„Freunde fürs Leben“ ist ein Roman, der sich nicht damit begnügt, eine Geschichte zu erzählen. Fredrik Backman versucht, ein Lebensgefühl einzufangen: jene Sommer der Jugend, die endlos wirkten, das Lachen mit Freunden, das damals selbstverständlich schien und später zu etwas wird, dem man ein Leben lang nachspürt. Für mich war die Lektüre gleichermaßen berührend und herausfordernd.
Im Zentrum stehen vier junge Menschen an einem Wendepunkt ihres Lebens. Es geht um Freundschaft, Zugehörigkeit, Selbstfindung und die Frage, wie sehr Herkunft, Erwartungen und gesellschaftliche Umstände unsere Zukunft prägen. Obwohl der Roman im Sommer spielt, ist er keine leichte Sommerlektüre. Vielmehr ist er eine Zeitreise zurück in jene Jahre, in denen alles möglich schien und sich gleichzeitig die ersten Grenzen und Abgründe auftaten. Die Handlung bewegt sich dabei auch ganz real durch verschiedene Orte und erhält dadurch den Charakter eines Roadtrips, der jedoch vor allem eine Reise zu sich selbst ist.
Typisch für Backman ist der Tonfall: emotional, manchmal schmerzhaft ehrlich, aber immer wieder durchzogen von Witz und Wärme. Gerade diese Mischung macht einen großen Teil seiner Wirkung aus. Besonders gelungen fand ich auch den Blick nach innen. Wie denken Jugendliche über die Welt? Was nehmen sie wahr, das Erwachsene längst übersehen? Welche Hoffnungen, Ängste und Verletzungen tragen sie mit sich herum? Backman nähert sich diesen Fragen mit Empathie und Ernsthaftigkeit. Seine Figuren fühlen sich an wie Menschen, die man gekannt haben könnte.
Belletristik
Alexandra Moody: Grumpy darling
Im zweiten Band dieser Reihe lernen wir den berüchtigten Eishockeyspieler Greyson Darling und seine beste Freundin Paige kennen. Paige hat eine klare Mission: Sie möchte vor ihrem Abschlussball eine ganz besondere Liste abarbeiten. Ganz oben auf ihrer Agenda steht der Wunsch, endlich von jemandem geküsst zu werden. Da Greyson bei den Ransom Devils jedoch einen einschüchternden Ruf genießt, traut sich kaum ein Mann in Paiges Nähe. Kurzerhand bittet sie ihren besten Freund um Schützenhilfe für ihr Dating-Leben. Was Paige nicht ahnt: Greyson ist schon seit Jahren heimlich in sie verliebt.
Der Schreibstil ist wunderbar locker und leicht, wodurch man förmlich durch die Seiten fliegt. Das Buch nimmt den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, bietet aber gleichzeitig viele humorvolle Szenen, die perfekt zu den Charakteren passen. Diese lustigen Momente lockern die Handlung immer genau im richtigen Moment auf. Man fühlt sich beim Lesen einfach rundum wohl.
WeiterlesenStephan Thome: Besser als nie
Der deutsche Schriftsteller Stephan Thome wurde 1972 im hessischen Biedenkopf geboren. Heute lebt und arbeitet er in Taipeh (Taiwan).
2009 erschien sein Romandebüt „Grenzgang“ über das real existierende Heimatfest in seiner Geburtsstadt Biedenkopf, die in dem Buch „Bergenstadt“ heißt. Der „Grenzgang“ ist ein jahrhundertealtes Ritual, bei dem ursprünglich die Stadtgrenzen von Biedenkopf kontrolliert wurden.
Der Roman „Grenzgang“ wurde 2013 unter der Regie von Brigitte Maria Bertele verfilmt und gewann den Grimme-Preis. Die Hauptfiguren Thomas Weidmann und Kerstin Werner wurden in dem Film von Lars Eidinger und Claudia Michelsen gespielt.
Am 21. Juli 2026 erschien der neue Roman von Stephan Thome „Besser als nie“ im Suhrkamp Verlag.
Endlich ist wieder „Grenzgang“ in Bergenstadt
Stephan Thome führt die Lesenden von „Besser als nie“ nach siebzehn Jahren wieder an den Schauplatz seines ersten Romans nach Bergenstadt, wo nach neunjähriger (statt siebenjähriger) Pause wegen der Corona-Pandemie endlich wieder der traditionelle „Grenzgang“ stattfinden soll.
Und plötzlich steht die Tradition des Festes in der Diskussion: Linda Preiss, die Schulsozialarbeiterin, hat angeboten, als Reiterin beim Aufmarsch der Gesellschaften auszuhelfen. Und das in der absoluten Männerdomäne. Und dann ist da noch die Figur des „Mohren“, die von den Medien kritisch beleuchtet wird.
