Gibt es einen Krimi, den ich sofort kaufen würde, ohne überhaupt den Klappentext gelesen zu haben? Gibt es – so lange er von Stuart Turton stammt! Jedes seiner Bücher überzeugt, gerade weil sie so verschieden sind bezüglich Setting, Epoche und Charakteren. Turton ist kein Autor, der sich ständig reproduziert. Er erfindet in jedem Buch eine eigene Welt, die zwischen zum Nägel kauenden Krimi, Fantasy und Science Fiction angesiedelt ist. Allen gemeinsam sind atemberaubende Plot Twists, umrahmt von einer Geschichte, die uns immer wieder hinters Licht führt.
Nichts ist, wie es scheint
So auch in diesem Buch: Auf einer einsamen Mittelmeerinsel wohnen 122 Menschen oder vielmehr Überlebende einer Apokalypse. Ihre Insel ist umgeben von einem tödlichen Nebel, der den Rest der Menschheit ausgerottet hat. Geleitet wird die Insel von den drei „Ältesten“. Sie verfügen über das technische Wissen der zerstörten alten Welt. Dabei haben sie eine Zivilisation geschaffen, die einfach lebt, Landwirtschaft und Handwerk betreibt, in der die Menschen aber gleichzeitig sehr glücklich sind, jeden Tag feiern, musizieren und tanzen. Eine Welt ohne Gier und Gewalt. Bis eines Tages eine der Ältesten tot aufgefunden wird. Dieser Vorfall bringt unglaubliche Geheimnisse ans Licht, welche die Existenz der Inselbevölkerung in ein völlig neues Licht rücken.
Wie ein Walddorfkindergarten mutet das Leben auf der letzten Insel am Ende der Welt an. Vormittags arbeiten die Bewohner auf dem Feld, nachmittags üben sie individuelle Hobbys wie Malen oder Musizieren aus, abends wird gemeinsam gefeiert, während die Bewohner mit Konzerten oder sonstigen Darbietungen unterhalten werden. Jeder wird nach individuellen Anlagen gefördert, ein paar Auserwählte dürfen bei den Ältesten ein Praktikum absolvieren, um bei Forschungen und technischen Wartungen dabei zu sein. Alle teilen alles, Neid und Missgunst gibt es nicht. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch.
Atemberaubende Plot-Twists
Nach und nach lässt Turton meisterhaft anklingen, dass hier etwas im Argen liegt. Dass hier Kräfte und Technologien dahinterstecken, die wir noch nicht kennen. So sterben die Insulaner an ihrem 60. Geburtstag nachts friedlich im Schlaf. Auch dieser ist gesteuert, da Punkt 22 Uhr alle Bewohner einschlafen – egal, wo sie gerade gehen und stehen – um am nächsten Morgen bisweilen mit unerklärlichen Schrammen oder blauen Flecken aufzuwachen. Kinder bekommen sie nicht auf natürliche Weise, sondern werden ihnen von den Ältesten zugeteilt. Was es genau mit dem Schutzschild auf sich hat, welches den tödlichen Nebel außen vorlässt, weiß niemand außer den drei Ältesten. Außerdem ist da noch die Ich-Erzählerin Abi. Sie ist nichts anderes als eine KI, die über Gedanken mit jedem einzelnen der Bewohner kommunizieren kann.
So scheint das Zusammenleben der letzten Überlebenden gut zu funktionieren, da Abi nicht nur als Ratgeber, sondern auch als eine Art Gewissen fungiert. Bis eine der Ältesten zu Tode kommt. Da den Bewohnern Begriffe wie Gewalt fremd sind, denkt jeder zunächst an einen Unfall. Nur die clevere Emory glaubt nicht daran und findet bald Beweise, dass es sich hierbei um einen Mord gehandelt hat. Ihre Art, Dinge zu hinterfragen und an der Unantastbarkeit der drei Ältesten zu rütteln, hat sie zur Außenseiterin gemacht. Seit ihr Mann bei einer Expedition ums Leben kam, rüttelt sie an der Hierarchie der Insel. Gemeinsam mit ihrer Tochter Clara und ihrem systemtreuen Vater muss sie rasch den Mörder finden. Denn der Tod der Ältesten hat das Schutzschild der Insel zerstört, sodass der tödliche Nebel unaufhaltsam näher rückt …
Countdown bis zum Weltuntergang
Es ist nicht nur der Countdown wie „72 Stunden bis zum Untergang der Menschheit“, der jedes Kapitel dieses Romans zu einem nervenaufreibenden Pageturner macht. Es sind die Wendungen und Enthüllungen, die Sie sämtliche soeben gelesenen Seiten wieder aus einem neuen Blickwinkel betrachten lassen. Stuart Turton versteht es, nervenaufreibende Spannung aufzubauen und stetig zu steigern. Mühelos pendelt der Autor zwischen Genres, bedient sich hier und da und fügt alles stimmig zusammen. Sein Können hat er bereits mit seinem internationalen Bestseller „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ (einem der besten Plot Twists, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe) und dem Nachfolger „Der Tod und das dunkle Meer“ unter Beweis gestellt. In diesem neuesten Geniestreich geht es um das Überleben der Menschheit, was gleichzeitig die Fragen aufwirft: Was bedeutet Menschsein überhaupt? Gehören Gewalt und Gier zum Menschsein dazu? Kann es jemals eine friedliche Zukunft auf diesem Planeten geben? Wie könnte diese aussehen?
Raffiniert, spannend und vielschichtig, mit zahlreichen überraschenden Plot Twists und universellen Botschaften: Ein Roman, der Sie nachts wachhalten wird – im positiven Sinne versteht sich. Expect the unexpected!
Stuart Turton: Der letzte Mord am Ende der Welt
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel
Klett-Cotta, Februar 2026
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
