademie, tut dies aber nur, um die Sorgen ihrer Eltern zu beschwichtigen. Denn diese verstehen ihren Drang zur abstrakten modernen Kunst nicht und halten sie für ausgemachte Zeitverschwendung. Als Meret dann auch noch zustimmt, für ein Projekt Aktmodell des berühmten Fotografen Man Ray zu sein, verliert sie jegliche Unterstützung. Ihr Vater empfiehlt ihr, eine Irrenanstalt aufzusuchen und Meret bricht als Antwort jeglichen Kontakt ab. Das Schlimmste hieran ist nicht nur, dass die freie Entfaltung ihrer Kunst hinter das Geldverdienen treten muss, sondern auch, dass Meret im Unwissen bleibt, wie es ihrer Familie geht. Nur in den Nachrichten erfährt sie von der erschreckenden politischen Lage in ihrem Heimatland und von der Gefahr, der ihre Eltern und ihre Geschwister mit jüdischen Wurzeln ausgesetzt sind. Weiterlesen

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Ian McEwan: Lektionen

Der britische Schriftsteller Ian McEwan (Jahrgang 1948) und Booker-Prize-Träger von 1998 (für „Amsterdam“)  schreibt Bestseller. Nun ist am 28. September 2022 sein neuester Roman mit autobiografischen Elementen im Diogenes Verlag erschienen. Das Buch mit dem deutschen Titel „Lektionen“ wurde von Bernhard Robben aus dem Englischen übersetzt.

Ian McEwans Protagonist Roland Baines ist wie er 1948 als Sohn eines Offiziers der britischen Armee geboren und in Libyen aufgewachsen. Mit elf Jahren wird Roland von seinen Eltern auf ein Internat in England geschickt. Dort erhält er Klavierstunden von Miss Miriam Cornell, die den Jungen verführt und missbraucht.

Im Frühjahr 1986 verschwindet Rolands deutsche Frau Alissa und lässt ihn mit dem gemeinsamen Baby Lawrence in London zurück. Roland schlägt sich mehr schlecht als recht mit dem Sohn durch das Leben. Er arbeitet als Barpianist, Tennislehrer und Gelegenheitsschreiber. Seine Freundin Daphne und ihr Mann Peter unterstützen ihn. Alissa, die wieder ihren Geburtsnamen Eberhardt annimmt, wird eine berühmte Schriftstellerin und lehnt den Kontakt zu Roland und Lawrence ab. Für Lawrence ist er ein guter Vater, die Beziehung zwischen den beiden ist fest und innig. Aber Roland trägt lebenslang an der frühen Beziehung zu seiner Klavierlehrerin. Irgendwann besucht er Alissa in Deutschland und auch Miriam Cornell. Roland erfährt von seinem älteren Bruder Robert. Er heiratet Daphne und erlebt ein kurzes Glück. Weiterlesen

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Anne Griffin: Die Bestatterin von Kilcross

Jeanie Mastersons Heimat ist Kilcross, ein kleiner Ort in Irland, in dem jeder jeden kennt. Ihre Familie ist mit dem Briefträger Arthur befreundet, der häufig im Familienbetrieb, Masterson Bestattungen, aushilft. Regelmäßig überlegen Jeanie, ihr Bruder und Arthur, wer wohl als Nächstes in ihrem Abschiedsraum liegen wird. Und wenn sie um einen Schokoladenriegel wetten, verliert Arthur. Inzwischen ist der Schrank mit seiner Lieblingsschokolade voll.

Früher wurde Jeanie von den anderen Kindern verspottet, deren Sprüche genauso zahlreich waren wie die Schokolade im Schrank. Denn in den Augen der Dorfbewohner ist jeder suspekt, der mit den Toten unter einem Dach schläft und mit ihnen redet.

Jeanies Vater betrachtet die Übermittlung der letzten Worte an die Trauernden als einzigartigen Service, der Mut und Trost spenden soll. Dies erklärt er immer wieder, auch dann, wenn Jeanie die Toten ganz anders verstanden hat. Und plötzlich erklärt er, er wolle mit Jeanies Mutter wegziehen und den Betrieb Jeanie und ihrer Tante Harry überlassen.

