Ein Buch, das sich in den Kopf brennt. Dieser moderne Buchklassiker aus dem Jahr 1995 wird gerade weltweit von BookTok gehypt. Völlig verständlich. Jaqueline Harpman kreiert Brutalität, ohne dass ein Tropfen Blut fließt oder körperliche Gewalt stattfindet. Sie schafft eine atemberaubende Spannung, obwohl der Handlungsspielraum der Protagonistinnen extrem eingeschränkt ist. Die Atmosphäre des Grauens funktioniert so gut, weil Harpman am größten Triggerpunkt ansetzt: der menschlichen Phantasie. Atemlos lesen wir uns durch ein postapokalyptisches Szenario um 40 Frauen, die ohne Erinnerung daran, wie sie hierher gelangt sind, jahrelang in einem unterirdischen Keller gefangen gehalten werden. Wie sie mit dieser Extremsituation umgehen, welche Dynamik sich unter ihnen entwickelt, was sie am Leben erhält: Jaqueline Harpman spielt mit Urängsten und Alpträumen. Prädestiniert durch ihren Beruf als Psychoanalytikerin hat sie eine literarische Tour de Force zu Papier gebracht, die Sie niemals vergessen werden. Gerne darf das Buch auch als feministische Hymne gelesen werden.
40 Frauen in einem unterirdischen Gefängnis
Die Ich-Erzählerin hat nie einen Mann kennengelernt. Bereits als Kind kam sie mit 39 Frauen in einen unterirdischen Käfig, wo sie seitdem auf engstem Raum gefangen gehalten wird. An ihr Leben davor hat sie keine Erinnerung. Wenn die Frauen von Liebe, Berufen oder Gegenständen wie Leitern und Büchern erzählen, bleiben das für sie bloße Worte ohne konkrete Vorstellung dahinter. Das macht sie zur Außenseiterin, zumal sie das einzige Kind in der Gruppe ist. Die Frauen werden in dem Käfig verwahrt und von Wärtern bewacht, die nie ein Wort mit ihnen reden. Sie erhalten Nahrung, Wasser, ab und zu ein paar Stoffe, aus denen sie sich mit Haarfäden Kleider nähen. Ein Tag ähnelt dem anderen, jahrein, jahraus. Die Frauen erzählen sich Geschichten von früher, leben in der Vergangenheit. Doch die Erzählerin kann darauf nicht zurückgreifen, weil sie keine Vergangenheit hat. So kommt sie dazu, das Wenige in ihrer Welt zu hinterfragen …
Herausragende Dystopie mit offenen Fragen
Eines Tages kommt ihnen der Zufall zu Hilfe, die Frauen können entkommen. Jedoch nur, um in einer neuen Ödnis, einem noch größeren Gefängnis in Form einer völlig unwirtlichen Außenwelt, zu landen. Für die Ich-Erzählerin ist diese kleine Veränderung bereits Grund zur Freude und die Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen.
Spoiler: Sind die Frauen Teil eines Experiments gewesen? Was hat zum Zusammenbruch der Zivilisation geführt? Wurden sie von Aliens auf einen fremden Planeten entführt? Manches zeichnet sich ab, doch die meisten Fragen werden in diesem Roman nie geklärt! Es bleibt den Gedanken der Leserinnen und Leser überlassen, sich eine Welt darum zu stricken …
Menschsein in einer Welt ohne Männer
Denn in Harpmans Roman geht es um viele andere Dinge als um die bloße Auflösung eines Plots. Ihr Roman ist tiefgründig und vielschichtig. Was macht einen Menschen aus? Wie kann ich ein Mensch in einer unmenschlichen Umgebung bleiben? Wie entwickeln sich Frauen in einer Welt ohne Männer? Wie können sich weibliche Kräfte entfalten, abseits eines patriarchalen Bewertungssystems? Nicht nur aufgrund ihres Berufs als Psychoanalytikerin, sondern auch aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit war Jaqueline Harpman prädestiniert dafür, diesen Roman zu schreiben. 1929 in Belgien in eine jüdische Familie geboren, konnte sie dem Genozid der Nazis nur entgehen, indem sie mit ihrer Familie nach Casablanca floh. Das Anderssein oder die beklemmende Atmosphäre in einem Konzentrationslager – vieles klingt hier an.
Fest steht: Dieses moderne Meisterwerk verbindet einen minimalen Plot mit psychologisch ausgefeilten Details zu einem maximal bewegenden Leseereignis! Wer Tiefgründiges und Dystopien liebt, wer Female Empowerment schätzt und sich in nebulösen Science-Fiction-Welten auch ohne Wegweiser zurechtfindet, wird dieses Buch lieben. Ein grandioser Pageturner. Zum Glück wiederentdeckt, neu übersetzt und nun zurecht im Rampenlicht stehend.
Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte.
Aus dem Französischen von Luca Homburg.
Klett-Cotta, März 2026.
224 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
