Alex Schulman: Jetzt beginnt das Leben

In seinem Heimatland Schweden wird Alex Schulmans Roman „Jetzt beginnt das Leben“ als Bestseller Nr. 1 gehandelt.

Die Handlung entspringt einem nicht aufgearbeiteten Kindheitstrauma des Protagonisten Vidar. Der Autor arbeitet dabei mit einem raffinierten Kunstgriff, indem er autofiktionale mit fantastischen Elementen verwebt.

Vidar ist Lehrer. Als er einen Streit zwischen zwei Schülern schlichten will, eskaliert die Situation und Vidar wird vom Schuldienst suspendiert, weil Videoaufnahmen beweisen, dass er Gewalt gegenüber einem der Jungen ausgeübt hat. Auslöser für Vidars groben Übergriff war – so glaubt er später – eine Äußerung, die der Junge an ihn richtete. Jedoch kann er sich weder sein rabiates Einschreiten erklären, noch sich an die Worte des Jungen erinnern.

Durch die berufliche Krise beschäftigt sich Vidar mit seiner Kindheit, die er im Sommerhaus seiner Familie verbracht hat. Er muss unbedingt wissen, was damals dort passiert ist, denn das Gesagte aus dem Mund des Schülers hängt damit zusammen, weiß er.

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Silvia Trippolt: Das Glück beginnt in Istrien

Vor der wunderbaren Kulisse Istriens ist es nicht schwierig, sich in einen Urlaub zu träumen. Falls Sie also noch Lektüre für den Sommer brauchen, dieser leichte, unterhaltsame Roman bietet sich an. Leichtes Gepäck für den Urlaubskoffer, aber flott geschrieben, witzig und durchaus berührend, einfühlsam und dennoch deutlich. Die Sprache klar und schnörkellos, die Charaktere sehr plastisch und realistisch. Eine Pension wie Darias Bed & Breakfast „Vista Mare“ in Rovinj gibt es zwar wohl eher nicht, aber man kann sich gut vorstellen, dass sie existiert und diese bunte Mischung aus sehr unterschiedlichen Gästen sich dort wohlfühlt. Daria wird als einfühlsame, lebenskluge, offene und warmherzige Gastgeberin mit wunderbaren kulinarischen Fähigkeiten beschrieben, die gleich sieht, was ihren Gästen „fehlt“. Nicht im Sinne von Krankheiten, nein, eher die seelischen Verwundungen betreffend, die alle, die da wohnen, in irgendeiner Weise mit sich rumschleppen.

Egal ob Stacey, die Heimatlose, Isabell, die vermeintlich so erfolgreiche Stimme hinter Film- und Fernsehstars, arbeitslos und am Leben verzweifelt, oder Sebastian, der Weinkenner und -händler, den sein Mann grade zugunsten einer Frau verlassen hat oder eben Linda, um die es hier geht. Sie steht sozusagen vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens. Glanz und Glamour, ein reicher Verlobter mit toller Wohnung, ein guter Job als Rezeptionistin in einem guten Hotel – alles weg. Jordi, ihr Verlobter, hat sich als Millionenbetrüger entpuppt, sitzt inzwischen in Haft, die tolle Wohnung ist weg, der Ruf ruiniert, und deshalb hat Linda auch ihren Job im Hotel verloren. Sie ist nicht mehr tragbar als Rezeptionistin.

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Alex Capus: Querfeldein

Familiengeschichte, Gerichtsreport, historischer Roman – auf Capus-Art erzählte Geschichte

Er hat einfach einen ganz eigenen Erzählstil, der erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Schweizer Autor Alex Capus. Immer ein wenig aus der Distanz, ein wenig abgehoben, leicht süffisant, beurteilend ohne zu verurteilen und vor allem wählt er immer interessante Themen und/oder interessante Figuren.

Im neuen Roman erzählt er von Arnold und seiner Familie. Arnold findet, nach Jahren des Herumreisens und ständigen Arbeitswechsels, nachdem er zu Geld gekommen ist, eine Heimat. Er übernimmt einen Gasthof, der den Namen „zur Moskau“ bekommt und direkt an der Grenze zu Deutschland liegt.

