Bernhard Kegel: Rettung durch schnelle Evolution

Ist dies ein Sachbuch, das uns trotz Klimawandel, Diversitätsverlust und Artensterben endlich ein wenig Mut machen könnte? Das ist es in der Tat. Bernhard Kegel schafft es auch in seinem neuesten Werk wieder einmal, Wissenschaft verständlich zu erklären. Er beleuchtet Gefahren, Fakten, Chancen und schafft es dabei, diese ausgewogen darzustellen. Seinen Fokus lenkt er auf ein Thema, welches bislang kaum in den Medien präsent ist. Ob in Korallenriffen, in der Savanne oder den Urwäldern – manche Arten vollziehen im Stillen evolutionäre Schritte, um sich den von Menschen gemachten Katastrophen anzupassen. Das liest sich superspannend. Und zeigt uns: Wenn die Natur es schafft, sich so clever zu verändern, dann sollten wir Menschen erst recht dazu in der Lage sein. Ansonsten wären Grillen, Echsen und Elefanten (Bakterien sowieso) um ein Vielfaches klüger als wir!

Mensch verändert Ökosysteme
Es gibt kaum ein Ökosystem, das der Mensch nicht verändert hat. Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen, vor allem in den Meeren. Er schleppt fremde Arten in neue Habitate ein, die dort für allerlei Probleme sorgen. Er zerstört Lebensräume, verschmutzt die Umwelt, macht durch Pestizide ganze Ökosysteme platt. Zudem bringt er Arten durch intensive Jagd an den Rand des Aussterbens. All dies führt zu einem Selektionsdruck, welcher diejenigen belohnt und zur Fortpflanzung bringt, die sich besser auf die Bedrohungen einstellen können.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Stella Gaitano: Eddos goldenes Lächeln


Die Tragödien eines Landes werden in dieser wunderschönen, magisch anmutenden Erzählung anhand einzelner Familienschicksale verdeutlicht. Seit dem Abzug der Kolonialmächte erlebt der Sudan ein ständiges Auf und Ab an Militärputschen, Bürgerkriegen, Repressionen, Hungernöten und Flüchtlingsströmen. Von alledem bekommt die kleine Irinu alias Lucy kaum etwas mit. Sie lebt in einem kleinen Dorf im Südsudan nach traditioneller Art unter Menschen, die noch an Götter und Flüche glauben. Von so einem Fluch ist Lucys Leben bestimmt. Nachdem ihre Mutter Eddo 10 Kinder im Säuglingsalter verloren hat, hat sie sich an das elfte nicht mehr emotional binden wollen. Eddo gibt ihrer Tochter den Namen „Irinu“, übersetzt „Die Vielscheißerin“. Dieser schreckliche Name soll böse Geister von ihr fernhalten. Durch die Christianisierung des Dorfes erhält Irinu schließlich den Namen Lucy. Das Mädchen wird von allen Familien des Dorfes gemeinsam erzogen, Eddo scheint zunehmend verrückter zu werden. Erst als sie heranwächst, nähert sich Eddo ihrer Tochter an und weist ihr eine Aufgabe zu: Lucy soll Eddos tote Kinder wieder zur Welt bringen und möglichst viele Nachkommen in die Welt setzen.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Maxim Leo: Einatmen. Ausatmen.

Die Absurditäten der Moderne in tiefsinnigem Humor verpackt – Maxim Leo ist ein Autor, dem diese Kombination bestens glückt. In seinem neusten Roman müssen erfolgreiche Menschen feststellen, dass sie nicht glücklich sind. Erfolg ist eben nicht alles, manchmal sogar das Gegenteil von Erfüllung. Doch die Erkenntnis, worauf es im Leben wirklich ankommt, lässt sich nicht so stringent wie ihre Karrieren erarbeiten. Diese Aha-Momente lauern in ungewöhnlichen Begegnungen, welche gefährliche Waldspaziergänge, jugendliche Klimaaktivisten oder außer Rand und Band geratene Tierrudel beinhalten. Ein köstlicher Roman, der aufzeigt, dass Selbstoptimierung ein Geschäftsmodell ist, welches das Leben komplizierter statt einfacher macht.

