Christoph Kramer: Wolkenberührpunkt

Mit seinem Debüt „Im Sommer fing das Leben an“ gelang Fußball-Weltmeister Christoph Kramer ein überraschend starker, autofiktionaler Erfolg. Nun legt er mit „Wolkenberührpunkt“ seinen zweiten Roman vor. Doch wo der Vorgänger durch ehrliche Nähe überzeugte, verliert sich das neue Werk leider in erzählerischen Schwächen.

Inhalt & die Figur des Roman

Der Roman verknüpft die Lebenswege zweier ungleicher Männer: Auf der einen Seite steht der privilegierte Ex-Profi „Chris“, der sich nach dem Karriereende dem Schreiben zuwendet. Auf der anderen Seite steht Roman, ein melancholischer junger Mann, der vom Schicksal schwer getroffen wurde. Seit einem traumatischen Ereignis in der Silvesternacht 2000 besitzt er kein echtes Zuhause mehr und wird von existenziellen Zweifeln geplagt.

Roman bildet den emotionalen Gegenpol zum glücklichen Autoren-Ich. Seine einzige Zuflucht ist der titelgebende „Wolkenberührpunkt“ – ein alter Telefonmast, auf den er mit seinem besten Freund Stevie klettert, um den eigenen Träumen nah zu sein. Zugleich verliebt er sich in ein Nachbars-Mädchen namens Mira.

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Alexander Baron: Der Tagedieb

Alexander Barons „Der Tagedieb“ ist ein wiederentdeckter Roman aus dem Londoner East End. 1963 erstmals erschienen, liegt „The Lowlife“ nun in der Übersetzung von Holger Hanowell erstmals auf Deutsch vor. Im Mittelpunkt steht Harryboy Boas, ein jüdischer Kriegsveteran Mitte vierzig, der in einem heruntergekommenen Boarding House in Hackney lebt. Sein Alltag besteht aus Gelegenheitsjobs, Zola-Lektüre und vor allem: Wetten.

Harryboy ist ein Spieler, ein Charmeur und ein Meister der Selbsttäuschung. Mit Witz, Wortgewandtheit und immer neuen Ausflüchten hält er sich über Wasser – während seine Schulden wachsen und er zunehmend in die Kreise von Kredithaien und Gangstern gerät. Als eine junge Familie in das Haus einzieht, übernimmt Harryboy unerwartet Verantwortung für den kleinen Gregory. Ausgerechnet der Junge bringt ihn dazu, über sein bisheriges Leben und die Folgen seiner Entscheidungen nachzudenken.

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Herbstspecial 2026

Was das Wetter schon vor einer Weile beschlossen hat, ist heute offiziell: Der Herbst beginnt! Für einige ist diese Jahreszeit der bunten Blätter, geschnitzten Kürbisse und Kuschelpullis das Highlight des Jahres (meine Cozy-Herbst-Playlist ist fast sieben Stunden lang), einige trauern dem Sommer hinterher – und für alle haben wir unser diesjähriges Herbstspecial konzipiert! Egal ob cozy oder melancholisch; gruselig, nachdenklich, sehnsuchtsvoll: Wir stellen euch hier unsere Lesehighlights vor, die perfekt in den Herbst passen! Kocht euch einen Tee und viel Spaß beim Lesen!

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Sven Regener: Frankie und Freddie

25 Jahre ist es her, dass Sven Regener mit „Herr Lehmann“ einen der eigensinnigsten Helden der jüngeren deutschen Literatur erfand. In „Frankie und Freddie“, dem inzwischen sechsten Roman aus diesem Kosmos, schickt er Frank Lehmann erneut durch West-Berlin – diesmal an der Seite seines Bruders Freddie und mitten hinein in einen eisigen Tag kurz vor Weihnachten 1980.