In diesem Moment bricht für Jeanie eine Welt zusammen. Weiterlesen

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Maren Vivien Haase: Golden Oaks 01: Sounds of Silence

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich Maren Vivien Haase vorher nicht kannte. Nicht bevor ich dieses Buch entdeckt habe. Also können wir bitte zuerst von diesem wunderschönen Cover schwärmen? Goldglitter splasht einen mystischen Wald, umhüllt von einem korall-pink-brombeerigen Wolkentraum. Wie konnte ich dieses Buch nicht haben wollen?

Die beiden Loves Tatum und Dash sind glaubwürdig mit all ihren Höhen und Tiefen, auch wenn mich immer mal wieder ihre nervige Performance ermüdet hat. In Golden Oaks trifft sie auf Dash, einem Typen, na mit was wohl? Hallo Klischee! Mit einer schwarzen Lederjacke, definierten Oberarmen und Tattoos. Gähn! War das das erste Indiz dafür, dass ich besser keine Cozy New Adult-Romane mehr lesen sollte?

Kleine Lichtblicke waren für mich die Eindrücke von der jeweiligen Vergangenheit der beiden Protagonisten. Denn die hat es in sich! Weiterlesen

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Shirley Jackson: Krawall und Kekse

Wenn eine Hausfrau und Mutter aus ihrem Alltag erzählt, kann das lustig sein, kann das unterhalten? Wenn diese Hausfrau und Mutter Shirley Jackson heißt, dann ist die Antwort ein unumwundenes Ja.

Shirley Jackson, geboren 1916 in San Francisco und nur 48-jährig schon 1965 verstorben, wurde bekannt vor allem durch ihre Horrorgeschichten und danach erst durch ihre unterhaltsamen Kolumnen in Zeitschriften wie „Mademoiselle“ oder „Harper’s“. In diesen Kolumnen berichtet sie von ihrem Leben als Ehefrau und Mutter von schließlich vier wirklich putzmunteren Kindern, vom Leben in der Kleinstadt, in der jeder jeden und jeder jedes Haus kennt.

Aus besagten Kolumnen entstand schließlich der vorliegende Roman, in den USA erstmals erschienen 1953. In den Episoden, die sie schildert und die einigermaßen chronologisch angeordnet sind, verfolgen wir das ziemlich chaotische Familienleben der Jacksons. Shirleys Mann, ein Literaturkritiker, der sich weitgehend aus der Erziehung und der Haushaltsführung heraushielt, und ihre im Laufe der Zeit auf vier Sprösslinge anwachsende Kinderschar halten die Schriftstellerin auf Trab. Übrigens erwähnt sie in ihren Schilderungen ihre eigene berufliche Tätigkeit so gut wie gar nicht, obwohl diese vor allem zum Unterhalt der Familie beitrug. Weiterlesen

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Pernille Hughes: Zehn Jahre du und ich

Ally und Charlie waren das Traumpaar schlechthin. Ally und Becca waren die besten Freundinnen aller Zeiten. Charlie und Becca hingegen waren die besten Feinde aller Zeiten. Ally zuliebe haben sie immer nur gestichelt und Waffenstillstand gehalten. Doch Ally gibt es nicht mehr. Ally ist nach schwerer Krankheit verstorben und die Welt von Charlie und Becca eine andere. Sie hofften, dass sie sich bei der Beerdigung das letzte Mal sehen müssten. Doch Ally hat andere Pläne für sie. Sie hat eine Liste mit Dingen erstellt, die sie gerne noch getan hätte. Zeitlich hat das allerdings nicht mehr hingehauen und nun möchte sie, dass Charlie und Becca diese Dinge gemeinsam tun und dabei jeweils einen Teil von Allys Asche verstreuen. Auch das noch! Die beiden beschließen, dass sie wenigstens einmal im Jahr die Anwesenheit des jeweils anderen ertragen können und widmen sich den Aufgaben.

„Zehn Jahre du und ich“ ist ein etwas anderer Liebesroman mit leichten Schwächen. Die Protagonisten sind Charlie und Becca, ihres Zeichens ziemlich beste Feinde. Weiterlesen

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Kristin Valla: Das Haus über dem Fjord

Romane aus Skandinavien haben, ebenso wie die Filme, ja immer etwas leicht Düsteres, Melancholisches. Woran das liegt, kann man nur ahnen. Es gilt aber auch für den vorliegenden Roman, der sich ganz ruhig, fast zu ruhig entwickelt.

