Naja Marie Aidt: Aus dem Dunkel

Die dänische Schriftstellerin und Dichterin Naja Marie Aidt zählt zu den wichtigsten Stimmen in der skandinavischen Literatur.

In ihrem 2021 erschienenen Roman Carls Buch verarbeitet sie sehr bewegend den tragischen Tod ihres Sohnes.

Auch „Aus dem Dunkel“ ist ein aufwühlendes Buch voller Tragik. Wir lesen darin von Gewalt und Übergriffen, aber auch von Freundschaft und Zusammenhalt.

Die Kindheit der Protagonistin im Haus der Eltern mit zwei Schwestern ist unschön und problembehaftet durch ihren unberechenbaren, gewalttätigen Vater. Die Mädchen leben in ständiger Angst. Später wird die Protagonistin in ihrer Jugend Opfer einer Vergewaltigung und eine ihrer Schwestern kommt nach Drogenkonsum ums Leben. Viele Jahre später, ihre drei Söhne sind bereits erwachsen und selbständig, wird sie Zeugin einer Gewalttat auf offener Straße. Sie eilt dem Opfer zu Hilfe und während diese junge Frau den Angriff nicht überlebt, wird sie selbst vom Täter mit dem Messer verletzt.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod

„Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.“ Selten fasst ein erster Satz so präzise zusammen, was ein Buch leistet. Georgi Gospodinovs Roman ist ein stilles, poetisches, sehr persönliches Buch über einen Vater, einen Sohn und den Versuch, Abschied in Sprache zu fassen. Seine größte Stärke liegt in der emotionalen Genauigkeit und in der Fähigkeit, aus einzelnen Erinnerungen ein lebendiges Bild entstehen zu lassen. Seine Herausforderung liegt aber genau an der gleichen Stelle: in der Intensität, mit der er Trauer ausleuchtet. Ich habe es als berührend und zugleich emotional fordernd erlebt.

Im Zentrum steht das Sterben des Vaters, eines leidenschaftlichen Gärtners, doch erzählt wird keine lineare Geschichte. Stattdessen setzt sich das Bild aus Erinnerungen, Anekdoten, Eigenarten und Momentaufnahmen zusammen. Die Zeit verliert dabei an Bedeutung und bleibt doch im Garten verankert. Der Garten als Ort, der Leben, Arbeit und Vergänglichkeit verbindet.

Eine interessante Ebene ist Gospodinovs Reflexion über Väter in der Literatur. „Über Väter schreibt es sich schwer“, meint er. Mütter sind in der Literatur häufig Erinnerungsfiguren. Väter hingegen bleiben oft abwesend, streng, stumm oder symbolisch. In Gospodinovs Geschichte erscheint der Vater glaubwürdig, warm, eigenwillig, manchmal humorvoll, manchmal verletzlich.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Carys Davies: Das Pfarrhaus

Carys Davies ist eine walisische Schriftstellerin, die in Schottland lebt und arbeitet. 2024 erschien ihr Roman „Ein klarer Tag“, nun hat sie ein neues Buch geschrieben. „Das Pfarrhaus“ ist am 10. Juni 2026 im Luchterhand Literaturverlag erschienen. Eva Bonné hat den Roman aus dem Englischen übersetzt.

Hilary Byrd, ein Bibliothekar in Indien

„Das Pfarrhaus“ von Carys Davies ist ein sehr elegant erzählter Roman mit einem englischen Bibliothekar als Hauptfigur. Hilary Byrd ist fünfzig Jahre alt, ledig und in einer Krise. Nach einem Zusammenbruch fliegt er nach Indien. Dort reist er ruhelos durchs Land. Die Hitze, der Lärm und die vielen Menschen setzen ihm zu. Er setzt sich in einen Zug, der in die Berge fährt. Mit ihm im Abteil sitzt ein anglikanischer Pfarrer, der ihm eine Unterkunft in einem kleinen Bungalow der Gemeinde in einem Bergkurort anbietet, in dem normalerweise der Missionar Henry Page aus Kanada wohnt. Byrd ist glücklich über diesen Zufall, über die Kühle und das kleine Haus mit Garten, in dem er sich von Anfang an zu Hause fühlt. Der anglikanische Pfarrer nimmt ihn freundlich auf. „Das Einzige, was ihn störte, war der schwarze Hund.“ Ooly, die Hündin, liegt den ganzen Tag in einem Spülstein im Garten des Bungalows.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Johanna Sebauer: Das Gurkerl

