Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen

Wenn ein Kind geboren wird, sollte es normal sein, es zu lieben, zu behüten und seinen Weg ins Leben zu ebnen. Doch bei Lale sind die Umstände der Geburt und die gesundheitliche Verfassung ihrer Mutter nicht normal. Lale kommt in der 32. Woche zur Welt, und sie ist wie ihre Mutter drogenabhängig. Ihre ersten Lebenserfahrungen sind Entzug, Schmerzen und Einsamkeit, denn sie erfährt keinen Körperkontakt. Dies ist ihre Normalität, und der weitere Verlauf ihres Lebens entwickelt sich ebenfalls „normal“, weil sie nichts anderes kennenlernt als das Einordnen und Unterordnen. Ihre Strategie wird das Kopieren von Bezugspersonen. Sie will dazu gehören.

Als Kleinkind landet Lale in einer Männer-WG. Vor den Behörden spielte ihr leiblicher Vater die Rolle eines besorgten Ersatzvaters, der dem kleinen Mädchen ein Zuhause bieten will. Die aktuelle Freundin an seiner Seite konnte die Zweifel des Amtes möglicherweise auch reduzieren. Auf jeden Fall hatte ihr Vater mit dem Erziehungsgeld seine eigene Lebensgrundlage gefunden.

„Mein Vater hatte mir keinen Extraplatz in seinem Leben eingerichtet, aber ich gehörte dazu, seit er damals aus dem Knast entlassen und in die WG gezogen war. Ich war dabei und lief an seiner Hand.“ (S. 232)

Im Alter von vierzehn Jahren zog Lale aus. Sie „…wollte nicht mehr auf seiner grünen Couch Zuflucht suchen müssen vor einer Gefahr, die er verleugnet hatte.“ (S. 232)

Die Autorin Lilli Tollkien, geboren 1980 in Berlin, hat in ihrem Debütroman der Geschichte von Lale ein großes Geschenk gemacht, in dem sie ihr die typische Opferrolle verweigert hat. Lale probiert sich aus, findet anfangs die kleinen Fluchten aus dem Alltag, bis sie als Erwachsene endlich etwas gefunden hat, das zu ihr passt. Sie findet heraus, dass das Schreiben ihr Zuhause ist. Also schreibt sie über das, was ihr wichtig ist, sie ordnet ihre Gedanken, ihre Vorstellungen vom Leben.

Lale lernt in einer Klinik mit Garten eine Qi-Gong-Gruppe kennen und lieben. Die Übungen finden frühmorgens im Freien statt. „Ich stütze den Himmel mit beiden Händen. Während die Sonne … aufgeht, heben wir die Arme nach oben, und mit dem Ausatmen lassen wir sie sinken …“ (S. 238)

Die Übungen helfen ihr, wieder Kontrolle über ihren Körper zu bekommen. Bisher hatte sie sich nie ganz gefühlt. Was sie gelernt hatte, waren Schutzmechanismen und die Entfremdung von ihrem Körper.

Lilli Tollkien spricht Unaussprechliches nüchtern aus. Sie reduziert die Ereignisse auf das Wesentliche, so dass man bei der Lektüre gebannt und gerne der Ich-Erzählerin überall hin folgt. Die Reise in die 1980-iger und 1990-ziger Jahre wird eine authentische und lebendige Begegnung mit der Vergangenheit, die für Lale mehr Schatten als Licht hatte. Und trotzdem leuchtet die Erzählerin. Sie ist klug, stark und mutig.

Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen
Aufbau Verlag, März 2026
255 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 24,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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