Shelly Kupferberg: Stunden wie Tage

Shelly Kupferberg erzählt in „Stunden wie Tage“ die Geschichte der jungen Widerstandskämpferin Liane Berkowitz – und verknüpft sie mit dem Leben der Hausbesorgerin Martha. Daraus entsteht ein ruhiger, zunehmend eindringlicher Roman über Mut, Schuld und Erinnerung. Die Mischung aus historischer Genauigkeit und literarischer Erzählung gelingt so stimmig, dass die Figuren lange nachwirken.

Im Zentrum steht Martha E., die ab 1925 als Hausbesorgerin in einem Schöneberger Mietshaus arbeitet. Sie ist pflichtbewusst, sparsam und zurückhaltend – Eigenschaften, die sie für ihre Aufgabe prädestinieren. Sie organisiert den Alltag, kassiert Mieten und hält den Betrieb im Haus aufrecht, während sich die politischen Verhältnisse immer weiter zuspitzen.

Eine besondere Beziehung entwickelt sie zu Liane, der Tochter des jüdischen Hausbesitzers Henry Berkowitz. Das aufgeweckte Mädchen wächst in einem wohlhabenden, aber fragilen Umfeld auf. Mit dem Erwachsenwerden kommen erste Liebe und politisches Bewusstsein – und schließlich der Schritt in den Widerstand gegen das NS-Regime. Historisch führt dieser Weg Liane in die Gruppe der „Roten Kapelle“.

Parallel zeichnet Kupferberg Marthas Lebensweg über Jahrzehnte nach.

Die Figur Liane Berkowitz basiert auf einer realen Widerstandskämpferin. Sie wurde als junge Frau wegen Aktionen gegen das NS-Regime verhaftet, zum Tode verurteilt und 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Kupferberg hält sich eng an die historischen Eckdaten, füllt sie aber mit Leben, ohne den dokumentierten Kern zu verfälschen.

Der Einstieg ist bewusst ruhig. Kupferberg nimmt sich Zeit, das Haus und seine Bewohner zu zeichnen. Diese dichte Alltagswelt bildet die Grundlage für die spätere Zuspitzung. Mit zunehmender Verfolgung jüdischer Menschen und wachsendem Druck auf den Widerstand steigt die Spannung deutlich an – ohne dass der Ton je laut wird.

Die Sprache bleibt zurückhaltend und präzise. Kupferberg beobachtet genau und verzichtet auf schnelle moralische Urteile. Stattdessen zeigt sie, wie „kleine Leute“ zu stillen Zeugen ihrer Zeit werden – und wie schwer Entscheidungen unter extremen Bedingungen wiegen können.

Shelly Kupferberg, in Tel Aviv geboren und in Berlin aufgewachsen, knüpft mit ihrem zweiten Roman an ihr Debüt „Isidor“ an. Auch hier verbindet sie journalistische Genauigkeit mit erzählerischer Sensibilität.

„Stunden wie Tage“ ist ein leiser, aber eindringlicher Roman, der zum Ende hin durchaus zu Tränen rühren kann.

Shelly Kupferberg: Stunden wie Tage
Diogenes, März 2026
272 Seiten, gebundene Ausgabe, 25 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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