Arno Geiger: Reise nach Laredo
Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König Spaniens, trat 1556 von allen Ämtern zurück und vergrub sich, schwerkrank, fettleibig bis zur Bewegungsunfähigkeit, im Kloster Yuste in der Extremadura. Soweit der historische Hintergrund.
Geigers Erzählung beginnt 1558. Karl ist mürrisch, seiner vielköpfigen Dienerschaft überdrüssig, langweilt sich zu Tode und fragt sich, was er eigentlich noch darstellt. Er war einer der mächtigsten Herrscher der Geschichte, aber was hat er erreicht in einer Zeit der großen Umwälzungen? Eines Tages begibt er sich aus einer Laune heraus mit dem elfjährigen Geronimo, einem unehelichen Sohn (der das allerdings nicht weiß), auf eine Reise ins nordspanische Laredo.
Was dann folgt, ist vieles: Historienroman, Geigers Version des Don Quichotte (Geronimo reitet ein Pferd, Karl einen Maulesel), eine Abenteuergeschichte, eine Road Novel, ein philosophisches Gedankenspiel. Und wie sich später herausstellt: ein Fiebertraum. Der alte Kaiser schießt und rauft, frisst und säuft und verspielt sein ganzes Geld. Er rettet nicht nur Honza und Angelita, zwei Cagots, vor einem blutdürstigen Mob, die dann zu seinen Weggefährten werden (Cagots waren jahrhundertelang eine verfolgte, diskriminierte Minderheit; Karl selbst hatte in seiner Regierungszeit die Gesetze zur Benachteiligung der Cagots abgeschafft). Sie befreien sogar einen waschechten Greifen, ein Fabelwesen, das Karl in Wirklichkeit nur auf einem Wandteppich im Kloster sieht.
WeiterlesenLiv Helland: Die Schloss-Schwestern: Strandhaferkuss
Drei Monate lang haben Ebba, Levke und Marie, die drei Jensen-Schwestern, Zeit, sich zu überlegen, ob sie das Erbe ihres Großvaters, das Wasserschloss Süderholt, annehmen wollen und in Zukunft dort auch leben. Bis zu ihrer endgültigen Entscheidung müssen sie allerdings, das ist die Bedingung von Großvater Jörn, die drei Monate dort gemeinsam verbringen. Die drei Schwestern stehen vor einer großen Herausforderung. Ebba muss ihren gutdotierten Job bei einer Bank in Boston auf Eis legen, was ihrem Chef nicht so gut gefällt, und mit ihrer achtjährigen Tochter an die Ostsee ziehen – erstmal für drei Monate. Marie muss ihr Weltenbummlerdasein unterbrechen oder auch aufgeben, einzig Levke ist ganz froh, rauszukommen. Sie hat gerade ihren Job in einer Eventagentur verloren, völlig ungerechtfertigt zwar, aber dennoch. Und außerdem ist damit auch die Beziehung zu ihrem Partner in die Brüche gegangen. Levke könnte sich vorstellen, eine eigene Agentur zu gründen und das Schloss in Zukunft als Veranstaltungsort zu nutzen. Doch das ist mit einer Reihe von Auflagen verbunden, die einiges an Geld kosten. Das will erstmal finanziert sein. Aber Levke gibt nicht auf, sie will ihren Traum leben und hofft auf die Unterstützung durch ihre Schwestern und Freunde. Alle drei fühlen sich wider Erwarten auf Süderholt wieder heimisch und sind gerne zurück.
WeiterlesenTony Tulathimutte: Fiasko
Der Originaltitel dieser Kurzgeschichtensammlung lautet: Rejection – Ablehnung, Zurückweisung. Und genau darum geht es in den Texten. Um einsame, verzweifelt nach Nähe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe suchende 20–30-Jährige. Doch alle Versuche enden in einem Fiasko (insofern ist auch der deutsche Titel treffend gewählt).
Mit der einleitenden Geschichte, Der Feminist, machte Tulathimutte bereits 2019 auf sich aufmerksam. Zu Recht, denn sie ist, was Aufbau, Stil und Charakterisierung angeht, die eindeutig überzeugendste. Erzählt wird die Entwicklung eines jungen Mannes zum Incel, zum radikalen Frauenhasser. Sein Feminismus, geboren aus der Hoffnung auf Zuneigung und Sex, bleibt erfolglos. Als Gesprächspartner akzeptiert, als Lover abgelehnt, radikalisiert er sich im Internet.