Achtsamkeitsseminar wider Willen
Spitzenmanagerin Marlene steht mit 39 Jahren kurz davor, als Unternehmensnachfolgerin zur neuen CEO ihrer Firma aufzusteigen. Fachlich genießt sie eine einwandfreie Reputation, sie beschert der Firma riesige Gewinne und steht ihr an 365 Tagen zur Verfügung. „Marlene hatte die Grundidee von Urlaub nie verstanden dass man da extra irgendwo hinfährt, um gar nichts zu tun.“ (S. 6). Dumm nur, dass Marlene zu einem zweiwöchigen „Zwangsurlaub“ beziehungsweise Achtsamkeitsseminar in einem brandenburgischen Schloss verdonnert wurde. So gut Marlene mit Zahlen umgehen kann, so schlecht kann sie es mit Menschen. Kollegen und Kolleginnen bezeichnen sie als kaltherzig, unempathisch und jemanden, der nur Druck aufbaut. Folge: Marlene muss sich menschlich bei dem berühmten Mental Coach Alex Growe weiterentwickeln, wenn sie den Job als CEO bekommen will.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Jakob Schwerdtfeger: Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht

Neues Literaturgenre
Kunst und Comedy – geht das zusammen? Und wie! Der Kunsthistoriker und Comedian Jakob Schwerdtfeger nimmt uns mit auf eine Reise durch 1000 Jahre Kunstgeschichte, von Romanik über Renaissance bis zu Pop Art und Performancekunst. Gewürzt wird dieser flotte historische Rundgang mit ganz viel Humor. Persönliche Anekdoten, Wortspielereien und knackige Anmerkungen zeigen, dass Kunstgeschichte nicht dröge sein muss, sondern richtig Spaß machen kann! Kurz und knackig auf den Punkt gebracht, holt er damit sogar „Kunstbanausen“ ab. Merke: Renaissance ist Streberkunst vom Feinsten, Barock ist Kunst auf Koks, Dadaismus Quatsch mit Qualität.

„Kunstgeschichte auf einen Blick“-Bücher gibt es viele. Aber keines ist so wie dieses. Die einzelnen Kunstepochen werden an berühmten Kunstwerken skizziert (natürlich mit entsprechenden Abbildungen) und mit einem historischen und gesellschaftlichen Kontext versehen, der zur Entstehung dieser Kunstströmung beigetragen hat. Soweit, so gut. Das kennen wir bereits aus anderen Büchern, aber beileibe nicht so gewitzt und humorvoll.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Mara Gold: Antike Mythen ohne Männer

Obwohl es auf dem Olymp mächtige Göttinnen gab, wurde die griechische Mythologie von Männern geschrieben. Somit unterliegt sie stets dem patriarchalen Blick. Meist wird Frauen keine eigene Geschichte zugestanden. Sie agieren entweder als Unterstützerin, Widersacherin oder Opfer von Männern. Ariadne hilft Theseus mit ihrem Faden aus dem Labyrinth des Minotaurus. Circe hält Odysseus auf ihrer Insel gefangen und verwandelt seine Schiffsbesatzung in Schweine. Die schöne Medusa wird von Poseidon in Athenes Tempel vergewaltigt – und zur Strafe in ein schlangenköpfiges Monster verwandelt, dessen Anblick den Betrachter versteinert. Täter-Opfer-Umkehr par excellence. Perseus enthauptet sie und holt sich damit seinen Thron zurück.

In der antiken Welt hatten Frauen wenig Rechte und noch weniger Aktionsspielraum. So wurden Göttinnen oder Hexen herangezogen, um Frauen beizubringen, wie „gutes Verhalten“ auszusehen hat und welch schreckliche Konsequenzen ein Abweichen von der Norm hat.

