Ein Titel, der in die Irre führen kann: Es handelt sich in diesem Erzählband keinesfalls um Männer in ihrer Midlifecrisis. Sondern um Männer, die in sonderbare Situationen geraten, welche ihnen die Dualität der Welt vor Augen führen. Es sind nur drei Erzählungen, aber die haben mehr Tiefgang, mehr Finesse und mehr Verve als die meisten Longseller. Qualität statt Quantität. Der vielfach ausgezeichnete Autor Hartmut Lange schafft es, die großen Themen mühelos zu verdichten. Grandios, wie er das Absurde mit allergrößter Selbstverständlichkeit über seine Protagonisten hereinbrechen lässt.
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Jan Snela: Ja, Schnecke, ja
Sie können sich nicht zwischen Lyrik und Belletristik entscheiden? Sie haben eine Schwäche für Japan und Haikus? Tiere und Wissenschaft finden Sie spannend? Bei einer Lektüre bevorzugen Sie Tiefgang statt Aktion? Dann ist dieser außergewöhnliche Roman genau das Richtige für Sie. Als Schnittstelle zwischen den Genres, beschreibt das Buch ein junges Paar, Tausende von Kilometern voneinander getrennt. Jeder für sich auf seine Weise damit beschäftigt, den eigenen Platz im Leben zu finden.
Amanda und Hannes zusammen – oder auch nicht. Die junge Biologin ist nach Japan gezogen, um dort an der Frauenuniversität von Nara über eine außergewöhnliche Schneckenart zu forschen. Diese praktiziert eine äußerst extreme Art der „Selbstentleibung“. Während Salamander bei Gefahr beispielsweise nur ihren Schwanz abwerfen, köpft sich die Schnecke praktisch selbst. Der Kopf kriecht unbeirrt weiter, nach und nach bildet sich daran wieder ein vollständiger Körper.
Zach Williams: Es werden schöne Tage kommen
Nichts ist so, wie es zunächst scheint. In zehn atemberaubenden Erzählungen lässt Zach Williams das Unheimliche, das Unbewusste, das Unfassbare in den Alltag einbrechen. Seine Protagonisten leben nur scheinbar in geordneten Verhältnissen. In Wahrheit ist jedoch die Welt ein Treibsand. Schnell kann sie einen verschlucken. Hinabziehen in Parallelwelten, alternative Wahrheiten, brüchige Beziehungen. Ein Familienurlaub endet in einer Zeitschleife, ein Unwetter bringt die Bürobeziehungen durcheinander, ein Feld voller ausgegrabener Megalithen gibt Rätsel auf.
Was ist Realität? Sie ist äußerst brüchig in Zach Williams Roman. Sie ist so dehnbar und subjektiv, dass ihr Vorhandensein fast angezweifelt werden darf. Dazwischen immer wieder deutliche Kritik an der modernen Welt. Wenn sogar Disney World verfällt, hat sich der amerikanische Traum ausgeträumt. Lassen Sie sich also von den lieblich klingenden Titel nicht täuschen. Diese Geschichten haben einen Nachgang, der brennt, wie scharfes Chili.
WeiterlesenCay Rademacher: Nacht der Ruinen
Beklemmende Szenen in zerstörter Stadt
Das Grauen am Tag Zero. Genauer: Köln, März 1945. Die Alliierten haben in den letzten Kriegstagen die viertgrößte Stadt Deutschlands zusammengebombt, die Menschen leben unter erbärmlichsten Umständen. Strom, fließendes Wasser, Wärme, Nahrung, ein Dach über dem Kopf? Weitestgehend Fehlanzeige. Dafür grassieren Krankheiten wie Fleckfieber, die Menschen leiden an Hunger, viele sind traumatisiert. Inmitten dieser Schreckensszenerie kehrt der einst in Köln lebende Jude Joseph Solomon als US-Soldat in seine Heimatstadt zurück. Mit dem Auftrag, den Mörder eines abgestürzten amerikanischen Piloten zu finden. Doch Joseph sucht zwei weitere Menschen, die er vor seiner Flucht 1938 in der Rheinmetropole zurückgelassen hat. Seinen jüdischen Jugendfreund Jakub und seine arische Freundin Hilda, in die er heimlich verliebt war.
