Auch der zweite Teil der „Hebammensaga“ um Esther und Luise ist wieder sehr authentisch und schildert realistisch die Probleme, mit denen sich freiberufliche Hebammen in den 1980er-Jahren (und manchmal bis heute) konfrontiert sahen. Die Zusammenarbeit mit den Kliniken war nicht immer einfach, weil ein Großteil der Ärzte die Hausgeburten und die Betreuung durch freiberuflich tätige Hebammen strikt ablehnten. Esther hat nach dem abrupten Ende ihrer Zeit in der Wellenklinik für sich einen guten Weg gefunden. Dank der Unterstützung und Hilfe der älteren Hebamme Luise, die sie in der Silvesternacht kennengelernt hatte, als sie unfreiwillig, aber im Nachhinein Gott sei Dank, bei Freunden von Stefan untergekommen war, ist Esther nicht lange arbeitslos geblieben, sondern konnte sich in Luises Praxis einkaufen und gemeinsam mit ihr werdende und junge Mütter betreuen.
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Laura Baldini: Und sie schenkten ihnen ein Zuhause
Was wissen Sie über Anna Freud? Dass sie die Tochter des Psychoanalytikers Sigmund Freud war, in Wien gelebt hat, selbst auch als Psychoanalytikerin gearbeitet hat … Aber wissen Sie auch, dass sie es war, die 1940, als die Luftangriffe auf London einsetzten, dort Heime für Kinder geschaffen hat, die vom Krieg traumatisiert waren? Sei es, weil sie zu Waisen wurden, obdachlos waren oder sich selbst überlassen, weil die Mütter arbeiten mussten, um für sich und ihre Kinder zu sorgen. Solchen Kindern wollten Anna Freud und ihre Freundin und Kollegin Dorothy Burlingham eine Umgebung bieten, in der sie in einer relativen Normalität leben und wieder Vertrauen fassen konnten, in der sie feste Bezugspersonen hatten, die sich täglich und auch nachts um sie kümmerten und auf ihre Ängste und Traumata eingingen.
Anna Freud hatte zunächst in Wien mit Kolleginnen, Pädagoginnen, Lehrerinnen, Ärztinnen in Kindergärten das Verhalten von Kleinkindern erforscht, bis sie selbst vor den Nazis geflohen und nach London gegangen ist. Viele ihrer damaligen Kolleginnen und Freundinnen waren Jüdinnen, denen sie versuchte, bei der Flucht nach England zu helfen. Es gelang nicht in jedem Fall. Gemeinsam mit diesen Freundinnen schuf sie die sogenannten „Hampstead War Nurseries“, in denen sie eben diese Kinder betreuten. Unterstützt wurden die Einrichtungen in London und später auch eine weitere in Essex teilweise durch Spenden, teilweise aber auch durch den „Foster Parents’ Plan for War Children“.
WeiterlesenAnna Husen: Lübecks Töchter: Der Traum von Liebe und Gemeinschaft
Das Vermitteln von Wissen und Bildung, der Wunsch nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung – das sind auch im zweiten Teil der Dilogie um „Lübecks Töchter“ die beherrschenden Themen. Sehr anschaulich wird die Situation der Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert dargestellt. Sogenannte „höhere Töchter“ wurden meist von einem Privatlehrer unterrichtet, wurden auf eine Zukunft als Ehefrau und Mutter vorbereitet und lernten dementsprechend in der Regel, wie man Konversation macht, ein bisschen Französisch oder Englisch sowie Haushaltsführung. Tiefergehende Bildung blieb ihnen oft verwehrt. Das wollten Amélie Roquette und ihre Schwestern mit ihrem Institut ändern. Zunächst als Schule für höhere Töchter geplant, wurde daraus bald auch ein Lehrerinnenseminar, an dem die Schwestern selbst künftige Lehrerinnen ausbilden konnten. Gegen viele Widerstände der Behörden, aber auch einzelner Bürger, die versuchten, den Schwestern das Leben schwer zu machen.