Was dazu führt, dass – die Geschichte beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts – Arnold sowohl vom regen Grenzverkehr wie auch vom ebenso regen Schmuggel durchaus profitiert. Er heiratet und bekommt mehrere Kinder. Doch nur eines, die Älteste Clara, tritt im weiteren Verlauf des Romans in Erscheinung, die anderen werden bestenfalls mal am Rande erwähnt.

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Annette Mingels: Evas Tochter

Eines Tages steht ein Zelt auf dem Fußweg, direkt vor dem schicksten Grundstück der Straße, der Villa der Familie von Clüver. Es wird beobachtet, es wird getuschelt, und schon bald wissen alle, wer dort das Lager aufgeschlagen hat: Sophie, die unangepasste Tochter der von Clüvers, seit Jahren verschwunden und seit jeher als schwierig bekannt. Ist es ein beabsichtigter Affront gegenüber den Eltern oder Heimweh, das die junge Frau zur Rückkehr bewogen hat?

Auf der Suche nach einem eigenen Platz in der Welt

Die Bewohnerinnen der Straße begegnen Sophie auf unterschiedliche Weise – neugierig, mitfühlend oder abweisend. Sie kommen ins Grübeln über ihr eigenes Leben und so manche fragt sich, ob der Weg, den sie gerade geht, wirklich der richtige für sie ist oder ob es an der Zeit wäre, mutiger, aufrichtiger, unbequemer zu werden.

„Und dass sie wirklich geglaubt hatte, sie könnte alles auf einmal haben: die Kinder, die Kunst, vielleicht sogar Erfolg. Dass sie es, wenn sie ehrlich war, immer noch glaubte. Als wäre sie naiv. Oder ein Mann.“

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Alexandra Stahl: Tschikago

„Alles an diesem Buch ist wahr“ lautet der erste Satz dieses autofiktionalen Romans, und daran zweifelt man auf keiner Seite bis zum Schluss.

Wir lesen darin vom einfachen Leben der Großeltern Alexandra Stahls. Die Handlung spielt sich im ersten Teil in einem fränkischen Dorf am Main ab, im zweiten Teil in Berlin.

Die Autorin erinnert sich zurück an ihre Kindheit, in der ihre Großeltern elementarer Bestandteil ihres Lebens waren. Ihre Großeltern haben sie durch all die Jahre des Heranwachsens begleitet. Stets waren sie der verlässliche Fels in der Brandung.

Wir lesen von den Gepflogenheiten und jeweiligen Eigenarten dieser Großeltern und dem Zusammenleben im kleinen Dorf. Man sieht sie direkt vor sich, die katzenliebende Großmutter, die Puppen sammelt, und den Großvater, der seiner Enkeltochter die Hauptstädte der Welt beibringt (E-Book S. 53), oder wie er mit seiner schwarzen Schiebermütze auf dem Kopf in seinem mit Schaffell bezogenen Autositz langsam übers Land fährt.

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Jenny Jackson: Liebe unter Freunden

Irgendwann wollte ich einfach, dass etwas Schlimmes passiert. Dass es endlich eskaliert.

Das wunderschöne Cover und der Klappentext haben mich leider deutlich stärker gecatcht als die Geschichte dahinter. Sagen wir es so: Ich hätte das Buch gern genauso hypnotisiert gesuchtet wie ich es hübsch fand.

Ich wollte eigentlich einen tiefgründigen, chaotischen Summer Read. Bekommen habe ich eine Clique privilegierter Amerikaner mit erstaunlich viel Geld, erstaunlich wenig Selbstreflexion, die emotional irgendwo zwischen Highschool-Mentalität und Midlife-Crisis festhängen. Die sich ständig betrinken, Gras und Magic Mushrooms konsumieren und dabei überraschend wenig wirklich Interessantes erleben.

„Genau so überlebten sie das Elternsein und das Leben mit kleinen Kindern: Sie gönnten sich abwechselnd ein bisschen Gras, Magic Mushrooms oder Alkohol – alles, was die Umrisse des Lebens weicher machte.“ (S. 118, Fran)

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Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe

Ruth-Maria Thomas (Jahrgang 1993) hat ihren zweiten Roman geschrieben. „Die zweitgrößte Liebe“ ist am 30. Juli 2026 bei dtv erschienen.

