Raphaela Edelbauer: Die echtere Wirklichkeit

Was ist Realität im Zeitalter der Fake News? Was ist die Wahrheit im Zeitalter des Relativismus, postmoderner Propaganda sowie digitaler Fake News? Gibt es so etwas wie eine Realität überhaupt noch? Oder ist sie individuellen Empfindungen und Ansichten gewichen? Mit solchen gewaltigen Themen beschäftigt sich Raphaela Edelbauer in ihrem neuen Roman „Die echtere Wirklichkeit“. Sie tut dies auf eine intelligente, provokante, leicht subversive und durchaus äußerst humorvolle Weise. Die idealen Zutaten für einen „Mind Fuck“ auf literarischer Ebene. Dieses Buch wird nicht jedem gefallen, denn es fordert heraus. Aber diejenigen, denen es gefällt (die Rezensentin schließt sich hier zu 100 Prozent mit ein), werden es lieben!

Die postfaktische Ära: vom Lesezirkel zur Terrorzelle
Petra alias „Byproxy“ sitzt nach einem schweren Autounfall im Rollstuhl und ist gerade aus einer Einrichtung für betreutes Wohnen geflogen. Die rebellische Eigenbrötlerin programmiert „Think Backwards“-Computerspiele, bei denen Ursache und Wirkung zum Beispiel zur Aufklärung von Verbrechen herangezogen werden sollen. Doch potenziellen Kunden ist das zu kompliziert, sie wollen mehr Action. Somit obdachlos, erregt ein besetztes Haus Byproxys Aufmerksamkeit. Auf diese Weise lernt sie eine Gruppe philosophischer Aktionisten namens „Aletheia“ kennen, die über Kunstaktionen gegen Fake News und Verschwörungstheorien vorgehen will. Byproxy ist für einen Lockvogel perfekt geeignet, um als Behinderte Orte auszuspionieren oder Leute abzulenken. Denn die arme junge Frau im Rollstuhl hat sicher nichts mit alledem zu tun, oder? Was die wenigsten wissen: Byproxy hat es faustdick hinter den Ohren und verfolgt durchaus eigene Pläne.

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Herbstspecial 2026

Was das Wetter schon vor einer Weile beschlossen hat, ist heute offiziell: Der Herbst beginnt! Für einige ist diese Jahreszeit der bunten Blätter, geschnitzten Kürbisse und Kuschelpullis das Highlight des Jahres (meine Cozy-Herbst-Playlist ist fast sieben Stunden lang), einige trauern dem Sommer hinterher – und für alle haben wir unser diesjähriges Herbstspecial konzipiert! Egal ob cozy oder melancholisch; gruselig, nachdenklich, sehnsuchtsvoll: Wir stellen euch hier unsere Lesehighlights vor, die perfekt in den Herbst passen! Kocht euch einen Tee und viel Spaß beim Lesen!

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Micha Lewinsky: Freunde von früher

„Alle werden alt“ – so lautet ein Song des Technoduos Schrotthagen. Ein Song, der auch hervorragend zu diesem Buch passen könnte. Was wird aus unseren Träumen und Ansichten, wenn wir älter werden? Wollen wir in einer Welt des schnellen Wandels und der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten uns überhaupt je festlegen, verankern und richtig „erwachsen werden“?

Vom WG-Mieter zum Wohneigentümer?
Micha Lewinsky verpackt Selbstfindungskrisen zur Lebensmitte äußerst treffsicher und gewitzt!  Als das Haus verkauft werden soll, in dem Béla mit seiner WG die wohl besten Jahre seines Lebens verbracht hat, werden wehmütige Erinnerungen wach. Denn Béla weiß immer noch nicht, wo er eigentlich steht. Er – der einst coole Bandgitarrist, überzeugte Linke, Technoliebhaber, Nachtschwärmer, Dokumentarfilmer und Kreative – fühlt sich nicht so alt, wie die Zahl in seinem Ausweis: Fünfzig. Doch mit der Generation seiner rund 20 Jahre jüngeren Freundin Kaja hat er ebenfalls Probleme, sie erscheint ihm zu brav, zu angepasst. Als sein Freund Serdar plant, das ganze Gebäude zu kaufen und die alte WG als Genossenschaft wieder aufleben zu lassen, treffen sich die einstigen Freunde wieder. Doch nach über 30 Jahren ist es nicht einfach, wieder an die alten Zeiten anzuknüpfen. Damals lautete ihr Slogan „Alles wird gut“. Wird es das wirklich?

