Robert Seethaler: Die Straße

»Wenn Sie die Straße von Ost nach West oder in umgekehrter Richtung durchlaufen, fällt Ihnen sicherlich eine gewisse Disharmonie ins Auge. […] Man könnte es auch als Charakter oder Persönlichkeit bezeichnen. Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut, offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.«

Eigentlich kann man Robert Seethalers neuen Roman nicht besser beschreiben. Der Autor führt uns diese Straße auf und ab und macht uns mit dem Schicksal ihrer Bewohner vertraut. Und da passt vieles nicht zusammen. Hinter den disparaten Fassaden gibt es unerfüllte Träume und Zukunftsängste, Missklänge und Leben aus dem Gleichgewicht. Aber auch Mut, Hartnäckigkeit und neue Anfänge. Und Persönlichkeiten, so unterschiedlich wie die Häuser.

Ein aufopferungsvoller Arzt fühlt sich von den Patienten ausgelaugt; einzig der Alkohol leistet ihm an einsamen, müden Abenden Gesellschaft. Auch die Heimleiterin des »Haus Abendschein« ist den ganzen Tag von Menschen umgeben und dennoch mit ihrer Katze allein. Ein Mann erfüllt sich seinen Traum: Er eröffnet ein Antiquariat – mit 17 000 Büchern, die er im Laufe des Lebens gesammelt hat. Doch in einigen hat sich der Bücherwurm eingenistet. Ein junger Mann macht Jagd auf Tauben. Eine Blumenhändlerin schreibt schmachtende Briefe. Ein Mann schlägt seine Frau. Der Seelsorger ist geplagt von seelischen Sorgen.

Dann tauchen Investoren auf mit ihren ganz eigenen Plänen. Sie haben die Häuser aufgekauft und den Bewohnern gekündigt. Hinter den Türen des Magistratsgebäudes in der Heidestraße ist man auf ihrer Seite und verfasst kafkaeske Verordnungen.

Die »unvorstellbare Schönheit« des Lebens und der Menschen hinter den Fassaden enthüllt uns Seethalers so einfühlsamer wie äußerlich distanzierter, filmischer Blick auf das Geschehen. Das Buch besteht aus kurzen Szenen, selten mehr als eine Seite, manche nur ein paar Zeilen lang. Die ‚Kamera‘ schweift umher, zeigt uns mal diesen Mann, mal jene Frau, wir hören ihnen ein paar Sekunden zu, tauchen für einen Moment in ihre Gedanken ein. Die Zusammenhänge und die über die einzelne Situation hinausgehende Bedeutung erschließen sich von selbst:

»Iss jetzt. Es ist spät, die anderen wollen ihre Ruhe.«

»Ich will nicht.«

»Mach den Mund auf.«

»Gestern hat mir jemand ins Gesicht geschlagen.«

»Wer?«

»Schwester Julia.«

»Die ist seit drei Tagen zu Hause und kümmert sich um ihren kranken Mann.«

»Alle sind immer nur krank.«

»Mach jetzt den Mund auf und iss.«

»Wer sind Sie?«

Es finden sich auch solche komödiantischen, fast satirischen Schnipsel:

»Es ist kalt geworden.«

»Dezember.«

»Bald ist Weihnachten.«

»Jedes Jahr dasselbe.«

Meist tritt der Autor zurück, verschwindet fast, und lässt seine Figuren sprechen. Es gibt nur wenige auktoriale Passagen, die über die Einzelschicksale hinausweisen.

»Kein Stern am Himmel, die Nacht ist schwarz. In einem beleuchteten Fenster steht ein umgedrehtes Einmachglas, darin schwirrt ein Falter. Mit einem kaum hörbaren, papierenen Geräusch schlagen seine Flügel gegen den Glasboden, der jetzt sein Himmel ist. So lange, bis er abstürzt und für einen Moment reglos liegen bleibt. Ehe er von Neuem hochschwirrt zu einem kurzen, vergeblichen Flug. Im Zimmer knarrt eine Tür, das Licht geht aus und es ist still.«

Zudem wagt Seethaler etwas sehr Ungewöhnliches: Er verwendet (fast) keine Namen! Doch was im ersten Moment unmöglich erscheint, gelingt Seethaler auf geniale Weise, denn die Informationsschnipsel sind so markant, dass sie sich von ganz alleine zu einem Charakterbild zusammenfügen. Wenn wir dann später den einen oder anderen Namen erfahren, geschieht dies eher zufällig. Auch namenlos sind uns die zentralen Figuren bald vertraut. Aber auch die weniger ausdifferenzierten, anonym bleibenden Bewohner sind exemplarische, ebenso unverzichtbare Steinchen sind im menschlichen Mosaik Heidestraße.

Auch auf detaillierte Beschreibungen von Äußerlichkeiten verzichtet Seethaler. Die Bilder der Straße und ihrer Bewohner erschaffen die Leser selbst. Im Zentrum seiner Erzählung steht das Innenleben, das, was hinter den Fassaden und Gesichtern geschieht.

Wie in »Das Café ohne Namen« spielt sich alles an einem einzigen Ort, in einem kleinen, überschaubaren Umfeld ab, in einem Mikrokosmos voller von der großen Welt unbeachteter und dennoch bedeutsamer Geschichten.

»Die Straße« ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Die Form: ein szenisches Puzzle; die Figuren: ikonische Individuen; die Handlung: das Leben. Mit wenigen Worten lässt Seethaler die Menschen lebendig werden und überlässt es den Lesern, deren Gedanken weiterzuspinnen.

Robert Seethaler ist ein wieder einmal beeindruckender, ein großartiger Roman gelungen.

Robert Seethaler: Die Straße.
Claassen, April 2026.
240 Seiten, Hardcover, 25.00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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