Der israelische Autor Dror Mishani, bekannt geworden durch seine Avi-Avraham-Krimireihe, hat einen Liebesroman geschrieben. Und eine Geschichte über einen Mann, der eigentlich alles falsch macht.
Eli, 52, Übersetzer französischer Kriminalromane, erwartet nicht mehr viel vom Leben, lebt eher trübsinnig vor sich hin, nachdem seine Frau gestorben ist. 27 Jahre war er glücklich mit ihr. An eine zweite große Liebe glaubt er nicht. Bis er Lia trifft. Sie spielt Cello in einem Kammerquartett und gibt Kindern Musikunterricht. Sie ist ähnlich zurückhaltend wie Eli, und so entspinnt sich ihre Beziehung zaghaft, aber mit wachsender Zuversicht. Vor allem bei Eli.
Doch dann begeht er einen folgenschweren Fehler und verstrickt sich, statt einfach die Wahrheit zu sagen, bei dem Versuch, seine neue, so verheißungsvolle Liebe zu retten, in ein Geflecht aus Kurzschlusshandlungen und Lügen, das alles gefährdet.
»Was du als Nächstes tust, ist auf gar keinen Fall Teil eines Plans. … [Du] führst Handlungen aus, von denen du bis zu diesem Tag nur in den von dir übersetzten Büchern gelesen hast.«
Bei diesen Handlungen handelt es sich nicht um Kriminelles. Er will lediglich etwas vertuschen, einen Fehler, der Lia tief verletzen und, so fürchtet er, ihre Liebe zerstören wird. Eli stehen seine Unsicherheit und Selbstzweifel im Weg.
»Im ersten Moment beruhigt dich das, aber dann erschrickst du umso mehr, weil du begreifst, wie optimistisch Lia ist. […] Noch kannst du ihr die Wahrheit sagen. Warum erzählst du es ihr nicht? Vielleicht, weil du kleingläubig bist. Und nicht couragiert.«
Mishani wählt für seine Erzählung die seltene Form des Zweite-Person-Singular. Anders als in Der Buchhändler von Gaza (https://schreiblust-leselust.de/rachid-benzine-der-buchhaendler-von-gaza), in dem der Leser direkt angesprochen wird, entsteht in »Nicht« der Eindruck, Eli erzähle sich die Geschichte selbst, spreche zu sich selbst, wie in einer Art Therapie, um zu verstehen, was eigentlich geschehen ist und warum. Auch um sich selbst zu verstehen.
Was auch den Lesern nicht leichtfällt, denn Eli verhält sich auf erschreckende Weise irrational. »Nicht«, möchte man ihm zurufen, »bloß nicht!« Aber Eli tut es doch. Hat man sich einmal darauf eingelassen, dass Eli etwas ziemlich Dummes tut – schließlich gibt es auch im echten Leben genug Menschen, deren Verhalten uns schwerfällt nachzuvollziehen –, dann beobachten wir mit Spannung, wie sich die Schlinge allmählich zuzieht, und hoffen mit Eli, auf glückliche Zufälle oder den Mut zur Wahrheit und Lias Verständnis. Oder bereiten uns auf ein trauriges Ende vor.
Eines steht fest: Dror Mishani findet einen Schluss, der hundertprozentig zu dieser Erzählung, zu Elis und Lias Geschichte passt.
Dror Mishani: Nicht.
Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke.
Diogenes, April, 2026.
192 Seiten, Hardcover, 25,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
