Silvesterspecial 2025

Jedes Jahr lesen wir Rezensentinnen und Rezensenten etliche Bücher. Gute und weniger gute, spannende und langweilige, dramatische, berührende, witzige und traurige, fesselnde, unterhaltsame, informative und interessante. Und immer findet sich darunter dieses eine Buch, das Highlight des Jahres. Das Buch, das besonders im Gedächtnis bleibt, das nachwirkt, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Diese Bücher, die uns in diesem Jahr 2025 so beeindruckt haben, stellen wir heute am letzten Tag des Jahres vor:

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Jon Fosse: Vaim

Der neue Roman des Literatur-Nobelpreisträgers von 2023 Jon Foss, „Vaim“ heißt er, ist vor allem eines: anstrengend. Der 160 Seiten lange Text ist im Grunde ein einziger Satz, einen Punkt sucht man vergebens. Es gibt viele Wiederholungen mit nur kleinen Abweichungen. Das schafft zwar einen besonderen Rhythmus, macht das Lesen aber mühsam und manchmal monoton.​

Drei Männer aus einem Küstenort erzählen abwechselnd von ihrem Leben, von ihrer Unsicherheit und von einer Frau namens Eline, die alles verbindet. Ihre Stimmen klingen jedoch sehr ähnlich, sodass man sie gedanklich kaum auseinanderhalten kann.​

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Kai Wiesinger: Zurück zu ihr

Das Romandebüt des Schauspielers Kai Wiesinger („Kleine Haie), „Zurück zu ihr“, bleibt erzählerisch kraftlos. Der 50-jährige Jan fährt zum Klassentreffen nach Hannover – ein Setting voller Möglichkeiten für Selbstbefragung, Umwege und Brüche. Doch statt psychologischer Tiefe bietet der Roman vor allem Alltagsbanalitäten. Jans Rückblick auf Ehe, verpasste Chancen und Jugendliebe wird zu einem breiten Bewusstseinsstrom, der mehr wiederholt als enthüllt.

Wiesinger schildert Staus, Routinen und Klassentreffen-Anekdoten in ausufernder Detailfreude, ohne sie dramaturgisch zu schärfen. Die Figuren bleiben blass: Ehefrau Svenja und Jugendliebe Anja wirken eher wie Folien für Jans Selbstbespiegelung als wie eigenständige Charaktere. Nur eine Autopanne sorgt für Witz und Tempo – ein Hinweis darauf, dass der Autor durchaus Sinn für Situationskomik hat.

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Ulrich Becher: Männer machen Fehler

Ulrich Bechers Erzählband „Männer machen Fehler“ aus dem Jahr 1932 ist ein literarisches Debüt, das auf eindringliche Weise die Fehlerhaftigkeit und Schwächen des menschlichen Verhaltens, insbesondere von Männern, in verschiedenen gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenhängen beleuchtet. 

Eine besonders eindrucksvolle Geschichte ist die Erzählung von den Brüdern, die lediglich ihren Frack besitzen. Mit diesem Kleidungsstück gelingt es ihnen, in unterschiedliche gesellschaftliche Kreise einzutreten und überall „durchzukommen“. Diese Geschichte symbolisiert das Thema des Scheins und der gesellschaftlichen Maskerade.

Weitere Beispiele sind die Geschichten eines gelangweilten Sohnes aus reichem Hause, der sich zum Kriegsdienst meldet – ein Symbol für die Suche nach Sinn und Identität in einer entfremdeten Gesellschaft – oder eines anderen jungen Mannes, der gegen seinen disziplinierten Vater rebelliert und sein Heil im Besuch einer „Orgie“ sucht, dort aber nur Gewalt, Kälte, Oberflächlichkeit und Stumpfsinn findet.

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John Irving: Königin Esther

Mit Königin Esther legt der amerikanische Bestsellerautor John Irving im Alter von über 80 Jahren ein Werk vor, das alle vertrauten Zutaten seines Schreibens enthält – und doch erstaunlich leblos bleibt. Zwar blitzt hier und da jener eigentümliche Humor auf, der seine Romane seit Garp und wie er die Welt sah oder Owen Meany auszeichnet, doch insgesamt wirkt dieser späte Roman eher wie ein intellektuelles Experiment.

Irving verwebt verschiedene Schauplätze und Zeiten – Wien, Neuengland, Palästina und Jerusalem –, doch die ständigen Orts- und Perspektivwechsel zerren am erzählerischen Zusammenhalt. Das Ergebnis ist ein sprunghaft aufgebauter Text, dessen mittlere Kapitel verwirrend wirken. Die Handlung verliert sich in Nebengleisen, und die Titelfigur, Esther Nacht, bleibt erstaunlich blass. Ihr Innenleben, ihre seelische Entwicklung – all das bleibt schemenhaft, der Leser erfährt so gut wie nichts darüber.

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Victor Schefé: Zwei, drei blaue Augen

Wer wissen will, wie sich das Leben für Andersdenkende in der DDR anfühlte, der sollte Victor Schefés autobiografischen Debütroman Zwei, drei blaue Augen lesen. Dem Autor gelingt es, das Klima aus Misstrauen, Anpassungsdruck und verdeckter Rebellion mit einer Eindringlichkeit zu vermitteln, die selten so unmittelbar spürbar wird. Die Schikanen, denen sich Systemkritiker und Ausreisewillige in der DDR ausgesetzt sahen, beschreibt er nicht abstrakt oder analytisch, sondern in der ganzen körperlichen und seelischen Wucht des Erlebten. In Briefen, Tagebucheinträgen, Stasi-Protokollen und Erinnerungsfragmenten entfaltet sich das Panorama einer Jugend, die von Kontrolle, Enge und Angst geprägt ist – und zugleich von Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Das Ringen um ein eigenständiges Leben treibt den Erzähler bis an den Rand der Verzweiflung, manches Mal sogar zu Suizidgedanken.

