Curtis Sittenfeld: Mittelalte Frauen

Curtis Sittenfelds Geschichtssammlung liest sich wie ein Klassentreffen nach 20 oder 30 Jahren. Ihre „mittelalten Frauen“ tauschen Neuigkeiten aus, nehmen Gespräche und Ereignisse zum Anlass, um ihr eigenes Leben zu reflektieren. Das tun sie mit unglaublich viel Humor und Selbstironie!

Es geht um auseinandergelebte Ehen und Freundschaften – neu gebildete, wiederentdeckte und welche, die im Sande verlaufen sind. Es geht um strukturellen Sexismus in der Schriftstellerbranche, um versteckten Rassismus hinter schmucken Vorstadtfassaden, um offene Homophobie in Amerikas evangelikalen Kirchen. Und es geht um kleine Ereignisse, die unser ganzes Leben wissentlich oder unwissentlich beeinflussen. Ihre wahre Bedeutung erkennen wir meist erst im mittleren Alter.

Ein idealer Roman, um sich mit einer Tasse Tee (oder einem Glas Wein) und ein bisschen Schokolade aufs Sofa oder die Sonnenliege zurückzuziehen und sich eine schöne „Me-Time“ zu gönnen! Für alle Gen X’ler ein besonderes Lesevergnügen, schließlich lässt die 1975 geborene Autorin den Übergang von „Wird sich Internethandel jemals durchsetzen?“ zum Daten via Tinder mit subtiler Nostalgie einfließen.

Hinterher ist Frau klüger – oder auch nicht!
„Große Literatur wurde noch nie von schönen Frauen geschrieben.“ (S. 23) Mit dieser Aussage ihres Kommilitonen Bhadveer sieht sich die Erzählerin der ersten Geschichte auf einer Studentenparty konfrontiert. Sie wartet seit Tagen auf eine Antwort, ob sie eines der vier begehrten Literatur-Stipendien erhalten hat. Trotz Nervosität verzichtet sie auf Alkohol, um nicht ihrem Ex um den Hals zu fallen, da sie weiterhin ihre geschriebenen Werke gegenseitig kommentieren. „… Wie kann jemand, der in mir gekommen ist, seine Kritiken mit ‚Viele Grüße‘ unterschreiben? Meine Kritik an ihm nach unserer Trennung war drei Seiten lang, einfacher Zeilenabstand …“ (S. 17). Während der Großteil dieser Geschichte auf jener Studentenparty spielt und sich um die Wertigkeit von Literatur in Bezug auf das Geschlecht dreht, kommentiert die Erzählerin am Ende subtil ironisch, wie sich ihre Schriftstellerkarrieren entwickelt haben: „Er ist die Art von Schriftsteller, über den die aktuellen Studierenden hitzige Debatten führen; ich bin die Art von Schriftstellerin, die ihre Mütter nach ihrer Knie-OP lesen.“ (S. 31)

Von Klassentreffen, Doppelmoral und den Anfängen des Internets
Auf dem Klassentreffen eines Eliteinternats stellen zwei geschiedene Außenseiter nach 30 Jahren fest, dass sie wie füreinander geschaffen sind. Ein heimlich aufgenommenes Instagram-Video wird einer Vorstadt-Vorzeigemutti zum Verhängnis, da es ihrer vermeintlich liberalen Fassade empfindliche Risse zufügt. Eine Serienproduzentin versucht, einen erzkonservativen Autor davon zu überzeugen, eines der Romanpaare als gleichgeschlechtlich darstellen zu dürfen. Dabei wird sie unversehens mit den Problemen ihrer eigenen Ehe konfrontiert. Die „reichste Babysitterin“ der Welt hütet die Kinder einer Familie, die später zu Internetmilliardären werden wird. Drei Freundinnen überwinden die Grenzen von Rassen und Vorurteilen. Eine Mutter fragt sich, ob es moralisch verwerflich ist, sich über die schwere Krankheit eines ehemaligen Schulmobbers zu freuen, während eine investigative Künstlerin ihren männlichen Bekanntenkreis auf die „Mike Pence“-Regel testet, um amerikanische Moralansichten zu überprüfen. Dabei scheitert sie am Ende an ihren eigenen …

Geschichten mit amüsanten Twists
Curtis Sittenfeld präsentiert Geschichten aus dem Leben, die dabei mit amüsanten Twists, viel Ironie und tiefgründigen Themen aufwarten. Sie hält Beziehungen, Instagramfassaden und Egos den Spiegel vor. Gleichzeitig zeichnet sie ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft zwischen den 1980er Jahren und der Trump-Ära. Sittenfelds 12 Geschichten wirken fast so, als würden sie mit ihren besten Freundinnen bei ein paar Gläsern Aperol über Männer, Gott und die Welt diskutieren. Außer, dass in den Welten von Curtis Sittenfeld die kleinen Abgründe und Chancen des Lebens ganz unverhofft auftauchen können.

Ein Wohlfühlbuch, vor allem für Generation X
Die Übersetzung des deutschen Buchtitels wird dem Originaltitel „Show don’t tell“ nicht ganz gerecht. Es stimmt zwar, dass in den Büchern Frauen in ihren 40ern und 50ern die Sicht der Erzählerin einnehmen. Doch einige Plots spielen zum Großteil in deren jungen Jahren. Es entsteht ein Kontrast zwischen dem, was die Protagonistinnen in jungen Jahren denken und sagen, und dem, was sie dann wirklich tun. Ihre Handlungen offenbaren ihren wahren Charakter. Dabei schwingt stets ein Hauch von Nostalgie mit (bitter-)süßen Untertönen mit. Ganz nebenbei singt Sittenfeld ein Loblied auf die Freundschaft, weshalb sich diese Geschichtensammlung ideal zum Verschenken eignet.

Fazit: Ein höchst unterhaltsames Buch mit Nostalgie, Witz und den unberechenbaren Chancen und Stolpersteinen des Lebens. Amüsant und selbstironisch geschrieben. Eine großartige Autorin, die mit ihren Werken zurecht die New-York-Times-Bestsellerlisten stürmte. Für LeserInnen der Generation X ein absolutes Muss – inklusive Schmunzeln, Wehmutstropfen und dem Drang, sich bei der besten Freundin zu melden.sive Schmunzeln, Wehmutstropfen und dem Drang, sich bei der besten Freundin zu melden.

Curtis Sittenfeld: Mittelalte Frauen.
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs und Pauline Kurbasik.
DuMont, Februar 2026.
352 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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