Bissige Satire, treffsicher und ziemlich realitätsnah

Was ein Tropfen Gurkenwasser so anrichten kann – Johanna Sebauer hat es in Worte und Nikolaus Heidelbach hat es in Bilder gefasst.

Was war geschehen? Pertak, seines Zeichens Mitarbeiter einer Lokalzeitung, möchte auf seinem Frühstücksbrötchen ein Gurkenscheibchen. Doch beim Öffnen des Gurkenglases in der Kaffeeküche der Redaktion spritzt ihm ein Tropfen des Gurkenwassers ins Auge.

Darüber dermaßen erbost und tagelang mit einem verpflasterten Auge herumlaufend, verfasst Pertak einen geharnischten Artikel über die Gefahren von Gurkenwasser, verbunden mit der Forderung, dies sofort zu verbieten. Er weist vor allem darauf hin, was Kindern geschehen könnte und tritt damit eine Lawine los, die er nicht mehr aufhalten kann.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Rachel Reid: The Long Game

Darum geht es: Seit zehn Jahren sind Shane und Ilya ein Paar – und halten ihre Beziehung strikt geheim. Würde ihre Liebe jemals öffentlich werden, könnte das ihre Eishockeykarrieren ernsthaft gefährden. Was wiegt am Ende schwerer – die Liebe oder die Karriere?

Das Buch ist ein würdiger Nachfolger von Heated Rivalry und knüpft emotional wie erzählerisch sehr gut an seinen Vorgänger an.

Beim Lesen habe ich unglaublich viel empfunden: Es gibt humorvolle Szenen, berührende Momente und Augenblicke, in denen man mit den Figuren mitleidet oder sogar wütend wird. Gerade diese emotionale Bandbreite macht die Geschichte auch so stark. Besonders gelungen ist dabei, dass zentrale Themen aufgegriffen werden, die auch im realen Profisport eine Rolle spielen – etwa Leistungsdruck, öffentliche Wahrnehmung und die Schwierigkeit, eine schwule Beziehung dort zu führen ohne ausgegrenzt zu werden.

Obwohl ich Boys-Love-Geschichten normalerweise nicht wirklich lese, konnte mich bereits Heated Rivalry begeistern – und auch dieses Buch hat mich wieder überzeugt. Ja, es gibt einige explizitere und leidenschaftliche Szenen, doch sie dominieren nicht zu stark. Die Geschichte bietet deutlich mehr als nur Romantik: Sie lebt von ihrer emotionalen Tiefe, den glaubwürdigen Konflikten und der starken Entwicklung der Beziehung.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Hans-Ulrich Treichel: Das Karussell

Hans-Ulrich Treichel, 73-jähriger deutscher Schriftsteller, hat einen neuen Roman geschrieben. „Das Karussell“ ist am 19. Mai 2026 im Suhrkamp Verlag erschienen.