Mit „Die schönste Version“, ihrem Debüt aus dem Jahr 2024, war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Mit ihrem neuen Buch scheint sie an den Erfolg des Erstlings anzuknüpfen.

Arme Ostdeutsche trifft wohlhabenden Westdeutschen

Mishelle, Shelly genannt, ist pleite. Sie muss ihren Schmuckladen in einer Lausitzer Kleinstadt schließen. Die Corona-Pandemie hatte sie zur Aufnahme von Krediten gezwungen, die sie nicht mehr bedienen kann. Übrig bleiben Schulden. Mishelle beschließt wegzugehen. Sie verabschiedet sich von ihrem Bruder, steigt auf ihre Vespa und fährt Richtung Westen.

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Anna Dimitrova: Between the Lines

Kali liebt drei Dinge: Humor, das Schreiben und die Liebe. Im Drehbuchstudium kommt all das zusammen, und das Leben scheint perfekt. Doch schnell merkt sie, dass das echte Leben wohl doch keine RomCom ist. Oder doch? Schon bei der Aufnahmeprüfung lernt sie ihren vermeintlichen Traumprinzen kennen – doch schnell stellt sich heraus, dass Rei ihr gegenüber weder ehrlich noch sympathisch ist. Und ausgerechnet mit ihm soll sie einen Film machen …

In diesem Buch geht es für mich ums Nicht-Aufgeben, gute Geschichten und die Leidenschaft zum Schreiben.

„Filmemacher sind doch eh Hobby-Psychologen.“ (~Between the lines, S. 187)

Dieses Zitat vereint für mich die wichtigsten Bausteine dieses Buchs: Viel Witz, gepaart mit tiefgründigen Themen und über allem ganz viel Liebe füreinander, für Bücher, für Filme, fürs Schreiben und für all die kleinen Details dazwischen.

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Norbert Scheuer: Holunderholz

„Leben lässt sich nicht vollständig erzählen; es bleibt Stückwerk“, schreibt der Autor in seinem Nachwort. Und er fährt fort: „Ich bin kein Historiker. Ich erzähle Geschichten. Aber solche Ereignisse (Anm.: die Explosion des Kalvarienberges in Prüm 1949) … verschwinden nicht. Sie wirken fort, verändern Haltungen, kehren in anderer Gestalt zurück. Vielleicht erklärt sich daraus meine Aufmerksamkeit für das Fragmentarische … für das Schweigen zwischen den bekannten Fakten.“

Holunderholz – was für ein schönes Wort! Und nicht nur das: Aus dem harten Holz des Holunderbaumes lässt sich eine Flöte schnitzen: „Wenn man hineinbläst, klingt es nicht wie ein Instrument. Es klingt eher, als würde etwas antworten.“ Es ist ein Mädchen, eine junge Frau, kaum der Sprache mächtig, die auf dem Hollerholz ihre Version der Geschichte lebendig werden lässt.

Der seit vielen Jahren bekannte Autor aus der Eifel, Norbert Scheuer, erzählt in seinem neuen, seinem elften Roman –  nach dem mit dem Wilhelm-Raabe-Preis geehrten und für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagenen „Winterbienen“ (2019)  – eine Geschichte, wie er sie eben erzählen kann. Auf direktem Wege geht es nicht.

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Martha Baillie: Besondere Vorkommnisse

Miriam Gordon soll eigentlich nur Zwischenfälle notieren. Wer hat in der Bibliothek randaliert? Wer hat gestört? Wer fiel auf? Doch was die 35-jährige Angestellte einer öffentlichen Bibliothek in Toronto in Martha Baillies Roman „Besondere Vorkommnisse“ zu Papier bringt, ist weit mehr als Dienstprotokoll und Aktennotiz.

Aus 144 kurzen Berichten setzt sich dieser ungewöhnliche Roman zusammen. Sie wirken mal wie Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag, mal wie poetische Miniaturen, mal wie Splitter einer verletzten Biografie. Miriam schreibt über die Menschen, die in die Bibliothek kommen: Einsame, Suchende, Verlorene, Sonderlinge. Zugleich schreibt sie, oft nur angedeutet, über sich selbst. So wird die Bibliothek zum Ort, an dem öffentliche Ordnung und private Unordnung direkt nebeneinanderstehen.

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