Der Fotojournalist Julien Desmanges streift durch Gaza-Stadt auf der Suche nach Motiven. Zufällig entdeckt er einen Buchhändler, der, auf seiner Schwelle sitzend, in ein Buch vertieft ist. Nabil Al Jabers Laden ist vollgestopft mit Büchern aller Art, die er an Besucher verschenkt. Als Julien ihn fotografieren will, gestattet Nabil ihm dies nur unter der Bedingung, sich zuerst dessen Lebensgeschichte anzuhören.
Und so erfahren wir vom Leben Nabils und seiner Familie. Ein Leben geprägt von Armut, Unterdrückung und Vertreibung, von Tod, Trauer und Verzweiflung, aber auch von dem Willen zu überleben, sich nicht kampflos zu ergeben, von Freundschaft und Liebe. Und von der Kraft der Literatur, die es Menschen ermöglicht, zu lernen und zu verstehen oder der grausamen Wirklichkeit für ein paar Stunden zu entfliehen. Viele Kapitel verknüpfen die Familiengeschichte mit historischen Ereignissen wie dem Sechstagekrieg oder der ersten und zweiten Intifada und mit für Nabil zentralen Werken der Weltliteratur von Shakespeare bis Victor Hugo und André Malraux.
Das ist harter Stoff, der vom ersten Satz an unter die Haut geht. Die Erzählung ist berührend, aufwühlend, macht traurig und zornig, zumal sie in der zweiten Person Singular geschrieben ist. Zwar erzählt Julien von der Begegnung mit Nabil (der dann zum Ich-Erzähler wird), spricht aber mit dem »Du« direkt die Leser an, die sich sofort am Ort des Geschehens wiederfinden und alles wie mit eigenen Augen sehen.
Dabei entfaltet Benzines Sprache einen gleichzeitig gespenstischen, erschreckenden und poetischen Sog, der vom ersten Satz an fesselt und nicht wieder loslässt. Gleich die ersten Sätze stoßen die Leser in die palästinensische Realität. (Die Handlung setzt 2014 an, ist aber absolut aktuell.)
»Ein gewöhnlicher Tag. Gestern haben zwei Einschläge vier Jungs getötet, deren einziges Verbrechen darin bestand, dort Fußball zu spielen.«
Die ersten Seiten, ein metaphorisch beeindruckendes, dichtes Netz aus Beschreibungen und Gedanken, zeichnen ein eindrückliches Bild der Zerstörung, des alltäglichen, bedrohlichen Lebens in Gaza-Stadt, eines »Lebens mit Vorbehalt« von Menschen mit »Adern voller Leben«.
»Plötzlich bist du in einem besonders hart getroffenen Viertel. […] Gesprengte Fassaden, aufgerissen wie die Kadaver verendeter Tiere. Die Eingeweide aus Beton hängen auf den Gehwegen. Häuser mit zertrümmertem Brustkorb. […] Die ausgestochenen Augen der Fenster. [… ] Alles scheint zu schreien. […] Du gehst vorbei an einem ausgeweideten Gebäude, dessen Stockwerke untereinander begraben liegen. Alles ist da, erstarrt in einer Logik des Absurden, in der die Dinge ihre Funktion, ihren Nutzen und Daseinsgrund verloren haben. […] Ein rostiger Eimer voll Schutt, Kinderspielzeug, ein aufgerissenes Stofftier. Bäume, die nicht entwurzelt wurden, sind entastet und verstümmelt. Stehen als Warnung. Als soundsovielte Drohung. Doch das Leben geht weiter. Alles wartet und lebt dabei weiter. Kinder tollen herum und lachen. Sie wissen bereits alles über den Tod.«
Ist der Roman einseitig, ist Benzine parteiisch? Ja und nein.
Einerseits fokussiert er sich auf die Seite der Palästinenser, schildert allein deren Leben, macht die Ursachen für palästinensischen Terrorismus deutlich. Der Roman ist nicht ausgewogen in dem Sinne, beiden Seiten in diesem Jahrzehnte alten Konflikt gerecht zu werden. Benzine schildert nicht die Bedrohungen jüdischen Lebens, die Ängste und Beweggründe der israelischen Bevölkerung. Aber hat ein Autor nicht das Recht, in seinem literarischen Werk Partei zu ergreifen und historische Geschehnisse und ihre Folgen allein aus dieser Sicht zu schildern?
Zumal Benzines Roman keine antisemitische Anklageschrift ist. Der Franko-Marokkaner zählt zu den angesehensten Politologen und Islamwissenschaftlern Europas und steht für einen modernen, kritischen und aufgeklärten Zugang zum Islam. Sein Buch ist nicht von Hass getrieben, sondern von Mitgefühl, von der eigenen – und sich auf den Leser übertragenden – Betroffenheit angesichts von Leid und Elend.
Nabil Al Jabers Geschichte ist so individuell wie universell. Er und seine Familie sind differenzierte Charaktere, keine ideologisch aufgeladenen Abziehbilder. Sie stehen exemplarisch für 78 Jahre des Leidens der arabischen Bevölkerung Palästinas, aber ebenso für das Schicksal aller Vertriebenen, die ihre Heimat, ihren spärlichen Besitz, ihre Familie und Freunde und allzu oft alle Hoffnung verlieren (aktuell, ein neuer Höchststand, erschreckende 120 Mio.).
»Der Buchhändler von Gaza« ist ein literarisches Kleinod. Klein nur wegen seiner Kürze, sprachlich virtuos, voll menschlicher Wärme, eine Hommage an die Literatur. Und vor allem ist es ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Frieden.
Der zentrale Gedanke kommt in einem Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmut Darwisch zum Ausdruck, das Nabil an einer Stelle rezitiert:
»Ihr auf der Schwelle, die ihr dasteht, tretet ein
Und trinkt mit uns arabischen Kaffee.
Fühlt euch als Menschen,
Wie wir.
Ihr auf der Schwelle, die ihr dasteht,
Kommt aus unseren Morgen heraus,
Uns wird beruhigen, so zu sein wie ihr,
Wie Menschen!
Rachid Benzine: Der Buchhändler von Gaza.
Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Jandl.
Piper Verlag, Feb. 2026.
128 Seiten, Hardcover, 22.00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