„Das Karussell“ von Hans-Ulrich Treichel

In „Das Karussell“ von Hans-Ulrich Treichel begegnen die Leserinnen und Leser Bernhard. Bernhard ist beinahe siebzig Jahre alt und seit einigen Jahren im Ruhestand. Er war Fachhochschulprofessor für Wirtschaftswissenschaften und Politische Philosophie in Berlin. Er lebt im Stadtteil Wilmersdorf, ist von seiner Frau Elisabeth geschieden, mit der er eigentlich alt werden wollte, „aber Elisabeth war ihm nach dreißig Jahren Ehe geradezu abhandengekommen und bei einem anderen Mann gelandet.“  Die Ehe blieb kinderlos.
Bernhard ist gesund und eigentlich zufrieden mit seinem ruhigen Leben, wäre da nicht die kleine Sorge, dass er „eben doch die besten Jahre seines Lebens verschwendete“. Es kommt ihm seine Zeit in Salerno, Süditalien, zu Beginn der 1980er Jahre wieder in den Sinn und er beschließt, nach vierzig Jahren an diesen Ort zu reisen. Er möchte erkunden, wie es seinem ehemaligen Studenten Alfredo, dem Strandbad von Alfredos Vater Luciano und nicht zuletzt Alfredos Kusine Arianna, in die Bernhard ein bisschen verliebt war oder vielleicht noch immer ist, ergangen ist. Und dann ist da noch das Karussell. Ein Kinderkarussell mit Pferden, Delphinen, Schildkröten, dem Mond und einer Kutsche, das Luciano einst kaufte, um es an seinem Strandbad aufzubauen, das aber all die Jahre in einem Schuppen, zerlegt in Einzelteile, auf seine Wiederherstellung und -inbetriebnahme wartet. Bernhard weiß das, weil er all die Jahre mit Alfredo im Schriftkontakt geblieben ist, erst per Brief und Postkarte, später dann via E-Mail.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Matthias Nawrat: Das glückliche Schicksal

Venedig und Krakau 1983

Wanda, eine junge polnische Sozialpsychologin, fliegt von Krakau nach Venedig, um dort den Kybernetiker und polnischen Emigranten Mrugalski , der etwa im Alter ihres Vaters ist, zu interviewen. Wir befinden uns im Jahr 1983, mitten im Kampf der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc für ein Mehr an Freiheit und Demokratie im sozialistischen Staat.

Also ein Vater-Tochter-Konflikt? Vergangenheit – Gegenwart? Ost – West?  Anpassung -Widerstand?

Wir springen hin und her zwischen einem Venedig, das wir nicht kennen, weil Rialto-Brücke und Markusplatz nicht vorkommen, und einem Krakau der frühen 80er Jahre, das die meisten auch nicht kennen, denn kaum hat es in jenen Jahren Reisende dorthin verschlagen. Lech Walesa kommt nicht vor, dafür Menschen, die für ihr Engagement bespitzelt werden, einsitzen oder von der Flucht träumen wie Marian, Wandas Freund. Andere bleiben und packen Hilfspakete für die durch Verfolgung verwaisten Familien.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Montasser: Die Wanderbücherei

Die immer gleiche Geschichte – immer wieder berührend

Wenn Zwei sich nicht lieben dürfen, ist das immer eine tragische Geschichte. Und wenn die Politik, die Geschicke Schuld sind am Drama der Liebenden, dann ergibt das stets reichlich Stoff für zu Herzen gehende Romane.

Thomas Montasser, dessen Romane um einen ratsuchenden Bundeskanzler oder um geschäftstüchtige Nonnen ich wirklich liebte, erzählt nun in seinem neuen Buch die Geschichte von Vera und Hans. Hans, Arbeiter bei der Bahn, ist Sozialist, Vera (die eigentlich ganz anders heißt) Halbjüdin – keine guten Voraussetzungen für eine glückliche Verbindung im Jahr 1937.

