Die „mappa mundi“, auf der hier der eigentliche Schwerpunkt der Erzählung liegt, ist keine Erfindung des Autors, wie man vielleicht meinen möchte, es gab sie wirklich und auch an dem Ort, an dem sie im Roman entsteht. Die Ebstorfer Weltkarte wurde 1830 zufällig wiederentdeckt, im Konvent Ebstorf bei Lüneburg. Inzwischen kann man sich ein Bild davon machen mit einem Online-Faksimile, das die Universität Lüneburg zur Verfügung stellt.
Auch wenn die im Roman handelnden Personen größtenteils fiktiv sind, es gab eine Priorin namens Mechthild im Kloster Ebstorf, und natürlich ist auch Herzog Otto von Lüneburg historisch verbrieft. Agnes, seine Tochter im Roman ist allerdings fiktiv.
Eine Karte der Welt, wie sie um 1300 bekannt war, ist der Traum der jungen, wissbegierigen Herzogstochter Agnes. Schon als Kind hat sie sich für alles interessiert, was außerhalb des Burghofes passiert, zu gerne würde sie selbst die Welt erkunden. Pater Aegidius, der sie auf der Burg unterrichtet, versucht ihren Wissensdurst zu stillen, so gut er kann. Mit einer kryptischen Zeichnung der Weltkarte auf einer kleinen Wachstafel weckt er erst recht Agnes‘ Interesse an der Geografie. Sie will unbedingt mehr wissen, will die Welt erfahren und aufzeichnen. Doch leider ist es ihr als Tochter des Herzogs kaum möglich, die Burg zu verlassen und wenigstens die umliegenden Gegenden zu erkunden. Viel zu selten kann sie Vater und Brüder mal auf die Falkenjagd begleiten und dann ja auch nur innerhalb der Ländereien des Herzogtums.
Mit einer List und der Unterstützung ihrer gutmütigen Amme gelingt es Agnes eines Tages dann doch, in die Stadt zu kommen. Sie sollen Stoffe für Agnes‘ Hochzeitskleid aussuchen. Herzog Otto beabsichtigt, Agnes mit einem benachbarten Grafen zu verheiraten, um damit seine Machtposition in der Region zu stärken. Bei dieser Gelegenheit kann Agnes kurze Zeit entkommen und lernt den jungen Buckelkrämer Liudger kennen, dem sie gleich zugetan ist und dem sie von ihrem Traum erzählt. Mit seinen Geschichten, die er auf seinen abenteuerlichen Reisen erlebt hat, kann Liudger einiges Neues zu Agnes‘ Verständnis von der Welt beitragen. Doch das genügt ihr natürlich nicht. Gemeinsam mit Liudger will sie fliehen und die Welt kennenlernen. Der Fluchtversuch scheitert, endet für Liudger fast tödlich, nur knapp kann er den Männern des Herzogs entkommen, für Agnes endet er mit der Verbannung in ein nahegelegenes Kloster. Zunächst glaubt Agnes, es in dem Kloster nicht aushalten zu können, nach einiger Zeit aber gelingt es ihr, dank ihres Wissens und ihrer Schreibfertigkeit, im Scriptorium unter Schwester Theodora arbeiten zu dürfen. Ihren Traum von der „mappa mundi“ hat sie nicht aufgegeben. Im Kloster, so erkennt sie, hat sie Zugang zu Schriften und Codices, die ihre Vorstellung von der Welt weiter vervollständigen können. Nach und nach fasst sie Vertrauen zu Schwester Theodora und erzählt ihr von ihrer Idee einer Weltkarte, die sie gerne erstellen würde. Wider Erwarten findet sie sogar Unterstützung und darf das Projekt ganz offiziell, mit der Erlaubnis der Priorin und der Mithilfe weiterer Schwestern angehen. Dass sie noch immer an eine gemeinsame Flucht mit Liudger denkt, bleibt ihr Geheimnis. Es braucht viel länger als Agnes je gedacht hätte, um Informationen und Schriften zu bekommen, die sie einarbeiten möchte, aber sie hält an ihrem Traum fest, und auch Liudger steht fest zu ihr, auch wenn die Klostermauern sie trennen.
Ein historisch wirklich interessanter, gut recherchierter Roman mit authentisch gezeichneten Figuren, an deren Leben wir intensiv teilhaben und mit denen wir Höhen und Tiefen erleben und viel über die damalige Zeit, das Leben in einem Kloster, das Kreuzrittertum und (damals) ferne Länder erfahren. Sehr anschaulich erzählt, spannend zu lesen und ergänzt durch ein umfangreiches Glossar, Quellenverzeichnis und ein interessantes Nachwort des Autors, der als Historiker weiß, wovon er schreibt.
Hendrik Lambertus: Das Rad der Welt
Rowohlt, Mai 2026
624 Seiten, Taschenbuch, 15,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz