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John Boyne: Luft

John Boynes Novelle „Luft“ markiert den Abschluss seines vierteiligen „Elements“-Zyklus – einer Reihe, die sich mit Schuld, Trauma und der Möglichkeit von Heilung beschäftigt. Sie verbindet emotionale Intensität und moralische Tiefe zu einem leisen, aber eindringlichen Finale.

Inhalt und Thematik von „Luft“

Im Zentrum von „Luft“ steht Aaron Umber, ein Psychologe, der mit seinem jugendlichen Sohn Emmet per Flugzeug von Sydney nach Dublin reist. Während der Reise ringt Aaron mit den Geistern seiner Vergangenheit – einem sexuellen Missbrauch, den Boyne ebenso respektvoll wie schonungslos in „Feuer“ beschrieben hat. 

Anders als in „Feuer“ oder „Erde“, die mit moralischer Unklarheit und den Abgründen der Mittäter arbeiten, richtet „Luft“ den Blick konsequent auf das Opfer – was der Geschichte Sanftheit, aber auch weniger Spannung verleiht. Doch diese ruhigere Tonlage unterstreicht die Reifung des Zyklus: Aus der Wut und dem Schmerz der früheren Bände erwächst hier zarte Hoffnung. Die Dialoge zwischen Vater und Sohn bilden die emotionalen Höhepunkte.​

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John Boyne: Feuer

John Boynes Roman „Feuer“ (Original: „Fire“) beleuchtet die Schattenseiten der menschlichen Natur anhand der Geschichte von Dr. Freya, einer Chirurgin an einer Londoner Klinik, die sich der Hauttransplantation verschrieben hat. Hinter ihrem beruflichen Erfolg und dem gesellschaftlichen Ansehen verbirgt sich jedoch ein Trauma aus ihrer Kindheit – ein furchtbares Erlebnis, das ihr Leben geprägt hat und alte Rachegefühle in ihr weckt. Boyne stellt mit klugem Blick die unbequeme Frage, was Schuld bedeutet, wenn Opfer selbst zu Tätern werden.

Inhalt und Aufbau

Der Roman ist Teil von Boynes Erzählprojekt „Die Elemente“ und funktioniert gleichzeitig als Einzelwerk wie auch als Teil einer thematischen Serie. Freya, die Protagonistin, wirkte nach außen hin erfolgreich und souverän, doch innerlich ringt sie mit den Folgen eines brutalen Streichs aus ihrer Jugendzeit. Freyas Weg ist geprägt von dem Versuch, Kontrolle über ihr Schicksal zurückzugewinnen. Boyne erzählt diese Entwicklung mit großer psychologischer Tiefe und wechselt zwischen gnadenloser Offenheit und berührenden, nachdenklichen Passagen.

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John Boyne: Erde

John Boynes Roman „Erde“ ist der zweite Band seines ambitionierten „Elemente“-Projekts und schildert die Geschichte von Evan Keogh, einem gefeierten Fußballprofi, dessen glänzende Karriere durch einen Skandal abrupt ins Wanken gerät. Boyne verknüpft dabei zwei zentrale Handlungsebenen: Evans Weg von der bedrückenden irischen Inselkindheit bis hin zum Luxusleben in London – und eine dramatische Gerichtsverhandlung, in der es um Missbrauchsvorwürfe geht.

Stilistisch liefert Boyne wie gewohnt eine dichte Erzählung: Seine Sprache ist klar, die Dialoge sind pointiert. Dass sich die Geschichte in der Fußballwelt abspielt und dabei das toxische Maskulinitätsklima ungeschönt offenlegt, gibt „Erde“ seine gesellschaftliche Relevanz und unmittelbare Aktualität. Die Gerichtsverhandlung, die im Zentrum des Romans steht, zieht Leserinnen und Leser unweigerlich in einen Moralkonflikt.

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Daniel Donskoy: Brennen

Der Debütroman des Schauspielers und Musikers Daniel Donskoy, Brennen, ist ein Roadtrip durch das Leben eines jungen Mannes, der vor allem eines möchte: sich lebendig fühlen.

In kurzen Episoden schildert er teils skurrile Begegnungen – etwa eine sizilianische Jagdgesellschaft, ein in Flammen stehendes Filmstudio nahe Auschwitz oder eine Nacht in Tel Aviv, die einst alles veränderte. Der Erzähler reflektiert dabei immer wieder über vergangene Zeiten und die Freundschaft zu einem gewissen Tyler, die nach Jahren wieder aufgenommen werden soll.

Kritisch fällt auf, dass Donskoy an manchen Stellen Gesprächs- und Gedankenpassagen einstreut, die durch ihre etwas pseudo-intellektuelle Färbung eher bemüht wirken. Seine Beschreibungen von Grenzübertritten, Übermut und Leidenschaft werden oft durch teils schwerfällige, selbstverliebte Sprachbilder ergänzt, was der Geschichte einiges von ihrer Kraft und Glaubwürdigkeit nimmt.

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