Esther Schüttpelz: Grüne Welle

Eine Frau befindet sich auf dem Heimweg nach einem Kinoabend mit ihrer ältesten Freundin. Durch eine Baustelle verpasst sie die richtige Autobahnauffahrt und fährt einfach immer weiter. Ohne anzuhalten, ohne Plan, ohne funktionierendes Handy. Was ist geschehen, warum wendet die Frau nicht einfach? In diesem außergewöhnlichen Roadtrip entwirft Esther Schüttpelz eine faszinierende Geschichte um eine Frau, die im wahrsten Sinne des Wortes am Scheideweg steht.

Verdichteter Plot mit Sogwirkung
Es gibt Bücher, die entfalten von der ersten Seite an einen gewissen Sog. So ein Buch ist „Grüne Welle“. Dies ist auf die Verdichtung von Raum, Zeit und Handlung zurückzuführen. Der Großteil der Geschichte spielt in einem Auto, die ganze Story umfasst gerade einmal 23 Stunden, aber während dieses Tages tut sich viel – und auch wieder nicht. Die räumliche Bewegung, ganz allein ins Ungewisse zu fahren, setzt in der Frau etwas in Gang. Sie ist gezwungen, sich den Schattenseiten ihres Lebens zu stellen. Von diesen gibt es eine ganze Menge.

Fahrt ohne Wiederkehr?
Da ist ihre Karriere als Künstlerin, die keinen echten Erfolg bringt. Da ist ihr Mann, ein gut situierter Anwalt, der sie physisch und psychisch misshandelt. Da ist die Freundschaft zu ihrer ältesten Freundin, die sich im Sande verläuft, ohne dass die Lücke durch andere Personen geschlossen wird. Und da ist dann noch sie selbst, die sich im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte verloren hat. Die das Leben nur hinnimmt, statt aktiv zu handeln. All dem beginnt sich die Protagonistin nach und nach zu stellen, als sie in der Dunkelheit über einsame Landstraßen fährt und schlafende Dörfer passiert. Ein Reh und zwei junge Tramperinnen kratzen an ihrer Fassade und zerren unangenehme Erkenntnisse ans Tageslicht. Doch weiß die Protagonistin daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen? Oder wird sie am Ende alles relativieren und in alte Gewohnheiten zurückfallen?

Während ein Teil der Geschichte in dem Auto stattfindet, wird der andere Teil der Geschichte aus Sicht der besten Freundin erzählt. Diese begibt sich auf die Suche nach der Verschollenen; nach jener Frau, mit der sie einst alles Lachen und Weinen der Jugend geteilt hat. So lernen wir beim Lesen die Frau hinter dem Steuer aus einer anderen Perspektive kennen

Namenlose Protagonistin als Projektionsfläche
Vielleicht funktioniert dieses Buch auch deshalb so gut, weil die Autofahrerin über weite Teile des Romans als namenlose Projektionsfläche dient. Fast den gesamten Roman über wird sie nur als „die Frau“ bezeichnet (erst gegen Ende erfahren wir ihren tatsächlichen Namen). Auch die übrigen Protagonisten werden als „die Freundin der Frau“, „der Mann“ und „die Mädchen“ betitelt. Was sich zunächst seltsam anhört, funktioniert bestens. Einerseits gibt es in dem verdichteten Kosmos des Plots nur sehr wenige Personen. Andererseits können Leserinnen und Leser sich unvoreingenommen mit den Charaktereigenschaften der namenlosen Protagonisten auseinandersetzen, sich in ihnen wiederkennen oder von ihren Handlungen abgestoßen fühlen. Denn Schüttpelz schont ihre Protagonisten nicht. Sie hat keine Angst davor, sie schwach oder inkonsequent darzustellen. Zum Beispiel, wenn die Frau die Gewalttaten des Mannes als klassische Täter-Opfer-Umkehr schönredet, da der Mann sie eben „braucht“ und ohne sie nicht leben könne. Doch natürlich stellt sie auch die unter der Oberfläche liegenden Sehnsüchte heraus, die Fähigkeit zu Empathie und Zusammenhalt.  

Von der Kanzlei zum Literaturpreis
Fazit: Ein faszinierendes Buch, das einen mysteriösen Sog beim Lesen auslöst. Ganz so, als fahren wir nachts mit überhöhter Geschwindigkeit die Autobahn entlang. Ein literarischer Roadtrip von Esther Schüttpelz, die als Rechtsanwältin arbeitete (weshalb sie aufgrund ihres Berufsumfelds womöglich den glatten, manipulativen Charakter des Anwalt-Ehemanns so gut darstellen kann) und die für ihren Roman „Ohne mich“ 2023 mit dem Debütpreis der Literatur Cologne ausgezeichnet wurde.

Esther Schüttpelz: Grüne Welle.
Diogenes, Februar 2026.
208 Seiten, gebundene Ausgabe, 21,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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