Leïla Slimani (Jahrgang 1981) ist eine marokkanisch-französische Schriftstellerin, die mehrere Bestseller geschrieben hat und für ihren Roman „Dann schlaf auch du“ aus dem Jahr 2017 (deutsche Erstausgabe) den Prix Goncourt erhalten hat. Zuletzt schrieb sie an einer Romantrilogie, deren ersten beiden Bände („Das Land der Anderen“, 2021 und „Schaut, wie wir tanzen“, 2022) hier besprochen wurden und die auf ihrer Familiengeschichte basiert.
Am 14. Januar 2026 erschien Band 3 und damit der Abschluss der Trilogie unter dem Titel „Trag das Feuer weiter“ im Luchterhand Literaturverlag in einer Übersetzung von Amelie Thoma.
Leïla Slimanis Familiengeschichte in drei Bänden
In „Trag das Feuer weiter“ erzählt Leïla Slimani die Familiengeschichte der Belhajs für die Jahre 1980 bis 2022 weiter. Aïcha Belhaj, die Tochter von Mathilde und Amine Belhaj, hatte 1972 Mehdi Daoud geheiratet. Sie arbeitet als Gynäkologin in einem Krankenhaus in Rabat, er ist Bankdirektor der Crédit Commercial du Maroc in Casablanca.
Ihre Töchter Mia und Inès besuchen die französische Schule in Rabat. Mia mag ihre jüngere Schwester nicht sehr. Mia ähnelt ihrem Vater und benimmt sich eher wie ein Junge als ein Mädchen. Später geht sie zum Studium nach Paris, arbeitet bei einer Londoner Bank und wird Schriftstellerin. Im Corona-Jahr erkrankt sie und leidet später an Post-Covid. Sie beschließt, nach Marokko zurückzukehren und kommt auf der Farm ihrer Großeltern, Mathilde und Amine Belhaj, unter. Dort sucht sie nach den Spuren ihrer Familiengeschichte.
Der dritte Band erzählt u.a. vom Aufstieg und Fall von Mias Vater Mehdi, dem zunächst sehr erfolgreichen Bankdirektor, der in die Ungnade des Regimes fällt und ins Gefängnis kommt. Er stirbt zwar in Freiheit, aber nicht rehabilitiert. Er ist es, der Mia rät, Marokko zu verlassen und nie wiederzukommen. Slimani beschreibt das Leben der Familie Belhaj zwischen Tradition und Moderne. Die Rolle der Frauen in Marokko und deren Streben nach Selbstbestimmung und Freiheit. Die engen Grenzen in einer strengen, patriarchalen Gesellschaft auch nach Ende der Kolonialherrschaft. Frankreich, und vor allem dessen Hauptstadt Paris, als Sehnsuchtsland erweist sich als das „Land der Anderen“. Und die Frage nach Heimat kann auch in Marokko nicht beantwortet werden. Für die Franzosen gilt Mia eher als Marokkanerin und die Marokkaner sehen in ihr die Französin. Das Dilemma vieler Migranten. Einzig in London spürt sie so etwas wie Freiheit:
„Mia fühlte sich wohl in London… Einer der freiesten Orte der Welt, wo man um Mitternacht bei eisiger Kälte Mädchen im Minirock treffen und ihnen auf Partys folgen konnte, die erst am frühen Morgen endeten. Eine Stadt, wo jeder die Freiheit hatte zu denken und zu sagen, was er wollte, und auf einer Plastikkiste stehend die Existenz von Marsmenschen verfechten oder die Apokalypse ankündigen konnte.“ (S. 386)
Menschen zwischen Herkunft, Heimat und Freiheit
„Trag das Feuer weiter“ der Titel des Romans von Leïla Slimani ist Auftrag und Bürde zugleich. Denn trotz aller Anstrengungen der Großeltern und Eltern ist das Leben ihrer Töchter durch ihre Herkunft und ihr Geschlecht begrenzt. Auch Bildung und Erfolg garantieren kein Leben in Freiheit und Wohlstand. Die Gegensatzpaare Freiheit und Zugehörigkeit, Selbstbestimmung und Familie, Fremde und Heimat sind die Kernthemen des Romans. Von Slimani werden sie
erzählerisch ausgelotet. Die Familiengeschichte bietet dazu einen reichhaltigen Schatz an Personen, Erfahrungen und Erlebnissen.
Im Vergleich zu den ersten beiden Bänden der Trilogie fällt „Trag das Feuer weiter“ allerdings ab. Zu uneindeutig sind die Protagonisten: sind es nun Aïcha und Mehdi oder sind es Mia und Inès? Dabei taucht Inès nicht einmal im Personenverzeichnis zu Anfang des Buches auf.
Bot mir „Das Land der Anderen“ noch ein Stück französisch-marokkanischer Geschichte und ein Porträt der Nachkriegsgesellschaften in Nordafrika und Europa und hatte ich mich am Ende der Rezension zu „Schaut, wie wir tanzen“ noch gespannt auf die Geschichte der Enkelin gefreut, bin ich nun enttäuscht. Denn über das aktuelle Leben der erwachsenen Enkelin Mia und wie sie mit ihrer Rolle, ihrer Herkunft und ihrer Heimat umgeht, erfahre ich viel weniger als ich erwartet habe. Nur im Epilog scheint ein bisschen von der Energie und dem Charisma von Band 1 und 2 durch. Aber vielleicht ist die Uneindeutigkeit von Band 3 auch Ausdruck für die Situation und das Gefühl der Menschen, die sowohl in der Heimat als auch „überall Fremde bleiben“.
„Trag das Feuer weiter“ von Leïla Slimani ist der gut geschriebene Abschluss der Trilogie, aber den Glanz und die Faszination der Vorgängerbände erreicht er nicht.
Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter.
Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma.
Luchterhand Literaturverlag, 14. Januar 2026. Hardcover, 448 S., 25,- Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
