Anna Jessen: Ruf der Wellen: Die wandernden Inseln

Borkum – und Lütje Hörn – heute und vor zweihundert Jahren. Die Veränderung der „wandernden Inseln“ im Laufe der Jahrhunderte anhand dieses spannend geschriebenen Familienromans nachzuvollziehen, ist ein interessantes Unterfangen. Wer heute als Tourist nach Borkum oder Norderney oder auf eine andere Insel fährt, macht sich wahrscheinlich eher wenig Gedanken darum, wie diese Inseln früher einmal zusammengehängt und sich verändert haben. „Der Ruf der Wellen“ ist also nicht nur ein gut erzählter Roman, sondern auch eine wirklich interessante geschichtliche Darstellung der Veränderungen.

Erzählt wird in zwei Zeitebenen. Einmal 1855, als eine verheerende Sturmflut Borkum verwüstet und viele der damaligen Bewohner um ihre Existenzen und ihr Zuhause gebracht hatte, und einmal 2025, 170 Jahre später, als eine junge Geologin nach Borkum kommt, um den Wandel zu dokumentieren. Anhand des Beispiels der inzwischen verwaisten Insel Lütje Hörn, auf der 1855 noch drei Familien lebten, die aber dann auch sehr bald weggegangen sind, weil sie kein Auskommen mehr auf der kleinen Insel hatten.

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Dan Jones: Löwenherzen

Was genau macht einen ganz gewöhnlichen Menschen zu einem „Löwen“? Ist es wirklich das waghalsige Risiko, die blinde Todesverachtung im Rausch einer Schlacht? Oder ist es nicht vielmehr jene stille, zähe Kraft, die uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen? Wahrer Mut hat viele Gesichter, doch am eindrucksvollsten zeigt er sich oft in der vollkommenen Selbstlosigkeit – in dem tiefen Drang, andere, vielleicht Schwächere, mit dem eigenen Leben zu schützen. Oft sind es paradoxerweise gerade die Menschen, die von der Gesellschaft als unbedeutend abgetan werden, die das größte Kämpferherz beweisen. Vielleicht rührt diese Stärke gerade daher, dass sie selbst vom Leben gezeichnet sind und bereits unzählige Schicksalsschläge und Herausforderungen meistern mussten.

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Shelly Kupferberg: Stunden wie Tage

Shelly Kupferberg erzählt in „Stunden wie Tage“ die Geschichte der jungen Widerstandskämpferin Liane Berkowitz – und verknüpft sie mit dem Leben der Hausbesorgerin Martha. Daraus entsteht ein ruhiger, zunehmend eindringlicher Roman über Mut, Schuld und Erinnerung. Die Mischung aus historischer Genauigkeit und literarischer Erzählung gelingt so stimmig, dass die Figuren lange nachwirken.

Im Zentrum steht Martha E., die ab 1925 als Hausbesorgerin in einem Schöneberger Mietshaus arbeitet. Sie ist pflichtbewusst, sparsam und zurückhaltend – Eigenschaften, die sie für ihre Aufgabe prädestinieren. Sie organisiert den Alltag, kassiert Mieten und hält den Betrieb im Haus aufrecht, während sich die politischen Verhältnisse immer weiter zuspitzen.

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Iny Lorentz: Helena: Das Schicksal der Todesschwestern

Geschichte gut verpackt in eine fesselnde Geschichte. Das kennen wir zwar vom Autorenpaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath, alias Iny Lorentz, aber meistens spielen ihre historischen Romane ja im frühen Mittelalter. Das ist diesmal nicht der Fall. „Helena“ geht „nur“ 200 Jahre zurück, ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Freiheitskämpfe und -kriege in Griechenland, die zunächst recht aussichtslos, mit der späteren Unterstützung anderer Völker dann aber doch zur Unabhängigkeit von den Türken führten. Allerdings duldeten weder Russland noch England oder Österreich eine freie Republik Griechenland, weshalb Otto von Bayern, der Sohn Ludwigs I., zum König von Griechenland bestimmt wurde.

In diesem hervorragend recherchierten und gekonnt umgesetzten Roman liegt ein besonderes Augenmerk auf den Frauen, die an den Kämpfen um die Freiheit einen nicht geringen Anteil hatten. Die berühmteste war Laskarina Bouboulina, die die meisten Schlachten auf See für die Griechen gewann und später vom russischen Zaren posthum zum Admiral der russischen Flotte ernannt wurde. Ebenfalls eine wesentliche Rolle spielten die Suliotinnen und die Frauen von Mani, die hier im Roman besondere Bedeutung haben; von ihnen hieß es, dass sie ebenso gut schießen konnten wie die Männer. Sie durften zwar alle mitkämpfen und ihr Leben riskieren, bei der Gestaltung des neuen Staates spielten sie jedoch keine Rolle mehr.

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Regine Kölpin: Zwischen Zuversicht und Leben: Die Hebammensaga

Regine Kölpin erzählt die Geschichte von Esther, einer jungen, engagierten Hebamme, die für die werdenden Mütter, die Wöchnerinnen und ihre Neugeborenen gerne einige Veränderungen erreichen möchte. Leider stößt sie im harten Klinikalltag in der Wesermarsch, wo sie sich gerade in der Probezeit befindet, immer wieder auf den Widerstand und den Widerwillen ihrer Vorgesetzten. Schwester Helma hält streng am Alten fest und ist Esthers Ideen gegenüber alles andere als aufgeschlossen. Es kommt so weit, dass Esther ihre Stelle verliert und nun auf sich gestellt, ohne viele Menschen in der Wesermarsch zu kennen, weil sie erst seit Kurzem dort lebt, zurechtkommen muss. Das gelingt ihr mit Hilfe einer erfahrenen älteren Hebamme, die seit Langem für Neuerungen und Verbesserungen kämpft. Als freie Hebamme hat sie es damit nicht leicht.

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Beate Maly: Die Trümmerschule: Jahre der Kinder

Im zweiten Band der kleinen Reihe um die junge jüdische Lehrerin Stella stehen die Schicksale der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt, denen es noch kurz vor Ende des Krieges gelungen ist, vor der Einberufung zu fliehen bzw. der Kinder, die damals in Heimen lebten und Grausamkeiten ertragen mussten, von denen wir kaum eine Vorstellung haben. Inzwischen kommen immer mehr dieser Vorgänge in Heimen – nicht nur in Österreich – ans Licht, aber leider können kaum noch Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Beispielhaft werden hier die Schicksale zweier Jungen geschildert, die sich zufällig in einem Zug begegnen. Beide auf der Flucht: Günther auf der Flucht vor der Einberufung, Bruno auf der Flucht vor dem Heim. Bruno ist völlig mittellos und läuft im Zug bereits Gefahr, erwischt zu werden, weil er keinen Fahrschein hat. Günther greift ein, zahlt die Fahrkarte, und beide gehen den gefährlichen weiteren Weg gemeinsam.

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Elke Becker: Die Erfinderin der Freiheit

Der Glaube an den Fortschritt und sich selbst, daran, dass man etwas erreichen kann, wenn man nicht aufgibt. Dass man große Träume verwirklichen kann. Der stetige Kampf gegen die Dominanz der Männer in der Gesellschaft, die Rückschläge, die Frauen immer wieder hinnehmen mussten, die alltäglichen Probleme, die es so schwer machten, den Glauben an sich selbst und eben sich selbst nicht aufzugeben. Das sind die Themen, die hier in diesem historischen Roman um vier junge Frauen, die jeden Tag kämpfen müssen, um ihre Wohnung bezahlen zu können, sich in ihrem Job zu beweisen und dabei nicht vergessen, dass sie Träume haben, die sie verwirklichen wollen, behandelt werden. Christine und ihre Freundinnen Julia, Lotta und Amalie stehen im Mittelpunkt dieses historischen Romans, der Fakten und Fiktionen gekonnt und spannend zu einer Geschichte spinnt, die uns an den Anfang des 20. Jahrhunderts nach Dresden führt.

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Susanne Lieder: In der Liebe wollen wir frei sein

Gerade mal gut fünfzig Jahre sind im Rückblick keine lange Zeit, aber wenn man sich in Erinnerung ruft, was sich in den letzten 50, 55 Jahren gerade für Frauen alles verändert hat, könnte man meinen, man rede von einem lange vergangenen Jahrhundert. Bis Mitte der 1970er-Jahre durften Frauen ja eigentlich kaum etwas selbstständig und alleine für sich entscheiden. Sei es, ein Konto eröffnen, einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, den Führerschein machen, Verträge abzuschließen – all das musste vom Vater oder Ehemann genehmigt werden. Als 1971 in Paris eine viel beachtete Demonstration stattfand, bei der sich Frauen dazu bekannten, abgetrieben zu haben, kam ein Stein ins Rollen.

Die Journalistin Alice Schwarzer, die damals als Korrespondentin in Frankreich gearbeitet hat, hatte sich dieses Themas angenommen und diese Demonstration initiiert. In der Folge erschien ein ebenso aufrüttelnder Artikel von ihr zu diesem Thema im „Stern“. Das Titelblatt mit den Fotos von prominenten und anderen Frauen, die offen erklärten „Wir haben abgetrieben“ und sich damit strafbar machten, haben viele bestimmt noch in Erinnerung.

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Mechtild Borrmann: Lebensbande

Schicksale dreier Frauen in einem etwas emotionsarmen Roman

Das Buch schildert auf Basis der Erinnerungen von Zeitzeugen die Erlebnisse von drei Frauen in der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Drei Frauen, die wohl mehr oder weniger typisch sind für das, was damals vielen Menschen geschah, und für die Folgen, die das für ihr weiteres Leben hatte.

Mechtild Borrmann, deren Romane „Trümmerkind“ und „Feldpost“ ich ungemein spannend und emotional fand, erzählt hier auf mehreren Zeitebenen. Es beginnt in der Zeit kurz nach dem Mauerfall mit der Erzählperspektive einer zunächst noch namenlosen älteren Frau. Sie lebt allein mit ihrem Hund, hat einen Garten und wenig Kontakt, abgesehen von einem befreundeten Ehepaar. Sie schweigt zu ihrer Vergangenheit, wofür sie, wie sich später herausstellt, einen guten Grund hat.

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Anna Thaler: Die Papierschöpferin

Ein spannender, historisch gut recherchierter Roman über die Papierherstellung und die Mitte des 15. Jahrhunderts noch recht junge Kunst des Buchdrucks, verpackt in die Geschichte einer jungen Frau, die von heute auf morgen vor der Aufgabe steht, sich nicht nur um ihre jüngeren Geschwister, sondern auch um den Fortbestand der elterlichen Papiermühle kümmern zu müssen, nachdem ihr Vater von einer geschäftlichen Reise nach Venedig nicht zurückgekommen ist. Er sei an der Pest gestorben, sagt man Sofia. Doch sie hat von Anfang an Zweifel und würde lieber heute als morgen aufbrechen, um die wahren Umstände des Todes ihres Vaters in Venedig aufzuklären und zu erfahren, was er dort genau gemacht hatte. Zunächst können Sofia und ihre Geschwister noch auf die Unterstützung der Nachbarn aus dem Dorf rechnen, doch das hat ein jähes Ende, als Sofia und Matteo, der Sohn des mächtigsten Papiermühlenbesitzers der Region, sich weigern zu heiraten.

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