Es geschieht nicht viel in dieser Geschichte, die wortkargen Menschen begegnen sich mit Vorsicht, obwohl oder vielleicht gerade, weil sie sich so gut kennen. Die Hauptfigur Elin möchte das Haus ihrer Eltern auflösen und verkaufen. Sie war seit Jahren nicht mehr da, ihre Mutter starb vor ein paar Jahren. Elin hat als Kind Schreckliches erlebt. Bei einem Unwetter wurden ihre beiden Brüder getötet. Auch ihr Vater verschwand bei dem Erdrutsch. Seine Leiche wurde nie gefunden, so gibt es für Elin heute nur das Grab ihrer Mutter und ihrer Brüder.

Zusammen mit den Dorfbewohnern, darunter auch Ola, der Kinderfreund ihrer Brüder und ihre erste Liebe, räumt Elin im Haus und in ihrer Vergangenheit auf. Die Menschen, beispielsweise Olas Mutter, begegnen ihr mit Zurückhaltung. Im Haus findet sie schließlich Indizien für ein großes Geheimnis im Leben ihres Vaters. Ihre Nachforschungen führen sie am Ende bis nach Frankreich. Weiterlesen

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Maria Barbal: Die Zeit, die vor uns liegt

Kann man mit Ü-60 noch die große Liebe finden? Den Seelenverwandten, auf den man sein ganzes Leben gewartet hat? Man kann! Armand ist pensionierter Aufzugsmonteur und verwitwet. Sein einziger Sohn lebt in England. Er selbst wohnt in Barcelona und ist sehr einsam. Um Rückenprobleme loszuwerden, empfiehlt ihm sein Arzt, einen Yoga-Kurs zu besuchen. Dort trifft er Elena, Lehrerin im Ruhestand, die ihm auf Anhieb gefällt. Beherzt springt er über seinen Schatten und stellt sachte einen Kontakt zu ihr her. Sie landen schnell miteinander im Bett, obwohl sie kaum etwas voneinander wissen. Das Zusammensein ist einfach schön. Jede Woche verbringen sie nach der Yogastunde Zeit miteinander, bis Elena Skrupel überfallen. Sie ist nämlich verheiratet. Um ihre Ehe ist es allerdings sehr schlecht bestellt. Ihr Mann und sie reden kaum mehr miteinander, leben nebeneinander her. Armand aber liebt Elena sehr. Sie bringt Sinn und Sonnenschein in sein Dasein. Spontan fragt er sie, ob sie ihn zu seinem Sohn und dessen Familie nach England begleiten möchte. Er hat sein Enkelkind noch nie gesehen. Und Elena kommt mit. In Bournemouth blüht sie auf. Sie erkennt aber auch, dass sie eine schwere Entscheidung treffen muss… Weiterlesen

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Lucy Clarke: Der Ozean unserer Erinnerung

Seit dem Tod ihres Vaters sind die Schwestern Erin und Lori unzertrennlich. Warum sie sich dann ausgerechnet bei einem Zwischenstopp mit dem Flieger auf dem Weg in ein Wellnessresort gestritten haben, leuchtet Erin noch immer nicht ein. Zwei Jahre ist dies nun her. Zwei Jahre, die sich Erin nicht verzeihen kann. Aufgrund des Streits ließ sie ihre Schwester mitsamt deren Flugangst damals allein in den Flieger steigen und blieb zurück. Das kleine Flugzeug stürzte irgendwo über dem Südwestpazifik ab, von den acht Insassen und dem Piloten keine Spur mehr. Doch Erin hat nicht aufgegeben und in den letzten zwei Jahren jeden Zeitungsartikel zu dem Absturz gesammelt und analysiert. Sie will endlich wissen, was damals passiert ist. Und plötzlich taucht der Pilot wieder auf. Unversehrt, er war zwei Jahre lang untergetaucht. Endlich jemand, der Erin Fragen beantworten kann, nein, muss!

Vom ersten Moment an war „Der Ozean unserer Erinnerungen“ mein Buch. Man lernt zuerst Erin in der Gegenwart kennen. Traurig und verlassen ohne ihre Schwester, glaubt sie nicht an deren Tod. Weiterlesen

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