Romain Haas: Jagd durch Luxemburg

Man kann sein Vermögen – so man eines hat – ja eigentlich hinterlassen, wem man möchte. Man kann es gerecht oder ungerecht aufteilen, einer Stiftung vermachen oder eine gründen, man kann es aber auch an Bedingungen knüpfen. So wie der exzentrische, berüchtigte Multimillionär Charles Cannes. Man könnte sagen, er macht sich einen perfiden Spaß daraus, seine geldgierige Familie, die eh schon fast allesamt von seinem Geld leben, zu einer Art Schnitzeljagd durch Luxemburg zu zwingen, sofern sie erben möchten. Mit einer guten Portion schwarzen Humors beschließt Charles Cannes, wer erben möchte, soll sich sein Geld verdienen. Eigentlich würde er ja gerne seiner Schwester, seiner Lieblingsenkelin und auch seiner Pflegerin ein bisschen mehr zukommen lassen als den anderen, aber dann würde sich der Rest der „lieben Familie“ auf die drei stürzen wie die Geier. Mit seinem seltsamen Testament möchte er erreichen, dass sich zeigt, wer tatsächlich würdig sein wird, mit so viel Geld umzugehen. Die Rede ist immerhin von einhundert Millionen. Bei der Testamentseröffnung ist die Überraschung denn auch groß. Charles hat für jeden einen Umschlag vorbereitet mit einem Rätsel, das es zu lösen gilt. Wer den Umschlag annimmt, verpflichtet sich, mitzuspielen. Wer ihn verweigert, ist raus. Die Rätsel sind kryptisch, philosophisch, erfordern geschichtliches, kulturelles und Allgemeinwissen, außerdem eine gute Kombinationsgabe und manchmal auch ziemlich viel Risikofreude. Charles‘ Idee dahinter war: entweder sie schlossen sich zusammen oder sie stürzten sich gegenseitig ins Unglück. „Sich zusammenschließen“ ist in Charles‘ Familie allerdings anscheinend keine Option. Hier kämpft lieber jeder für sich und gegen die anderen, um möglichst wenig abgeben zu müssen. Bis auf Gertrud, Charles‘ Schwester, nehmen alle den Umschlag und damit die Herausforderung an. Auch Charlie, seine Enkelin. Sie ist als einzige bereit, zu teilen und sich Hilfe beim Rätseln zu holen. Während die Verwandtschaft skrupellos versucht, an das Geld zu kommen, geht Charlie mit Scharfsinn und gerne auch mit Unterstützung von außen vor.

Charlie steht unter scharfer Beobachtung der Verwandten, sie scheint als einzige der Lösung näher zu kommen. Charlie wird zur Gefahr. Die Schatzsuche, die zu einer Schnitzeljagd quer durch Luxemburg wird, wächst sich zu einer gefährlichen Unternehmung aus, die auch Tote fordert.

„Jagd durch Luxemburg“ ist ein gelungener, raffinierter Debütkrimi des jungen Autors. Mit vielen Wendungen und Überraschungen, mit Charakteren, die sehr authentisch gezeichnet sind. Bis auf Charlie sind eigentlich alle unsympathisch. Erzählt wird aus Charlies Perspektive, der Perspektive der Außenseiterin in der Familie, vor der aber alle irgendwie Respekt haben. Dennoch versuchen sie immer wieder, sie in die Enge zu treiben und schrecken auch nicht davor zurück, ihr einen Mord in die Schuhe schieben zu wollen.

Flott geschrieben, gut zu lesen, mit viel Luxemburger Lokalkolorit und Liebe zu dem kleinen Großherzogtum, über das man so ganz nebenbei eine Menge Interessantes erfahren kann.

Romain Haas: Jagd durch Luxemburg
Emons, April 2026
272 Seiten, Taschenbuch, 14,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.