Tom Hillenbrand: Thanatopia
Thanatos ist der griechische Gott des sanften, natürlichen Todes. In Tom Hillenbrands dritten Band der Hologrammatica-Reihe geht es genau darum: um das Leben nach dem Tod beziehungsweise die Möglichkeit eines ewigen Lebens durch den Einsatz von KI. Was wäre, wenn wir unser Gehirn digitalisieren und in gesunde, junge Körper verpflanzen könnten? Wäre dadurch Unsterblichkeit möglich? Ist diese überhaupt erstrebenswert?
Damit befasst sich Roman, der in der nahen Zukunft spielt. Genauer im Wien des Jahres 2095. Die Welt ist voll von Hologrammen, Klonen, Cogits, Digits, menschlichen „Gefäßen“. Realität und künstliches Abbild verschwimmen zusehends. Die Klima-KI „Aether“ hat sich selbstständig gemacht und wenige Jahre zuvor zum digitalen Zusammenbruch der Gesellschaft geführt. Einigen Verschwörungstheorien zufolge sitzt sie nun im Weltall und plant von dort, die Welt neu zu gestalten. Gleichzeitig ist der Planet ein unwirtlicher Platz geworden, da der Klimawandel nicht aufgehalten werden konnte. Sibirien ist der neue Place-to-be, während andere Weltzonen schlicht unbewohnbar geworden sind, da die Temperaturen regelmäßig über 50 Grad klettern. All das schildert der Autor erschreckend nachvollziehbar und glaubhaft.
Rabea Weihser: Wie wir so schön wurden. Eine Biografie des Gesichts
Topaktuell, witzig, empathisch: Dieses hochinteressante Buch über Schönheitstrends von der Antike bis zur heutigen Filler- und Filtergesellschaft legt die unstillbaren Sehnsüchte der Gesellschaft nach dem perfekten Aussehen dar. Die ehemalige Musikredakteurin von Zeit Online präsentiert Fakten aus Anthropologie, Biologie, Psychologie und Soziologie, die zum Entstehen von Schönheitstrends geführt haben. Welche Rolle spielen Macht, Status und Kapitalismus? Was können wir dem Fluch der vom Jugendwahn besessenen Gesellschaft entgegenhalten? Warum hat die Evolution überhaupt Schönheitsmerkmale erfunden? Inwieweit ist die weibliche Schönheit ein Palindrom? Warum wurde der rote Lippenstift im Zweiten Weltkrieg zum politischen Statement? Vom Sinn und Unsinn von Beauty Idealen, von der tödlichen Bleichcreme zum überzeichneten Instagram-Gesicht, das wir nicht mehr „lesen können“, lustwandeln wir durch den bezaubernden Irrgarten der Beautyhistorie.
WeiterlesenLisa Eckhart: Boum
Ein bitterböse Satire – echt Lisa Eckhart eben! Viel Sex, wahnwitzige Einfälle und jede Menge Schläge unter die Gürtellinie. Vom Bodyshaming zur Islamophobie, von Obdachlosen, Freaks, Femen-Aktivistinnenbis z u Männern mittleren Alters mit Hang zu schnellen, großen Autos – sie alle bekommen im zweiten Roman der Kabarettistin gehörig ihr Fett weg. Wer Wordplays mag und tiefschwarzen Humor nicht scheut, wird sich bestens unterhalten fühlen. Allerdings serviert uns Lisa Eckhardt weniger eine stringente Story mit Spannungsaufbau, als eine Aneinanderreihung absonderlicher Szenen. Ein „Boum“ – aka Knaller – folgt hier auf den nächsten. Wobei Boum auch für die titelgebende Figur steht, einen Terrorexperten, der außer Eskalation und gebrochenen Frauenherzen nicht viel auf die Reihe bekommt. Für ihren Plot entführt uns die in Österreich geborene Autorin nach Paris, wo sie selbst einmal studiert hat.