WeiterlesenCaren Benedikt: Tosende See: Grand Hotel Usedom
Auch der letzte Teil der fesselnden Trilogie um die Familie von Höveln und ihre Hotels „Ahlbecker Hof“ und „Atlantic“ auf Usedom ist wieder ebenso Familiensaga wie eine Studie der gesellschaftlichen Konventionen und Gepflogenheiten Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir erleben hautnah, wie schwierig es für Frauen ist, sich aus einer unglücklichen, ja krankmachenden Ehe zu befreien, wie viele Steine ihnen in den Weg gelegt werden, wenn sie nicht in den Schoß der Familie zurückkehren können oder gar versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen und eigene Entscheidungen zu treffen.
Maria, die älteste der drei Schwestern von Höveln, kann jetzt endlich die Scheidungspapiere unterzeichnen, und ihr Ex-Mann, Friedrich Kaminski, wird mit juristischen Schritten dazu aufgefordert, die Insel zu verlassen. Er steht ohne alles da. Seine Familie, die seine verbrecherischen Machenschaften lange gar nicht mitbekommen hatte und diese absolut verurteilt, auch den Umgang mit Maria und deren Familie, untersagt ihm jede finanzielle Unterstützung. Lediglich die Abreise von der Insel haben sie für ihn organisiert, doch wieder einmal gelingt es Friedrich, sich den Auflagen zu entziehen. Sein Versuch jedoch, noch einmal in seinen alten Kreisen Fuß zu fassen, scheitert kläglich, hat er sich doch zu viele Feinde gemacht.
WeiterlesenAnna Jessen: Ruf der Wellen: Die wandernden Inseln
Borkum – und Lütje Hörn – heute und vor zweihundert Jahren. Die Veränderung der „wandernden Inseln“ im Laufe der Jahrhunderte anhand dieses spannend geschriebenen Familienromans nachzuvollziehen, ist ein interessantes Unterfangen. Wer heute als Tourist nach Borkum oder Norderney oder auf eine andere Insel fährt, macht sich wahrscheinlich eher wenig Gedanken darum, wie diese Inseln früher einmal zusammengehängt und sich verändert haben. „Der Ruf der Wellen“ ist also nicht nur ein gut erzählter Roman, sondern auch eine wirklich interessante geschichtliche Darstellung der Veränderungen.
Erzählt wird in zwei Zeitebenen. Einmal 1855, als eine verheerende Sturmflut Borkum verwüstet und viele der damaligen Bewohner um ihre Existenzen und ihr Zuhause gebracht hatte, und einmal 2025, 170 Jahre später, als eine junge Geologin nach Borkum kommt, um den Wandel zu dokumentieren. Anhand des Beispiels der inzwischen verwaisten Insel Lütje Hörn, auf der 1855 noch drei Familien lebten, die aber dann auch sehr bald weggegangen sind, weil sie kein Auskommen mehr auf der kleinen Insel hatten.
WeiterlesenDan Jones: Löwenherzen
Was genau macht einen ganz gewöhnlichen Menschen zu einem „Löwen“? Ist es wirklich das waghalsige Risiko, die blinde Todesverachtung im Rausch einer Schlacht? Oder ist es nicht vielmehr jene stille, zähe Kraft, die uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen? Wahrer Mut hat viele Gesichter, doch am eindrucksvollsten zeigt er sich oft in der vollkommenen Selbstlosigkeit – in dem tiefen Drang, andere, vielleicht Schwächere, mit dem eigenen Leben zu schützen. Oft sind es paradoxerweise gerade die Menschen, die von der Gesellschaft als unbedeutend abgetan werden, die das größte Kämpferherz beweisen. Vielleicht rührt diese Stärke gerade daher, dass sie selbst vom Leben gezeichnet sind und bereits unzählige Schicksalsschläge und Herausforderungen meistern mussten.
WeiterlesenShelly Kupferberg: Stunden wie Tage
Shelly Kupferberg erzählt in „Stunden wie Tage“ die Geschichte der jungen Widerstandskämpferin Liane Berkowitz – und verknüpft sie mit dem Leben der Hausbesorgerin Martha. Daraus entsteht ein ruhiger, zunehmend eindringlicher Roman über Mut, Schuld und Erinnerung. Die Mischung aus historischer Genauigkeit und literarischer Erzählung gelingt so stimmig, dass die Figuren lange nachwirken.
Im Zentrum steht Martha E., die ab 1925 als Hausbesorgerin in einem Schöneberger Mietshaus arbeitet. Sie ist pflichtbewusst, sparsam und zurückhaltend – Eigenschaften, die sie für ihre Aufgabe prädestinieren. Sie organisiert den Alltag, kassiert Mieten und hält den Betrieb im Haus aufrecht, während sich die politischen Verhältnisse immer weiter zuspitzen.
WeiterlesenIny Lorentz: Helena: Das Schicksal der Todesschwestern
Geschichte gut verpackt in eine fesselnde Geschichte. Das kennen wir zwar vom Autorenpaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath, alias Iny Lorentz, aber meistens spielen ihre historischen Romane ja im frühen Mittelalter. Das ist diesmal nicht der Fall. „Helena“ geht „nur“ 200 Jahre zurück, ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Freiheitskämpfe und -kriege in Griechenland, die zunächst recht aussichtslos, mit der späteren Unterstützung anderer Völker dann aber doch zur Unabhängigkeit von den Türken führten. Allerdings duldeten weder Russland noch England oder Österreich eine freie Republik Griechenland, weshalb Otto von Bayern, der Sohn Ludwigs I., zum König von Griechenland bestimmt wurde.
In diesem hervorragend recherchierten und gekonnt umgesetzten Roman liegt ein besonderes Augenmerk auf den Frauen, die an den Kämpfen um die Freiheit einen nicht geringen Anteil hatten. Die berühmteste war Laskarina Bouboulina, die die meisten Schlachten auf See für die Griechen gewann und später vom russischen Zaren posthum zum Admiral der russischen Flotte ernannt wurde. Ebenfalls eine wesentliche Rolle spielten die Suliotinnen und die Frauen von Mani, die hier im Roman besondere Bedeutung haben; von ihnen hieß es, dass sie ebenso gut schießen konnten wie die Männer. Sie durften zwar alle mitkämpfen und ihr Leben riskieren, bei der Gestaltung des neuen Staates spielten sie jedoch keine Rolle mehr.
WeiterlesenRegine Kölpin: Zwischen Zuversicht und Leben: Die Hebammensaga
Regine Kölpin erzählt die Geschichte von Esther, einer jungen, engagierten Hebamme, die für die werdenden Mütter, die Wöchnerinnen und ihre Neugeborenen gerne einige Veränderungen erreichen möchte. Leider stößt sie im harten Klinikalltag in der Wesermarsch, wo sie sich gerade in der Probezeit befindet, immer wieder auf den Widerstand und den Widerwillen ihrer Vorgesetzten. Schwester Helma hält streng am Alten fest und ist Esthers Ideen gegenüber alles andere als aufgeschlossen. Es kommt so weit, dass Esther ihre Stelle verliert und nun auf sich gestellt, ohne viele Menschen in der Wesermarsch zu kennen, weil sie erst seit Kurzem dort lebt, zurechtkommen muss. Das gelingt ihr mit Hilfe einer erfahrenen älteren Hebamme, die seit Langem für Neuerungen und Verbesserungen kämpft. Als freie Hebamme hat sie es damit nicht leicht.
WeiterlesenBeate Maly: Die Trümmerschule: Jahre der Kinder
Im zweiten Band der kleinen Reihe um die junge jüdische Lehrerin Stella stehen die Schicksale der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt, denen es noch kurz vor Ende des Krieges gelungen ist, vor der Einberufung zu fliehen bzw. der Kinder, die damals in Heimen lebten und Grausamkeiten ertragen mussten, von denen wir kaum eine Vorstellung haben. Inzwischen kommen immer mehr dieser Vorgänge in Heimen – nicht nur in Österreich – ans Licht, aber leider können kaum noch Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Beispielhaft werden hier die Schicksale zweier Jungen geschildert, die sich zufällig in einem Zug begegnen. Beide auf der Flucht: Günther auf der Flucht vor der Einberufung, Bruno auf der Flucht vor dem Heim. Bruno ist völlig mittellos und läuft im Zug bereits Gefahr, erwischt zu werden, weil er keinen Fahrschein hat. Günther greift ein, zahlt die Fahrkarte, und beide gehen den gefährlichen weiteren Weg gemeinsam.
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