Sieben Archetypen von Frauen
Angeordnet nach „absteigender Beliebtheit“ handelt Mara Gold sieben Archetypen von Frauen in ihrem Buch ab: Hausfrau, Jungfrau, Kriegerin, Femme Fatale, Hexe, Wahnsinnige und Monster.

Sie zeigt auf, wie erstaunlich aktuell diese Archetypen auch heute noch in Serien oder Büchern verwendet werden. Nicht zuletzt durch die Ausbreitung der Incel Szene, welche sich häufig auf ähnliche Ideal- bzw. Feindbilder bei Frauen berufen. Rechte Medien verunglimpften Hillary Clinton beispielsweise während ihres Wahlkampfes als Medusa. Doch Mara Gold zeigt auch, wie sich Frauen diese Geschichten aus femininer Sicht zurückerobern, neue Lesarten aufzeigen und wie sich auch lesbische oder Transpersonen darin wiederfinden können.  

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Mirna Funk: Balagan


Balagan bedeutet im Hebräischen soviel wie Chaos oder Unordnung. Genau darum geht es in diesem wunderbaren Roman von Mirna Funke. Denn das Chaos bricht durch die geballte Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit von Ereignissen in das Leben von Amira. Die Berlinerin mit jüdischen Wurzeln hadert mit ihrem Beruf. Seit der Coronakrise geht es mit ihrem Onlinemagazin abwärts, sie kann der Konkurrenz durch Social Media Influencer kaum standhalten und muss Mitarbeiter entlassen. Im Liebesleben der 32-jährigen herrscht ebenfalls Ebbe. Am meisten leidet sie unter den Nachwirkungen des 7. Oktober. Freunde aus dem Kulturbetrieb wenden sich von Amira ab, überall prangen die roten Dreiecke der Hamas-Sympathisanten an Berliner Hausfassaden, auf Demonstrationen wird lautstark der Tod von Juden gefordert, die Diaspora lebt in Angst.

Plötzlich Multimillionärin!
Und als wäre das alles nicht schon tragisch genug, lauern da auch noch die turbulenten Familienfeste. Seit dem Selbstmord ihres Vaters – am Tag von Amiras Einschulung – gilt sie als Außenseiterin in der Familie. Nur zu ihrem Großvater Max, der von den Nationalsozialisten geflohen ist und das stolze Alter von 102 Jahren erreicht hat, pflegt sie eine innige Beziehung. Nach seinem plötzlichen Tod stellt sich heraus, dass Amira die Alleinerbin der verschollen geglaubten Familienkunstsammlung ist, die einst von den Nazis beschlagnahmt wurde. Dieses Erbe macht sie zur Multimillionärin. Doch die Freude währt nicht lange, denn Amira spürt schnell die Last oder vielmehr die große Verantwortung, die das Erbe mit sich bringt. Was tun? Verkaufen, Spenden, Ausstellen?

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Esther Schüttpelz: Grüne Welle

Eine Frau befindet sich auf dem Heimweg nach einem Kinoabend mit ihrer ältesten Freundin. Durch eine Baustelle verpasst sie die richtige Autobahnauffahrt und fährt einfach immer weiter. Ohne anzuhalten, ohne Plan, ohne funktionierendes Handy. Was ist geschehen, warum wendet die Frau nicht einfach? In diesem außergewöhnlichen Roadtrip entwirft Esther Schüttpelz eine faszinierende Geschichte um eine Frau, die im wahrsten Sinne des Wortes am Scheideweg steht.

Verdichteter Plot mit Sogwirkung
Es gibt Bücher, die entfalten von der ersten Seite an einen gewissen Sog. So ein Buch ist „Grüne Welle“. Dies ist auf die Verdichtung von Raum, Zeit und Handlung zurückzuführen. Der Großteil der Geschichte spielt in einem Auto, die ganze Story umfasst gerade einmal 23 Stunden, aber während dieses Tages tut sich viel – und auch wieder nicht. Die räumliche Bewegung, ganz allein ins Ungewisse zu fahren, setzt in der Frau etwas in Gang. Sie ist gezwungen, sich den Schattenseiten ihres Lebens zu stellen. Von diesen gibt es eine ganze Menge.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Luca Ventura: Giftige Blüten

Was wäre ein Sommer ohne einen Capri-Krimi? Luca Ventura schafft jedes Jahr einen neuen Roman für den Reisekoffer, hier folgt sein siebter Streich. Auch in diesem Werk erfüllt Ventura die Erwartungen und präsentiert uns ein wendungsreiches, kriminalistisches Rätselraten unter südlicher Sonne. Es ist April und die Macchia auf der Insel Capri blüht! Eine junge aufstrebende Parfümeurin sucht eine seltene Orchideenart, die ihre erste Eigenkreation perfektionieren soll. Doch eines Morgens wird sie leblos an den Klippen aufgefunden. Ein tragischer Absturz? Der Polizeichef möchte das Ganze schnellstmöglich als Unfall zu den Akten legen. Doch seine beiden Agenten – der Inselpolizist Enrico Ricci und seine aus Norditalien versetzte Kollegin Antonia Cirillo – glauben nicht daran. Um zu beweisen, dass dahinter ein Gewaltverbrechen steckt, ermitteln sie ohne Erlaubnis auf eigene Faust. Da lässt der Ärger nicht lange auf sich warten …

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Curtis Sittenfeld: Mittelalte Frauen

Curtis Sittenfelds Geschichtssammlung liest sich wie ein Klassentreffen nach 20 oder 30 Jahren. Ihre „mittelalten Frauen“ tauschen Neuigkeiten aus, nehmen Gespräche und Ereignisse zum Anlass, um ihr eigenes Leben zu reflektieren. Das tun sie mit unglaublich viel Humor und Selbstironie!

Es geht um auseinandergelebte Ehen und Freundschaften – neu gebildete, wiederentdeckte und welche, die im Sande verlaufen sind. Es geht um strukturellen Sexismus in der Schriftstellerbranche, um versteckten Rassismus hinter schmucken Vorstadtfassaden, um offene Homophobie in Amerikas evangelikalen Kirchen. Und es geht um kleine Ereignisse, die unser ganzes Leben wissentlich oder unwissentlich beeinflussen. Ihre wahre Bedeutung erkennen wir meist erst im mittleren Alter.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Stuart Turton: Der letzte Mord am Ende der Welt

Gibt es einen Krimi, den ich sofort kaufen würde, ohne überhaupt den Klappentext gelesen zu haben? Gibt es – so lange er von Stuart Turton stammt! Jedes seiner Bücher überzeugt, gerade weil sie so verschieden sind bezüglich Setting, Epoche und Charakteren. Turton ist kein Autor, der sich ständig reproduziert. Er erfindet in jedem Buch eine eigene Welt, die zwischen zum Nägel kauenden Krimi, Fantasy und Science Fiction angesiedelt ist. Allen gemeinsam sind atemberaubende Plot Twists, umrahmt von einer Geschichte, die uns immer wieder hinters Licht führt.

Nichts ist, wie es scheint
So auch in diesem Buch: Auf einer einsamen Mittelmeerinsel wohnen 122 Menschen oder vielmehr Überlebende einer Apokalypse. Ihre Insel ist umgeben von einem tödlichen Nebel, der den Rest der Menschheit ausgerottet hat. Geleitet wird die Insel von den drei „Ältesten“. Sie verfügen über das technische Wissen der zerstörten alten Welt. Dabei haben sie eine Zivilisation geschaffen, die einfach lebt, Landwirtschaft und Handwerk betreibt, in der die Menschen aber gleichzeitig sehr glücklich sind, jeden Tag feiern, musizieren und tanzen. Eine Welt ohne Gier und Gewalt. Bis eines Tages eine der Ältesten tot aufgefunden wird. Dieser Vorfall bringt unglaubliche Geheimnisse ans Licht, welche die Existenz der Inselbevölkerung in ein völlig neues Licht rücken.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: