Martha Baillie: Besondere Vorkommnisse

Miriam Gordon soll eigentlich nur Zwischenfälle notieren. Wer hat in der Bibliothek randaliert? Wer hat gestört? Wer fiel auf? Doch was die 35-jährige Angestellte einer öffentlichen Bibliothek in Toronto in Martha Baillies Roman „Besondere Vorkommnisse“ zu Papier bringt, ist weit mehr als Dienstprotokoll und Aktennotiz.

Aus 144 kurzen Berichten setzt sich dieser ungewöhnliche Roman zusammen. Sie wirken mal wie Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag, mal wie poetische Miniaturen, mal wie Splitter einer verletzten Biografie. Miriam schreibt über die Menschen, die in die Bibliothek kommen: Einsame, Suchende, Verlorene, Sonderlinge. Zugleich schreibt sie, oft nur angedeutet, über sich selbst. So wird die Bibliothek zum Ort, an dem öffentliche Ordnung und private Unordnung direkt nebeneinanderstehen.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Diego Muzzio: Goliaths Auge

Mit „Goliaths Auge“ legt der argentinische Autor Diego Muzzio einen schmalen, aber dichten Roman vor. Es ist ein Buch über Trauma, Wahnsinn und die dunklen Schatten der Vernunft – und zugleich eine unheimliche Erzählung, die an die großen Vorbilder der Gothic Novel wie Stevenson oder Poe erinnert.

Im Zentrum steht der Psychiater Edward Pierce, der in einem schottischen Sanatorium mit damals neuartigen Methoden wie Hypnose arbeitet. Einer seiner Patienten ist ein verstörter Ingenieur, dessen Geschichte Pierce immer tiefer in eine Vergangenheit hineinzieht, die in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und in einen abgelegenen Leuchtturm in Patagonien führt. Dort, am äußersten Rand der Welt, verdichten sich Isolation, Angst und Erinnerung.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Imani Thompson: Honey

„Honey“, der Debütroman von Imani Thompson, ist ein verstörendes und faszinierendes Buch zwischen Campusroman und psychologischem Thriller. Im Zentrum steht die Doktorandin Yrsa, deren Leben von Frustration und unterschwelliger Wut geprägt ist – bis diese Wut eine radikale, gewaltsame Form annimmt.

Der Auslöser wirkt zunächst fast absurd: Ein Professor stirbt an einem Bienenstich, den Yrsa zumindest indirekt verursacht hat. Was als Unfall beginnt, wird schnell zu einer Reihe gezielter Morde. Yrsa findet in der Gewalt ein Gefühl von Kontrolle, das ihr im akademischen Alltag fehlt. Gleichzeitig schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über schwarze feministische Theorie.

Thompson verbindet diese beiden Ebenen eindrucksvoll. Der Roman wechselt zwischen dichten, nachdenklichen Passagen und einem schnellen, manchmal sprunghaften Erzähltempo. Das macht den Reiz des Buches aus, verlangt dem Leser aber auch einiges ab.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Lisa Roy: Alles ist Gold

Lisa Roy erzählt in „Alles ist Gold“ von einer jungen Frau, die aus der Bahn gerät – und gerade im Stillstand merkt, wie wenig sie bisher selbst entschieden hat. Es ist ein leiser, beharrlicher Roman über Selbstzweifel, Erwartungen und die Zumutung, ein eigenes Leben zu beginnen.

Jana ist 30 Jahre alt, frisch getrennt – und schwanger nach einem One-Night-Stand. Und sie weiß nicht, was sie will: kein Kind, ein Kind, zurück ins alte Leben, hinaus aus allem. Sie zieht zu ihren Eltern, kreist in Gedanken um sich selbst und findet doch keinen Punkt, an dem aus Denken Entscheidung und Handeln wird.

Diese Unsicherheit ist nicht nur Janas Charakterzug, sondern das erzählerische Prinzip von „Alles ist Gold“. Fast jeder Impuls wird wieder zurückgenommen, jede Möglichkeit sofort infrage gestellt. Das ist psychologisch glaubwürdig, bisweilen für die Leserin/den Leser aber auch anstrengend. Denn der Roman richtet sich in Janas Unentschiedenheit gelegentlich so gründlich ein, dass die äußere Handlung an Spannung verliert.

Bewegung kommt erst durch Miral in die Geschichte, eine selbstbewusste Frau, die Jana zugleich fasziniert und verunsichert. Mit ihr bricht Jana nach Italien auf. Der Roadtrip gibt dem Roman Struktur, doch im Kern bleibt diese Reise eine innere: Jana flieht nicht nur vor einer Entscheidung, sondern vor der Erkenntnis, dass sie ihr Leben lange an fremden Erwartungen ausgerichtet hat.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Gerhard Henschel: Oma Jever

„Oma Jever“ ist kein Roman für Ungeduldige. Gerhard Henschel rekonstruiert darin das Leben einer deutschen Familie vom Nationalsozialismus bis in die Bundesrepublik der 1990er Jahre – und tut das auf eine Weise, die so eigensinnig wie herausfordernd ist. Der Text besteht größtenteils aus einer langen Aneinanderreihung von Briefen, die das Alltagsleben der Titelfigur, der Großmutter des Erzählers, in seiner ganzen ungekürzten Banalität dokumentieren.

