Helga Schubert (Jahrgang 1940), inzwischen 85-jährige Schriftstellerin und Psychotherapeutin, lässt das Schreiben nicht. Ist sie doch „ein altes Schreibtier“, wie sie sich selbst im Vorwort zu ihrem neuen Buch nennt. Ihr Debüt „Lauter Leben“ erschien 1975. Nach dem Erzählband „Vom Aufstehen“ über „ein Leben in Geschichten“ (2021), für dessen Titelgeschichte sie schon 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, und „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe“ aus dem Jahr 2023 ist am 13. November 2025 „Luft zum Leben“ bei dtv erschienen.
Helga Schuberts „Luft zum Leben“ erzählt Zeitgeschichte
In 38 Texten von 1960 bis heute erzählt Helga Schubert „Geschichten vom Übergang“.
65 Jahre des Schreibens liegen hinter Helga Schubert und sie wird dessen nicht müde. Sie erzählt vom Aufwachsen, Leben und Arbeiten in der ehemaligen DDR, der Wendezeit und nicht zuletzt vom Sterben.
Ihre Geschichten sind nur wenige Seiten lang. Aber in ihnen steckt ein ganzes Leben, eine ganze Welt, z.B. in „Blickwinkel“ von einem Interview mit einer berühmten russischen Balletttänzerin oder in „Knoten“ von einer mittelalten Frau mit Krebs.
Helga Schubert soll 1989 einen Vortrag über das Frauenbild in der DDR halten und bei ihren Recherchen stellt sie sich viele Fragen zu den „DDR-Frauen“:
„Was unterscheidet eine DDR-Frau von einer Westfrau, wenn beide im Kaufhaus am Alexanderplatz zum Beispiel einen schwarzen Pullover kaufen wollen und es keinen gibt? Die Westfrau kauft keinen, aber wir kaufen aus Mitleid nicht nur mit der Verkäuferin den rosafarbenen Pullover. Zu Hause werden wir ihn schwarz färben. Das macht uns so liebenswert.“ (S. 106)
Schubert setzt sich kritisch mit dem Schriftstellerverband und dem Regime der DDR auseinander. „Luft zum Leben“ enthält unveröffentlichte Texte, die in der DDR keine Genehmigung zum Druck erhielten, und Auszüge aus ihrer geschwärzten Stasi-Akte. Die Erzählung „Das verbotene Zimmer“ aus dem Jahr 1979 wurde erstmals in der BRD 1982 veröffentlicht. Darin beschreibt Helga Schubert S-Bahnfahrten durch die Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin. Sie findet Worte für das Eingeschlossensein, das Fremdbestimmte, das Unterdrückende und das Angepasste, aber auch für das Zusammenhalten und das Kämpferische.
Mit „Luft zum Leben“ von Helga Schubert halten wir einen Schatz in der Hand
Mit Helga Schubert gibt es eine Chronistin, eine Zeitzeugin der letzten sechs Jahrzehnte in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland, die ebenso feinfühlig und warmherzig wie präzise ein ganzes Frauenleben beschreibt. Mit „Luft zum Leben“ halten wir Lesenden einen Schatz in der Hand. Gut, dass wir Helga Schubert haben und noch besser, dass sie schreibt.
Helga Schubert: Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang.
dtv, 13. November 2025.
288 Seiten, Hardcover, 24,- Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