Der Ausgangspunkt ist denkbar schlicht: Freddie, gerade aus einer Klinik entlassen, in der er als Proband ein neues Medikament getestet hat, hat eine Tasche verloren. Darin stecken wichtige Reisedokumente, die er für seinen geplanten Trip nach New York braucht. Also ziehen die Brüder durch Schnee und Kälte, von einem Ort zum nächsten, immer in der Hoffnung, der Tasche näherzukommen.

Natürlich wäre es kein Lehmann-Roman, wenn dieser Weg geradlinig verliefe. Regener bevölkert die Geschichte wieder mit Figuren, die schon durch ihre Namen oder Auftritte im Gedächtnis bleiben: Da ist der kunstbesessene Artsy Farty, da ist Olli, der in einem selbstgenähten Shell-Overall an einer Aral-Tankstelle aushilft, und da ist Chrissie, vergrippt, resolut und für Frank von besonderem Interesse. So bekommt neben Freundschaft, Großstadtalltag und absurden Begegnungen auch die Liebe ihren Platz.

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Martha Baillie: Besondere Vorkommnisse

Miriam Gordon soll eigentlich nur Zwischenfälle notieren. Wer hat in der Bibliothek randaliert? Wer hat gestört? Wer fiel auf? Doch was die 35-jährige Angestellte einer öffentlichen Bibliothek in Toronto in Martha Baillies Roman „Besondere Vorkommnisse“ zu Papier bringt, ist weit mehr als Dienstprotokoll und Aktennotiz.

Aus 144 kurzen Berichten setzt sich dieser ungewöhnliche Roman zusammen. Sie wirken mal wie Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag, mal wie poetische Miniaturen, mal wie Splitter einer verletzten Biografie. Miriam schreibt über die Menschen, die in die Bibliothek kommen: Einsame, Suchende, Verlorene, Sonderlinge. Zugleich schreibt sie, oft nur angedeutet, über sich selbst. So wird die Bibliothek zum Ort, an dem öffentliche Ordnung und private Unordnung direkt nebeneinanderstehen.

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Diego Muzzio: Goliaths Auge

Mit „Goliaths Auge“ legt der argentinische Autor Diego Muzzio einen schmalen, aber dichten Roman vor. Es ist ein Buch über Trauma, Wahnsinn und die dunklen Schatten der Vernunft – und zugleich eine unheimliche Erzählung, die an die großen Vorbilder der Gothic Novel wie Stevenson oder Poe erinnert.

Im Zentrum steht der Psychiater Edward Pierce, der in einem schottischen Sanatorium mit damals neuartigen Methoden wie Hypnose arbeitet. Einer seiner Patienten ist ein verstörter Ingenieur, dessen Geschichte Pierce immer tiefer in eine Vergangenheit hineinzieht, die in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und in einen abgelegenen Leuchtturm in Patagonien führt. Dort, am äußersten Rand der Welt, verdichten sich Isolation, Angst und Erinnerung.

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Imani Thompson: Honey

„Honey“, der Debütroman von Imani Thompson, ist ein verstörendes und faszinierendes Buch zwischen Campusroman und psychologischem Thriller. Im Zentrum steht die Doktorandin Yrsa, deren Leben von Frustration und unterschwelliger Wut geprägt ist – bis diese Wut eine radikale, gewaltsame Form annimmt.

Der Auslöser wirkt zunächst fast absurd: Ein Professor stirbt an einem Bienenstich, den Yrsa zumindest indirekt verursacht hat. Was als Unfall beginnt, wird schnell zu einer Reihe gezielter Morde. Yrsa findet in der Gewalt ein Gefühl von Kontrolle, das ihr im akademischen Alltag fehlt. Gleichzeitig schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über schwarze feministische Theorie.

Thompson verbindet diese beiden Ebenen eindrucksvoll. Der Roman wechselt zwischen dichten, nachdenklichen Passagen und einem schnellen, manchmal sprunghaften Erzähltempo. Das macht den Reiz des Buches aus, verlangt dem Leser aber auch einiges ab.

