Eine Zugfahrt Richtung Vergangenheit
Wenn ein Roman mit dem Tod des Protagonisten beginnt, ist dieser in den meisten Fällen nicht auf natürliche Weise eingetreten, und uns erwartet im weiteren Verlauf der Geschichte die kriminologische Aufklärung dieses und eventuell weiterer Verbrechen.
Nicht so in Die Mitternachtsreise: Wir begegnen dem einundachtzigjährigen Wilbur Budd zwar zunächst an seinem Todestag, doch ist sein Ende zugleich auch der Anfang seiner Fahrt mit dem Mitternachtszug. Von diesem Zug aus kann Wilbur wichtige Stationen seiner Vergangenheit besuchen und sein jüngeres Ich in Schlüsselszenen seines Lebens beobachten. Das Ziel: im Reinen mit sich selbst in die Ewigkeit überzugehen.
Für die Rückschau vom Jenseits aus gibt es jedoch gewisse Regeln, deren Einhaltung für das Zeitengefüge von äußerster Bedeutung ist. Aber was wäre, wenn Wilbur ihnen zum Trotz versuchen würde, die Vergangenheit zu ändern?
„Um ein gutes Leben zu führen, sollte man wissen, wann man Erwartungen einfach ignorieren muss. Auch wenn das bedeutet, die Regeln zu brechen.“
Könnte er mit dem gewonnenen Abstand und Weitblick ein besseres Leben führen und die Beziehungen zu den Menschen retten, die ihm zu Lebzeiten am meisten bedeuteten?
Endstation Zukunft
Manchmal haben Bücher es an sich, im genau richtigen Moment auf mich als Leserin zu treffen. Eine schicksalhafte Begegnung mit der literarischen Weisheit, die ich gerade brauche. Schließlich können Geschichten die Kraft besitzen, das Quäntchen Zuversicht zu liefern, das im eigenen Leben einen gesunden Kipppunkt darstellt. Die Mitternachtsreise war für mich eine solche Leseerfahrung.
Wie schon in Die Mitternachtsbibliothek gibt Matt Haig den Lesenden wertvolle Botschaften mit auf den Weg und er schafft es dabei, authentisch und nicht belehrend oder zu plakativ zu sein. Daher kann ich über meinen einzigen Kritikpunkt – die etwas zu gewollt wirkenden Cliffhanger am Ende mancher Kapitel zu Anfang des Buches – getrost hinwegsehen.
Die Mitternachtsreise habe ich als berührende und lebensbejahende Reise in die eigene Vorstellungskraft empfunden, als den Rat, das Leben zu leben, solange noch Leben in uns ist, oder wie Wilburs Freund Charlie es ausdrückt:
„Nur weil es in deinem Leben eine Tragödie gab, heißt das nicht, dass dein ganzes Leben eine Tragödie sein muss.“
Nicht nur auf der Metaebene hat mich dieses Buch erreicht. Auch die eigentliche Handlung – Leben, Lieben und Leiden des zum Schluss (oder zu Beginn, je nachdem) nicht mehr ganz so jungen Wilbur – überzeugt und hat mich mitgerissen.
Eine Leseempfehlung sowohl für die ohnehin Hoffnungsfrohen als auch für all diejenigen, die gerade Zuspruch brauchen, um ihr Glück wieder mehr selbst in die Hand zu nehmen.
Matt Haig: Die Mitternachtsreise
Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Hübner
Droemer Verlag, Mai 2026
329 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabrina Rüdebusch.