WeiterlesenAnna Burns: Größtenteils heldenhaft
Wahnsinnig witzig – eine leicht dysfunktionale Beziehung zwischen Held und Femme Fatale
Während die Leserschaft in Deutschland die Man Booker-Prize-Trägerin Anna Burns hauptsächlich durch ihre Romane vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts kennt, zeigt dieses Buch eine ganz neue Seite der Autorin. Mit genialen Wordings und grotesken Einfällen dekonstruiert sie genussvoll das Heldenuniversum! So ist dieses nur 126 schlanke Büchlein weit mehr als ein Comicwerk ohne Bilder. Es ist ein rasanter Pageturner der guten Laune.
WeiterlesenKohei Saito: Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus
Wer sich nicht davor scheut, unangenehmen Fakten ins Auge zu blicken und sich intelligenten Utopien zu öffnen, wird an diesem „Brain-Breaker“ große Freude haben. Kohei Saito verbindet viele unbekannte Theorien des späten Karl Marx mit Ansätzen und Lösungen zur Bekämpfung des Klimawandels. Das liest sich bisweilen atemberaubend – und fürchterlich unangenehm. Zumindest für die klassische Leserschaft der westlichen Industrieländer, die mehr oder weniger allesamt zu den 10-20 Prozent der privilegiertesten Bewohner unseres Planeten gehören.
Mit vielen Daten, Geschichtsreferenzen und mutigen Denkansätzen zeigt der Professor für Philosophie an der Universität Tokio auf, was den Klimawandel bekämpfen könnte, ohne den globalen Süden weiter auszubeuten oder die Arbeiterklasse ausbluten zu lassen: Degrowth-Kommunismus. Ein Begriff, der zunächst abschreckend klingen mag. Zu Unrecht. Oder hätten Sie etwas gegen mehr Freizeit, mehr Mitbestimmung, stabilere Energiepreise und eine saubere Umwelt einzuwenden?
WeiterlesenJean-Christophe Grangé: Blutrotes Karma
Französischer Thriller? Wem fällt da nicht sofort der Name Jean-Christophe Grangé ein? Seit seinem Weltbesteller „Die purpurnen Flüsse“ ist er der Garant für hochspannende, elegant verflochtene, blutige Thriller, die häufig mit spirituellen oder politischen Hintergründen versehen sind. Gewiss, er verschont seine Leser nicht mit Brutalität. Doch das eigentlich Brutale an seinen Plots ist, dass die seltsamen Ritualmorde nicht nur der Symbolik eines irren Geistes entspringen, sondern stets ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse sind. Auch Blut im Sinne von Genetik, Erbe oder vererbten Traumata sind ein wiederkehrendes Motiv in Grangés Büchern.
Dabei spaziert der französische Autor mühelos durch Zeiten, Länder und Weltanschauungen. Nachdem er in „Die marmornen Träume“ seine LeserInnen ins Berlin der Nazi-Zeit entführt hat – bereits per se eine grausame Zeit – wirft er seine Leserschaft nun mitten ins Paris im Mai 1968. Von romantischen Frühlingsgefühlen ist in der Stadt der Liebe in jenen Tagen nichts zu spüren. Der Pariser Mai 1968 ist von den blutigen, zerstörerischen Studenten- und Arbeiteraufständen gekennzeichnet. Auf die Barrikaden hat in der französischen Geschichte schon eine lange Tradition. Doch im Mai 1968 ist das gesamte Land lahmgelegt, sogar die Versorgungslage scheint bedroht. Von der friedlichen Hippiebewegung à la Woodstock könnte nichts weiter entfernt sein.
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