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Lisa Roy: Alles ist Gold

Lisa Roy erzählt in „Alles ist Gold“ von einer jungen Frau, die aus der Bahn gerät – und gerade im Stillstand merkt, wie wenig sie bisher selbst entschieden hat. Es ist ein leiser, beharrlicher Roman über Selbstzweifel, Erwartungen und die Zumutung, ein eigenes Leben zu beginnen.

Jana ist 30 Jahre alt, frisch getrennt – und schwanger nach einem One-Night-Stand. Und sie weiß nicht, was sie will: kein Kind, ein Kind, zurück ins alte Leben, hinaus aus allem. Sie zieht zu ihren Eltern, kreist in Gedanken um sich selbst und findet doch keinen Punkt, an dem aus Denken Entscheidung und Handeln wird.

Diese Unsicherheit ist nicht nur Janas Charakterzug, sondern das erzählerische Prinzip von „Alles ist Gold“. Fast jeder Impuls wird wieder zurückgenommen, jede Möglichkeit sofort infrage gestellt. Das ist psychologisch glaubwürdig, bisweilen für die Leserin/den Leser aber auch anstrengend. Denn der Roman richtet sich in Janas Unentschiedenheit gelegentlich so gründlich ein, dass die äußere Handlung an Spannung verliert.

Bewegung kommt erst durch Miral in die Geschichte, eine selbstbewusste Frau, die Jana zugleich fasziniert und verunsichert. Mit ihr bricht Jana nach Italien auf. Der Roadtrip gibt dem Roman Struktur, doch im Kern bleibt diese Reise eine innere: Jana flieht nicht nur vor einer Entscheidung, sondern vor der Erkenntnis, dass sie ihr Leben lange an fremden Erwartungen ausgerichtet hat.

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Gerhard Henschel: Oma Jever

„Oma Jever“ ist kein Roman für Ungeduldige. Gerhard Henschel rekonstruiert darin das Leben einer deutschen Familie vom Nationalsozialismus bis in die Bundesrepublik der 1990er Jahre – und tut das auf eine Weise, die so eigensinnig wie herausfordernd ist. Der Text besteht größtenteils aus einer langen Aneinanderreihung von Briefen, die das Alltagsleben der Titelfigur, der Großmutter des Erzählers, in seiner ganzen ungekürzten Banalität dokumentieren.

Das ist sowohl das Programm als auch das Problem. Henschel setzt auf akribische Detailgenauigkeit: Familienfeiern, kleine Konflikte, Routinen, Gewohnheiten. Große historische Ereignisse tauchen auf, aber stets gebrochen durch die Perspektive von Menschen, die einfach weiterleben. Dieses dokumentarische Verfahren hat durchaus Kraft – wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, findet hier ein präzise eingefangenes Zeitbild, dessen Figuren glaubwürdig und oft liebevoll-ironisch gezeichnet sind.

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Joey Goebel: Sunset Flip

Produktbild: Sunset Flip

Joey Goebel wagt sich mit „Sunset Flip“ an ein literarisch eher selten behandeltes Thema: den Kampfsport Wrestling. Doch was zunächst nach Nischenstoff klingt, entpuppt sich schnell als klug erzählte Geschichte über Identität, Erfolg – und eine große Liebe, die zunehmend unter Druck gerät.

Im Mittelpunkt steht Auggie Schnuck, der als Wrestler auf der Erfolgsleiter weit nach oben geklettert ist. Karriere, Beziehung, Zukunft – alles scheint sich trotz seines Wunsches, eigentlich Schauspieler werden zu wollen, in die richtige Richtung zu entwickeln. An seiner Seite: Nadine, mit der ihn lange Zeit eine enge, fast unerschütterliche Partnerschaft verbindet. Gerade dieser Erfolg bringt Auggie jedoch ins Wanken. Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen ihm und seiner Kampffigur „The Aug“ – mit Folgen auch für die Beziehung. Was als stabile Liebe erscheint, wird auf eine harte Probe gestellt.

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