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Jo Cheetham: Love and Rent

Mitte Dreißig und ständig pleite
Der Roman der englischen Autorin Jo Cheetham wird als „Bridget Jones für eine neue Generation“ gefeiert. Eine passende Beschreibung! Gemeinsam ist der herrlich britische Humor und die liebenswerten Charaktere, welche alles andere als perfekt sind. Während die „echte“ Bridget Ende der 1990er Jahre erstmals nach ihrem Mr. Right suchte, geht es bei Protagonistin Hannah jedoch weniger um Romantik, als ums nackte Überleben. Angestellt in einem unterfinanzierten Museum, kann sie sich den Alltag in der Großstadt Sheffield nicht mehr leisten. Ständig pleite, ständig mit den Rechnungen in Verzug, ständig Angst, aus ihrer Mietwohnung zu fliegen – und das mit Mitte Dreißig.

Daten im Zeitalter von Dickpics
Obwohl sie Filme hasst, in denen ein Mann zur Rettung herbeieilt, wünscht sie sich doch insgeheim, mal relaxed eine Pizza zu kaufen, ohne befürchten zu müssen, dass ihre Kreditkarte abgelehnt wird. Wenn ihr ein gut situierter Partner dies bieten könnte… wäre sie zu einer Ausnahme bereit. Doch Hannah muss sich mit Dingen herumschlagen, die Bridget Jones vor fast 30 Jahren noch nicht kannte. Zum Beispiel absurde Tinder-Profile oder die Schrecken ungefragter Dickpics! Dieser Roman zeigt deutlich: Das Dating-Leben ist nicht leichter geworden. Aber dafür umso amüsanter.

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Bernhard Kegel: Rettung durch schnelle Evolution

Ist dies ein Sachbuch, das uns trotz Klimawandel, Diversitätsverlust und Artensterben endlich ein wenig Mut machen könnte? Das ist es in der Tat. Bernhard Kegel schafft es auch in seinem neuesten Werk wieder einmal, Wissenschaft verständlich zu erklären. Er beleuchtet Gefahren, Fakten, Chancen und schafft es dabei, diese ausgewogen darzustellen. Seinen Fokus lenkt er auf ein Thema, welches bislang kaum in den Medien präsent ist. Ob in Korallenriffen, in der Savanne oder den Urwäldern – manche Arten vollziehen im Stillen evolutionäre Schritte, um sich den von Menschen gemachten Katastrophen anzupassen. Das liest sich superspannend. Und zeigt uns: Wenn die Natur es schafft, sich so clever zu verändern, dann sollten wir Menschen erst recht dazu in der Lage sein. Ansonsten wären Grillen, Echsen und Elefanten (Bakterien sowieso) um ein Vielfaches klüger als wir!

Mensch verändert Ökosysteme
Es gibt kaum ein Ökosystem, das der Mensch nicht verändert hat. Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen, vor allem in den Meeren. Er schleppt fremde Arten in neue Habitate ein, die dort für allerlei Probleme sorgen. Er zerstört Lebensräume, verschmutzt die Umwelt, macht durch Pestizide ganze Ökosysteme platt. Zudem bringt er Arten durch intensive Jagd an den Rand des Aussterbens. All dies führt zu einem Selektionsdruck, welcher diejenigen belohnt und zur Fortpflanzung bringt, die sich besser auf die Bedrohungen einstellen können.

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Stella Gaitano: Eddos goldenes Lächeln


Die Tragödien eines Landes werden in dieser wunderschönen, magisch anmutenden Erzählung anhand einzelner Familienschicksale verdeutlicht. Seit dem Abzug der Kolonialmächte erlebt der Sudan ein ständiges Auf und Ab an Militärputschen, Bürgerkriegen, Repressionen, Hungernöten und Flüchtlingsströmen. Von alledem bekommt die kleine Irinu alias Lucy kaum etwas mit. Sie lebt in einem kleinen Dorf im Südsudan nach traditioneller Art unter Menschen, die noch an Götter und Flüche glauben. Von so einem Fluch ist Lucys Leben bestimmt. Nachdem ihre Mutter Eddo 10 Kinder im Säuglingsalter verloren hat, hat sie sich an das elfte nicht mehr emotional binden wollen. Eddo gibt ihrer Tochter den Namen „Irinu“, übersetzt „Die Vielscheißerin“. Dieser schreckliche Name soll böse Geister von ihr fernhalten. Durch die Christianisierung des Dorfes erhält Irinu schließlich den Namen Lucy. Das Mädchen wird von allen Familien des Dorfes gemeinsam erzogen, Eddo scheint zunehmend verrückter zu werden. Erst als sie heranwächst, nähert sich Eddo ihrer Tochter an und weist ihr eine Aufgabe zu: Lucy soll Eddos tote Kinder wieder zur Welt bringen und möglichst viele Nachkommen in die Welt setzen.

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Maxim Leo: Einatmen. Ausatmen.

Die Absurditäten der Moderne in tiefsinnigem Humor verpackt – Maxim Leo ist ein Autor, dem diese Kombination bestens glückt. In seinem neusten Roman müssen erfolgreiche Menschen feststellen, dass sie nicht glücklich sind. Erfolg ist eben nicht alles, manchmal sogar das Gegenteil von Erfüllung. Doch die Erkenntnis, worauf es im Leben wirklich ankommt, lässt sich nicht so stringent wie ihre Karrieren erarbeiten. Diese Aha-Momente lauern in ungewöhnlichen Begegnungen, welche gefährliche Waldspaziergänge, jugendliche Klimaaktivisten oder außer Rand und Band geratene Tierrudel beinhalten. Ein köstlicher Roman, der aufzeigt, dass Selbstoptimierung ein Geschäftsmodell ist, welches das Leben komplizierter statt einfacher macht.

Achtsamkeitsseminar wider Willen
Spitzenmanagerin Marlene steht mit 39 Jahren kurz davor, als Unternehmensnachfolgerin zur neuen CEO ihrer Firma aufzusteigen. Fachlich genießt sie eine einwandfreie Reputation, sie beschert der Firma riesige Gewinne und steht ihr an 365 Tagen zur Verfügung. „Marlene hatte die Grundidee von Urlaub nie verstanden dass man da extra irgendwo hinfährt, um gar nichts zu tun.“ (S. 6). Dumm nur, dass Marlene zu einem zweiwöchigen „Zwangsurlaub“ beziehungsweise Achtsamkeitsseminar in einem brandenburgischen Schloss verdonnert wurde. So gut Marlene mit Zahlen umgehen kann, so schlecht kann sie es mit Menschen. Kollegen und Kolleginnen bezeichnen sie als kaltherzig, unempathisch und jemanden, der nur Druck aufbaut. Folge: Marlene muss sich menschlich bei dem berühmten Mental Coach Alex Growe weiterentwickeln, wenn sie den Job als CEO bekommen will.

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Jakob Schwerdtfeger: Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht

Neues Literaturgenre
Kunst und Comedy – geht das zusammen? Und wie! Der Kunsthistoriker und Comedian Jakob Schwerdtfeger nimmt uns mit auf eine Reise durch 1000 Jahre Kunstgeschichte, von Romanik über Renaissance bis zu Pop Art und Performancekunst. Gewürzt wird dieser flotte historische Rundgang mit ganz viel Humor. Persönliche Anekdoten, Wortspielereien und knackige Anmerkungen zeigen, dass Kunstgeschichte nicht dröge sein muss, sondern richtig Spaß machen kann! Kurz und knackig auf den Punkt gebracht, holt er damit sogar „Kunstbanausen“ ab. Merke: Renaissance ist Streberkunst vom Feinsten, Barock ist Kunst auf Koks, Dadaismus Quatsch mit Qualität.

„Kunstgeschichte auf einen Blick“-Bücher gibt es viele. Aber keines ist so wie dieses. Die einzelnen Kunstepochen werden an berühmten Kunstwerken skizziert (natürlich mit entsprechenden Abbildungen) und mit einem historischen und gesellschaftlichen Kontext versehen, der zur Entstehung dieser Kunstströmung beigetragen hat. Soweit, so gut. Das kennen wir bereits aus anderen Büchern, aber beileibe nicht so gewitzt und humorvoll.

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Mara Gold: Antike Mythen ohne Männer

Obwohl es auf dem Olymp mächtige Göttinnen gab, wurde die griechische Mythologie von Männern geschrieben. Somit unterliegt sie stets dem patriarchalen Blick. Meist wird Frauen keine eigene Geschichte zugestanden. Sie agieren entweder als Unterstützerin, Widersacherin oder Opfer von Männern. Ariadne hilft Theseus mit ihrem Faden aus dem Labyrinth des Minotaurus. Circe hält Odysseus auf ihrer Insel gefangen und verwandelt seine Schiffsbesatzung in Schweine. Die schöne Medusa wird von Poseidon in Athenes Tempel vergewaltigt – und zur Strafe in ein schlangenköpfiges Monster verwandelt, dessen Anblick den Betrachter versteinert. Täter-Opfer-Umkehr par excellence. Perseus enthauptet sie und holt sich damit seinen Thron zurück.

In der antiken Welt hatten Frauen wenig Rechte und noch weniger Aktionsspielraum. So wurden Göttinnen oder Hexen herangezogen, um Frauen beizubringen, wie „gutes Verhalten“ auszusehen hat und welch schreckliche Konsequenzen ein Abweichen von der Norm hat.

Sieben Archetypen von Frauen
Angeordnet nach „absteigender Beliebtheit“ handelt Mara Gold sieben Archetypen von Frauen in ihrem Buch ab: Hausfrau, Jungfrau, Kriegerin, Femme Fatale, Hexe, Wahnsinnige und Monster.

Sie zeigt auf, wie erstaunlich aktuell diese Archetypen auch heute noch in Serien oder Büchern verwendet werden. Nicht zuletzt durch die Ausbreitung der Incel Szene, welche sich häufig auf ähnliche Ideal- bzw. Feindbilder bei Frauen berufen. Rechte Medien verunglimpften Hillary Clinton beispielsweise während ihres Wahlkampfes als Medusa. Doch Mara Gold zeigt auch, wie sich Frauen diese Geschichten aus femininer Sicht zurückerobern, neue Lesarten aufzeigen und wie sich auch lesbische oder Transpersonen darin wiederfinden können.  

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Mirna Funk: Balagan


Balagan bedeutet im Hebräischen soviel wie Chaos oder Unordnung. Genau darum geht es in diesem wunderbaren Roman von Mirna Funke. Denn das Chaos bricht durch die geballte Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit von Ereignissen in das Leben von Amira. Die Berlinerin mit jüdischen Wurzeln hadert mit ihrem Beruf. Seit der Coronakrise geht es mit ihrem Onlinemagazin abwärts, sie kann der Konkurrenz durch Social Media Influencer kaum standhalten und muss Mitarbeiter entlassen. Im Liebesleben der 32-jährigen herrscht ebenfalls Ebbe. Am meisten leidet sie unter den Nachwirkungen des 7. Oktober. Freunde aus dem Kulturbetrieb wenden sich von Amira ab, überall prangen die roten Dreiecke der Hamas-Sympathisanten an Berliner Hausfassaden, auf Demonstrationen wird lautstark der Tod von Juden gefordert, die Diaspora lebt in Angst.

Plötzlich Multimillionärin!
Und als wäre das alles nicht schon tragisch genug, lauern da auch noch die turbulenten Familienfeste. Seit dem Selbstmord ihres Vaters – am Tag von Amiras Einschulung – gilt sie als Außenseiterin in der Familie. Nur zu ihrem Großvater Max, der von den Nationalsozialisten geflohen ist und das stolze Alter von 102 Jahren erreicht hat, pflegt sie eine innige Beziehung. Nach seinem plötzlichen Tod stellt sich heraus, dass Amira die Alleinerbin der verschollen geglaubten Familienkunstsammlung ist, die einst von den Nazis beschlagnahmt wurde. Dieses Erbe macht sie zur Multimillionärin. Doch die Freude währt nicht lange, denn Amira spürt schnell die Last oder vielmehr die große Verantwortung, die das Erbe mit sich bringt. Was tun? Verkaufen, Spenden, Ausstellen?

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