Ob Istanbul, Tel Aviv, Neu-Delhi, Kenia, Berlin oder Buenos Aires – überall auf der Welt schlängeln sie sich durch den Verkehr. Kuriere übertragen das Digitale ins Reale. Essen via Klick war noch nie so einfach, zumindest für die Auftraggeber. Die Schicksale und Sehnsüchte von jenen, welche Lebensmittel liefern, erzählt der in Berlin lebende, jüdische Autor Tomer Gardi. Ein Traumjob ist es für niemanden. Für manche ist es ein Sprungbrett in ein neues Land, für manche ein notwendiges Übel zum Überleben, für die Dritten eine Einkommensquelle, um sich Träume wie ein Studium zu finanzieren.
Meisterhaft verwebt Tomer Gardi die bewegenden Geschichten über Kontinente hinweg. Mit Feingefühl und leisem Humor versteht es der Autor, die Menschen, die mittlerweile zu jedem Stadtbild gehören und doch übersehen werden, ins Bewusstsein zu rücken. Ein schönes, bewegendes Buch!
Überall unterwegs: der harte Alltag von Kurieren
In sechs Episoden begleiten wir die Protagonisten und Protagonistinnen durch belebte Straßen, Treppenhäuser und Restaurants. Der aus Eritrea stammende Filmon arbeitet als Lieferant in Tel Aviv. Mit dem Geld versorgt er seine bereits nach Berlin immigrierte Frau und die gemeinsame Tochter. Er möchte schnellstmöglich nachkommen. Der Druck, Aufträge zu erhalten, ist groß. Fehler dürfen keine passieren, da dies schlechte Bewertungen nach sich ziehen könnte. Diese Probleme kennt Sachin in Neu-Delhi ebenfalls, zusätzlich sieht sie sich Misogynie ausgesetzt. Denn die geschiedene, alleinerziehende Mutter arbeitet als eine der wenigen Frauen in diesem Beruf und muss sich ständig gegen Catcalling wehren. Auch Nina aus Berlin, Deutschlehrerin von Filmons Frau, lebt für wenige Monate in Delhi. Mit Ramon beginnt sie eine Affäre, die in der Nacht des Diwali-Lichterfestes ein tragisches Ende nimmt. Zeitgleich wollen sich der Erzähler und ein Schriftstellerfreund einer Haarimplantation in Istanbul unterziehen. Dabei lernen sie einen Kurier kennen, der für seine unangemessene Reaktion auf einen missglückten One-Night-Stand teuer bezahlen muss. In Buenos Aires verfolgt eine Mutter einen Essensfahrer, der das Handy ihres verstorbenen Sohnes gestohlen hat. Während in Kenia eine Rosenfarm zum Hoffnungsträger für ein besseres Leben wird.
Die Unsichtbaren und Unliebsamen der Wohlstandsgesellschaft
Allen diesen Geschichten gemeinsam ist eine tiefe Menschlichkeit und Sehnsucht. Vor allem die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Sei es zu einer besseren Gesellschaftsschicht, zur im Ausland lebenden Familie, die Sehnsucht nach Jugend, Liebe, Erfolg und Akzeptanz. Liefern bezieht sich nicht nur auf Lebensmittel und Nahrung, sondern auch auf Schönheit und Statussymbole, welche die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erleichtern sollen. Indem der mehrfach ausgezeichnete Tomer Gardi – sein Roman „Eine runde Sache“ erhielt beispielsweise 2022 den Preis der Leipziger Buchmesse – den Anonymen ein Gesicht gibt, hält er der Wohlstandsgesellschaft den Spiegel vor. Wenn sich Lieferanten und Belieferte für einen kurzen Moment begegnen, leben sie doch an ein und demselben Ort in völlig verschiedenen Welten.
Im Buch erklärt ein Fahrer, warum Kuriere von den meisten gehasst werden: „Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst.“ (S. 181)
Tomer Gardi: Liefern.
In Zusammenarbeit mit Anke Birkenhauer (Übersetzerin der Episode „Mimesis“ aus dem Hebräischen).
Tropen, Februar 2026.
320 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
