Lukas Rietzschel: Sanditz

Der deutsche Schriftsteller und Dramaturg Lukas Rietzschel (Jahrgang 1994) schreibt Romane und Theaterstücke. Am 12. März 2026 ist nach „Mit der Faust in die Welt schlagen“ aus dem Jahr 2018 und „Raumfahrer“ aus dem Jahr 2021  sein dritter Roman mit dem Titel „Sanditz“ bei dtv erschienen.

„Sanditz“ von Lukas Rietzschel damals und heute

Mit einem flatternden schwarzen Raben vor hellblauem Grund auf dem Cover kommt „Sanditz“ von Lukas Rietzschel in den Buchhandel. Die Raben spielen gleich zu Beginn des Buches eine Rolle. Im Prolog erzählt Rietzschel in Anlehnung an die Sage „Krabat“ von zehn Raben, die zu Menschen werden und die Statue Otto von Bismarcks auf dem Hügel über Sanditz umstürzen. Und Raben tauchen im weiteren Verlauf der Geschichte immer mal wieder an verschiedenen Stellen auf.

Sanditz ist eine fiktive Kleinstadt im Lausitzer Braunkohlenrevier. Auf zwei Zeitebenen (2021-2022 und 1978-2001) beschreibt Rietzschel das Dorf und seine Bewohnerinnen und Bewohner. Im Mittelpunkt steht die Familie Wenzel. Der Orgelbauer Norbert und seine Frau Erika, ihre Kinder Dirk und Marion, Roland Moschnick und Marions Kinder, die Zwillinge Tom und Maria. Sie leben in zwei Bungalows, die sie als Entschädigung für ihren durch den Kohlenabbau verlorenen Hof bekommen haben.

Rietzschel schreibt im Präsenz über die Jahre 2021 und 2022, in der die Corona-Pandemie, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Beziehungen der Familienmitglieder Wenzel/Moschnick die Themen sind.

Für die andere Zeitebene von 1978 bis 2001 wechselt er ins Imperfekt. Hier ist Sanditz zu Zeiten der DDR zwischen Glaswerk und Tagebau beschrieben. Rietzschel schildert den zunächst stillen und immer lauter werdenden Protest und Widerstand der Dorfgemeinschaft gegen die Diktatur, die Wende und Nachwendezeit. Jeweils nach mehreren kurzen Kapiteln wechselt er die Zeitebenen. In diesen Szenen erschließt sich mir als Lesende nach und nach die Geschichte der Figuren. Es kommen weitere Personen beim Erzählen hinzu, wie z.B. Rolands Freund Achim, die Pastorin Ruth Reinhard auch „Marmeladenpfarrerin“ genannt, die Geschwister Haufe oder „der Knollo“.

Der „Sanditzer“ Kosmos und seine Menschen

So schafft Lukas Rietzschel einen Kosmos, aus dem man nicht so schnell wieder auftauchen möchte. Mit den Mitgliedern der Familie Wenzel wandert man durch die Jahre. Erlebt Zusammenhalt, Scheitern, Widerstand, Aufbruch und Enttäuschung mit. Die Figuren sind auf der Suche nach ihrem Platz, ihrer Bedeutung in der Gemeinschaft, in der Gesellschaft, aber auch nach Freiheit und Selbstbestimmung:

„Es lag in seiner Hand, ob er die Welt in ihrer Herrlichkeit wahrnahm. Er war es, der sie sah und sich darin bewegte … Das Allergrößte war gerade dabei, von ihm entdeckt zu werden: das Etwas, das alles zusammenhielt, das ihn denken und sehen und fühlen und somit die ganze Welt erst entstehen ließ … Dieses Etwas war sein Ich.“ (S. 148/149)

Insbesondere die Männerfiguren Dirk, Roland und Tom finden nur schwer ihre Bestimmung und schleppen jede Menge Ballast mit sich herum: Dirk „versteckt“ sich im Haus seiner Mutter hinter jeder Menge Technik, Roland heiratet Marion, obwohl er Achim liebt und Tom ist Polizist, der zum Impfgegner wird und der schließlich als Freiwilliger in den Ukraine-Krieg zieht.

Großvater Norbert schmuggelte einst Bücher und Zeitschriften aus dem Westen ins Dorf, die dort hundertfach kopiert wurden. Die Frauen in der Familie, Erika, Marion und Maria, sind pragmatisch. Die Jüngste, Maria, ist nach ihrem Studium in Kassel, wo sie erstmalig erlebte, als Ostdeutsche ausgeschlossen zu werden, nach Sanditz zurückgekommen. Sie schreibt dort für die Sanditzer Zeitung.

Lukas Rietzschel erzählt ohne Pathos, angenehm normal und unaufgeregt von den Menschen in einer ostdeutschen Kleinstadt, vom Leben, von der Liebe, vom Tod in einer turbulenten Welt – damals und heute.

„Sanditz“ von Lukas Rietzschel ist das Buch des Jahres 2026

Lukas Rietzschel hat mit „Sanditz“ ein wunderbares und anspruchsvolles Buch mit wunderbaren und lebendigen Figuren in historisch bedeutsamen Zeiten geschrieben, das allen West- und Ostdeutschen zu lesen empfohlen sein soll.

Lukas Rietzschel: Sanditz.
dtv, 12. März 2026.
Hardcover, S. 480, 26,- Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.