Das ist sowohl das Programm als auch das Problem. Henschel setzt auf akribische Detailgenauigkeit: Familienfeiern, kleine Konflikte, Routinen, Gewohnheiten. Große historische Ereignisse tauchen auf, aber stets gebrochen durch die Perspektive von Menschen, die einfach weiterleben. Dieses dokumentarische Verfahren hat durchaus Kraft – wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, findet hier ein präzise eingefangenes Zeitbild, dessen Figuren glaubwürdig und oft liebevoll-ironisch gezeichnet sind.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Joey Goebel: Sunset Flip

Produktbild: Sunset Flip

Joey Goebel wagt sich mit „Sunset Flip“ an ein literarisch eher selten behandeltes Thema: den Kampfsport Wrestling. Doch was zunächst nach Nischenstoff klingt, entpuppt sich schnell als klug erzählte Geschichte über Identität, Erfolg – und eine große Liebe, die zunehmend unter Druck gerät.

Im Mittelpunkt steht Auggie Schnuck, der als Wrestler auf der Erfolgsleiter weit nach oben geklettert ist. Karriere, Beziehung, Zukunft – alles scheint sich trotz seines Wunsches, eigentlich Schauspieler werden zu wollen, in die richtige Richtung zu entwickeln. An seiner Seite: Nadine, mit der ihn lange Zeit eine enge, fast unerschütterliche Partnerschaft verbindet. Gerade dieser Erfolg bringt Auggie jedoch ins Wanken. Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen ihm und seiner Kampffigur „The Aug“ – mit Folgen auch für die Beziehung. Was als stabile Liebe erscheint, wird auf eine harte Probe gestellt.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Rafik Schami: Das Mosaik der Frauen

Im Zentrum von Rafik Schamis Roman „Das Mosaik der Frauen“ steht Nadim Suri, ein todkranker Syrer im deutschen Exil, der seine Geschichte dem Schriftsteller Said Mardini anvertraut. Kapitel für Kapitel setzt Schami aus den Begegnungen mit Frauen ein literarisches Mosaik zusammen.

Jede Frau steht für eine bestimmte Phase, eine Erfahrung, eine Haltung. Mutter, Geliebte, Gefährtin oder Zufallsbekanntschaft – sie alle prägen Nadims Blick auf die Welt und auf sich selbst. Bemerkenswert ist, dass Schami seine Figuren nicht als bloße Stationen eines Männerlebens anlegt, sondern ihnen Eigenständigkeit und politische wie emotionale Tiefe verleiht. Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Romans.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Timothy Paul: Eine Liebe ohne Sommer

Unter dem Pseudonym Timothy Paul legt der 1970 geborene Timothy Paul Sonnerhüsken seinen ersten Roman vor. Der langjährige Lektor, Programm- und Verlagsleiter kennt die Mechanismen erfolgreicher Unterhaltungsliteratur genau – und wendet sie in „Eine Liebe ohne Sommer“ routiniert an.

Im Mittelpunkt steht Rosa, Ende dreißig, die an einem grauen Regentag dem charismatischen Nikolas begegnet. Es folgt eine intensive Zeit voller Nähe und Leidenschaft. Doch das Glück endet abrupt: Nikolas stirbt bei einem Autounfall. Rosa bleibt nicht nur mit ihrer Trauer zurück, sondern auch mit vielen offenen Fragen. Also beginnt sie zu recherchieren: Eine eifersüchtige Ex-Freundin reagiert mit spitzen Bemerkungen, der beste Freund blockt ab – und ein rätselhaftes Kind bringt zusätzliche Unruhe. Schritt für Schritt kommt Rosa einem Geheimnis auf die Spur, dessen Auflösung überrascht, sich jedoch bekannter Muster bedient.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Christian Huber: Solange ein Streichholz brennt

Christian Huber erzählt in „Solange ein Streichholz brennt“ von zwei Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten stammen – und sich dennoch annähern. Bohm lebt auf der Straße, Alina arbeitet für einen Fernsehsender, steckt jedoch beruflich wie privat in einer Sackgasse. Ihr Aufeinandertreffen ist zunächst ein beruflicher Zufall – sie soll eine Fernseh-Reportage über Obdachlosigkeit erstellen –, entwickelt sich aber zu einer Geschichte über Nähe, Verletzlichkeit und die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Der Roman greift damit ein Thema auf, das im literarischen Mainstream oft nur am Rand vorkommt: das Leben ohne festen Wohnsitz. Huber verbindet diesen Blick mit einer kritischen Perspektive auf die Medienwelt, die hier wenig schmeichelhaft dargestellt wird.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Michael Hugentobler: Bis die Bären tanzen

Michael Hugentobler erzählt in „Bis die Bären tanzen“ die Geschichte einer Familie, die im Laufe der Jahrzehnte auseinandergerissen wird – räumlich wie innerlich. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg fliehen die Eltern aus Deutschland in die Schweiz. Ihre drei Kinder treibt es später in ganz unterschiedliche Richtungen: Isabelle verschlägt es in den brasilianischen Dschungel, Anne nach Sydney, und Jacob landet als talentierter Turner und späterer Artist im Berlin der NS-Zeit.

Was als Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem weit gespannten Roman über Aufbruch, Sehnsucht und die Suche nach einem Platz im Leben. Hugentobler führt seine Figuren durch die politischen Erschütterungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Weltkrieg, Nationalsozialismus, gesellschaftliche Umbrüche. Dabei bleibt er nicht streng realistisch. Immer wieder mischt er der historischen Kulisse märchenhafte, fast traumartige Elemente bei. Masken tauchen auf, Menschen scheinen zu fliegen, und die Bären aus dem Titel bekommen eine symbolische Rolle.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: