Mit seinem neuen Roman Eine andere Geschichte beweist Charles Lewinsky einmal mehr, dass er ein Meister darin ist, historische Stoffe mit erzählerischer Fantasie zu verbinden. Diesmal entführt er seine Leser in die frühen Jahre des Films – eine Zeit, in der sich Hollywood gerade erst erfand und Genie, Zufall und technische Neugier oft näher beieinanderlagen als Ruhm und Erfolg.
Im Zentrum steht Curtis Melnitz, eine tatsächlich existierende Figur, die Lewinsky als Ich-Erzähler auftreten lässt. Melnitz blickt zurück auf sein bewegtes Leben zwischen den Anfängen des Stummfilms und den 1950er-Jahren. Dabei begegnet er Größen der Filmgeschichte ebenso wie erfundenen Charakteren. Gerade dieser gelungene Mix aus Fiktivem und Realem macht den besonderen Reiz des Romans aus: Er liest sich zugleich wie ein Stück gelebter Kinogeschichte und wie ein augenzwinkerndes Spiel mit ihren Mythen.
Auch wenn der Name Melnitz aufhorchen lässt: Curtis Melnitz hat nichts mit der gleichnamigen Familie aus Lewinskys Erfolgsroman Melnitz zu tun. Dennoch knüpft der Autor thematisch an sein früheres Werk an – nicht zuletzt, weil er auch in Eine andere Geschichte den Blick für die Brüche und Schatten der Geschichte bewahrt. Das dunkle Kapitel des Nationalsozialismus und die damit verbundenen Grausamkeiten spart er nicht aus, sondern verwebt sie behutsam in die Biografie seines Helden. So bleibt Lewinsky sich treu, ohne sich zu wiederholen.
Was Eine andere Geschichte trägt, ist der Ton seines Erzählers. Curtis Melnitz berichtet mit spürbarer Selbstironie, manchmal leicht melancholisch, oft hinreißend witzig. So entsteht ein unterhaltsamer, zugleich nachdenklicher Roman, der die Filmwelt mit menschlicher Wärme und feinem Humor beleuchtet.
Ganz nebenbei lernt man eine Menge über die Geschichte des Kinos – über technische Pionierleistungen, künstlerische Experimente und über jene Magie, die das Lichtspiel auch nach mehr als hundert Jahren noch verströmt.
Charles Lewinsky ist mit Eine andere Geschichte ein ebenso intelligenter wie humorvoller Roman gelungen – voller Esprit, historischer Tiefe und erzählerischem Witz. Lesenswert, nicht nur für Cineasten.
Charles Lewinsky: Eine andere Geschichte
Diogenes, März 2026
416 Seiten, gebundene Ausgabe, 26 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.