WeiterlesenEva Menasse: Alleinruhelage
Ein Wochenendhaus am See in Deutschlands Osten wird das neue Zuhause der Patchworkfamilie. Doch schon bald zeigt sich, dass die Idylle trügerisch ist: Das Haus erweist sich als nicht enden wollende Baustelle, im See macht sich zur besten Badesaison eine Blaualgenplage breit und die Bewohner der umliegenden Datschensiedlung sind mehr misstrauisch als nett.
Dann löst sich das Familienidyll in Luft auf. Längst ist nichts mehr wie es war, nichts ist übrig geblieben von der einstigen großen Liebe: „Nur Gift suppt in unsere Seelen“ (eBook S. 14). Viel zu lange schon ist das Haus bereits wieder unbewohnt. Jetzt erscheint es maroder denn je und im Garten hat sich ein wahrer Dschungel ausgebreitet. Trotz aller schöner Erinnerungen (das Leben als Familie mit den Kindern und schöne Stunden mit Freunden) ist nun der Zeitpunkt für einen Neuanfang gekommen.
Das Haus muss weg. Dann kann sich alles verändern. Doch der desolate Zustand verhindert einen schnellen Verkauf. Irgendwie muss dennoch so schnell wie möglich alles auf Vordermann gebracht werden.
Josy Greifenberg: Cheer to the Top
Darum geht es:
LJ hat alles auf eine Karte gesetzt. Ein einziger Fehler und er wird verlieren. Nicht nur seine eigene Zukunft, sondern auch die seiner Familie. Als er auf die talentierte Elaina trifft, erkennt er ihr Potenzial sofort. Auf der Matte sind die beiden als Stunt-Partner wie füreinander geschaffen: Jede Figur sitzt perfekt und die spürbare Anziehung zwischen ihnen bringt die Luft zum Brennen. Doch dieses mühsam aufgebaute Glück steht auf wackeligem Boden. Wenn Elainas große Lebenslüge ans Licht kommt, droht alles augenblicklich zu zerbrechen …
Im Zentrum der Handlung stehen Elaina und LJ. Die beiden verbindet schnell weit mehr als nur der Sport – sie arbeiten auch auf persönlicher Ebene eng zusammen. Besonders stark fand ich, wie wichtig beide Figuren für die Dynamik der Geschichte sind und wie glaubwürdig sie sich im Laufe der Handlung weiterentwickeln.
WeiterlesenKarosh Taha: Gulistan
„Gulistan“ ist der Name einer Frau, die als Kurdin unter Saddam Husseins diktatorischem Regime im Irak lebt und dort ein Schattendasein fristet. Ihr Mann Çiya arbeitet als Schneider. Als er plötzlich verschwindet, beginnt mit Gulistans verzweifelter Suche nach ihm die Beschreibung von unermesslichem Leid. Als sie Çiya endlich bei einer Versammlung wiederbegegnet, trägt er die Uniform von Saddam Hussein als dessen Doppelgänger. Gulistan wird verhaftet und ihr Martyrium, bei dem sie fast den Verstand verliert, beginnt. Selbst ihre Schwangerschaft hält sie für eine Farce. Durch die Geburt ihres Kindes wachsen dann ein unerschütterlicher Wille und neue Kraft in ihr.
Gulistans schwer nachvollziehbare Ausdrucksform, in der sie immer wieder in die dritte Person oder erste Person Plural fällt, klingt wie fremdgesteuert. Die Autorin hat diese Sprachweise gezielt eingesetzt. Sie soll die Entfremdung der Figuren in sich spürbar machen und auf diese Weise vermitteln, dass diese Sprache aus einer anderen Zeit, von einem anderen Ort kommt. Wie Karosh Taha in einem Interview darlegt, ist dies ein Versuch, das Deutsche im Kurdischen und das Kurdische im Deutschen zu finden. Beide Sprachen sollen sich im lyrischen Ton der Erzählung treffen.
WeiterlesenAntoine Laurain: Fehlerhaft und wunderbar
Eine fast poetische Geschichte rund um Rechtschreibung, Recht haben und recht handeln
Was ein Diktat alles auslösen kann und welche Folgen das zeitigt, davon handelt der neue kurze Roman des bekannten französischen Autors.
Benjamin ist der kleine Sohn von Pierre, Neu-Unternehmer, und Pauline, Apothekerin. Er vermasselt ein Schuldiktat komplett, sein Text strotzt nur so von Fehlern. Die Eltern sind entsetzt – und glauben, sie selbst können es besser.
Also lassen sie sich von Benjamin denselben Text auch diktieren und siehe da, auch ihre Ergebnisse sind nicht frei von Fehlern. Allerdings steht Pierre schlechter da als Pauline.
Jedoch sorgt der Text, der von Sonne und Freizeit handelt, dafür, dass beide in Erinnerungen verfallen, sich bewusst werden, wie eng sie einmal waren und wie groß inzwischen die Entfremdung zwischen ihnen.
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