Die beiden lernen sich durch die titelgebenden Wanderbücherei kennen, die eigentlich eher eine fahrende Bücherei ist, nämlich in einem Trambahnwagen in München. Die zuständige Bibliothekarin versorgt Hans und dann auch Vera mit „verbotenen“ Büchern, die sie unter falschem Titel im Register führt. Das Pärchen nutzt diese Bücher schließlich für geheime Botschaften. Doch so sehr sie sich lieben, das Leben und der Krieg treiben sie erst einmal auseinander.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Julie Caplin:  Ein Wiedersehen im Sommer

Willkommen zurück in Wilsgrave, dem kleinen beschaulichen Dorf nicht allzu weit von London, in dem jeder jeden und jede kennt, sich berufen fühlt, sich einmischen zu dürfen, aber auch immer da ist, wenn mal Hilfe gebraucht wird. Im zweiten Band der Country-Escape-Reihe steht diesmal Tierarzthelferin Bets im Mittelpunkt. Eine quirlige junge Frau, immer freundlich, immer hilfsbereit und zurückhaltend, wenn es um sie selber geht, beliebt bei allen im Dorf und für Geoffrey, ihren Chef und Devon, seinen Sohn, der ebenfalls als Tierarzt in der Praxis seines Vaters arbeitet, die beste Tierarzthelferin, die sie je hatten.

Bets war es, die damals Ella, die jetzt mit Devon zusammen ist, herzlich in Wilsgrave aufgenommen hat und ihr gar keine Chance gelassen hat, sich im Cottage ihrer Patentante zu „vergraben“, wie sie es eigentlich vorhatte.

Inzwischen sind Bets und Ella beste Freundinnen, und jetzt ist es an Ella, Bets aus ihrer traurigen Stimmung zu helfen. Bets redet nicht über ihren Kummer, sie macht gerne alles mit sich alleine aus, aber Ella spürt, dass da mehr ist als nur mal ein schlechter Tag. Der Grund für Bets‘ Traurigkeit heißt Jack und ist Devons Bruder. Seit ihrer frühen Jugend waren sie ein Paar, bis Jack nach Bristol zum Studium gegangen ist und seine Besuche zuhause immer seltener wurden. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen Bets ihn besucht hat, kam sie sich immer fehl am Platze vor und hatte auch das Gefühl, dass Jacks vermeintliche Freunde keine echten waren. Davon wollte er allerdings nichts hören. Bis jetzt. Jetzt hat er erkannt, dass sie ihn nur ausgenutzt haben.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Allison King: Die Manufaktur der magischen Worte

Allison Kings Debütroman „Die Manufaktur der magischen Wortelässt sich als vielschichtige, ambitionierte Verbindung von historischem Roman, magischem Realismus und Familienepos verstehen, dessen Kern sich um die Weitergabe von Erinnerungen, die Verarbeitung von Trauma und die Vererbung der kulturellen Identität über Generationen hinweg dreht.

Im Zentrum stehen zwei Handlungsstränge. Einerseits begleiten wir die Informatikstudentin Monica Tsai im Jahr 2018, die mit digitaler Hilfe versucht, ihre Großmutter Yun mit deren ihr entfremdeten Cousine Meng wieder in Kontakt zu bringen.

Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit Yuns Vergangenheit im Shanghai der 1930er- und 40er-Jahre während der damaligen japanischen Besatzung. Diese parallel laufenden Handlungsstränge bürgen nicht nur für Spannung, sondern verknüpfen dabei zwei ganz unterschiedliche Formen des Erinnerns. Zum einen das objektive, digitale Archivieren der Fakten und dann das fragile, durch das Erlebte veränderte geistige Erinnern an die Vergangenheit.

Als Aufhänger dient der Verfasserin das magische Konzept über speziell behandelte Bleistifte, um auf die Erinnerungen früherer Nutzerinnen zuzugreifen. Dies fungiert als Metapher für die Weitergabe von Geschichten, Traumata und kulturellem Wissen. Gleichzeitig wird die Magie bewusst körperlich und schmerzhaft dargestellt – sie kostet Blut, wirkt verletzlich und belastet psychisch immens. Diese „Kosten“ verleihen ihr ihre Bedeutung, muss für die so erhaltenen Erinnerungen doch schmerzlich bezahlt werden. Besonders in den Kriegskapiteln zeigt sich, wie diese Fähigkeit nicht nur persönliches Erinnern ermöglicht, sondern auch politisch instrumentalisiert wird (Spionage und Widerstand).

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: