
Hans-Ulrich Treichel, 73-jähriger deutscher Schriftsteller, hat einen neuen Roman geschrieben. „Das Karussell“ ist am 19. Mai 2026 im Suhrkamp Verlag erschienen.
„Das Karussell“ von Hans-Ulrich Treichel
In „Das Karussell“ von Hans-Ulrich Treichel begegnen die Leserinnen und Leser Bernhard. Bernhard ist beinahe siebzig Jahre alt und seit einigen Jahren im Ruhestand. Er war Fachhochschulprofessor für Wirtschaftswissenschaften und Politische Philosophie in Berlin. Er lebt im Stadtteil Wilmersdorf, ist von seiner Frau Elisabeth geschieden, mit der er eigentlich alt werden wollte, „aber Elisabeth war ihm nach dreißig Jahren Ehe geradezu abhandengekommen und bei einem anderen Mann gelandet.“ Die Ehe blieb kinderlos.
Bernhard ist gesund und eigentlich zufrieden mit seinem ruhigen Leben, wäre da nicht die kleine Sorge, dass er „eben doch die besten Jahre seines Lebens verschwendete“. Es kommt ihm seine Zeit in Salerno, Süditalien, zu Beginn der 1980er Jahre wieder in den Sinn und er beschließt, nach vierzig Jahren an diesen Ort zu reisen. Er möchte erkunden, wie es seinem ehemaligen Studenten Alfredo, dem Strandbad von Alfredos Vater Luciano und nicht zuletzt Alfredos Kusine Arianna, in die Bernhard ein bisschen verliebt war oder vielleicht noch immer ist, ergangen ist. Und dann ist da noch das Karussell. Ein Kinderkarussell mit Pferden, Delphinen, Schildkröten, dem Mond und einer Kutsche, das Luciano einst kaufte, um es an seinem Strandbad aufzubauen, das aber all die Jahre in einem Schuppen, zerlegt in Einzelteile, auf seine Wiederherstellung und -inbetriebnahme wartet. Bernhard weiß das, weil er all die Jahre mit Alfredo im Schriftkontakt geblieben ist, erst per Brief und Postkarte, später dann via E-Mail.
Hans-Ulrich Treichel widmet das erste Kapitel seines Romans dem Rückblick auf Bernhards Zeit als Lektor für Deutsch als Wirtschaftssprache an der Universität Salerno, die er kurz nach Ende seines Studiums in Süditalien verbrachte.
Treichel selbst arbeitete auch einige Jahre in Salerno, bevor er seine wissenschaftliche Karriere in Deutschland begann. So fügt sich Autobiografisches in den Text und in die Hauptfigur. Treichel besuchte Salerno in Vorbereitung auf den Roman erneut, so dass die Lesenden in den Genuss aktueller, nichtfiktionaler Ortsbeschreibungen kommen.
„Das Karussell“ von Hans-Ulrich Treichel ist leise, wehmütig und doch mit feinem Witz geschrieben
Im zweiten Teil des Buches ist Bernhard in Salerno angekommen. Er wandelt auf seinen alten Spuren, sitzt am Lungomare auf der Bank, kauft am Bahnhof Zeitungen und er besucht Alfredo in seinem Strandbad. Das Karussell steht aufgebaut davor und soll bald wieder in Betrieb gehen, aber es dreht sich nicht. Auch Arianna sieht Bernhard wieder. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Bernhard malt sich ein Leben im Süden mit Arianna und mit dem Karussell aus. Doch dann kommt es anders für ihn.
Hans-Ulrich Treichels „Das Karussell“ ist ein leiser, wehmütiger und doch auch mit feinem Witz geschriebener Roman. Darin geht es um Sehnsucht, Träume, Freundschaft und die Liebe. Und es geht um den letzten Lebensabschnitt im Leben und die Zeit, die einem bleibt.
Die Figur Bernhard hat Treichel als völlig durchschnittlichen Mann mit einem durchschnittlichen Leben angelegt. Er ist kein „Tausendsassa“, sondern eher zögerlich, schüchtern und höflich. Der Süden, das Karussell und Arianna sind für ihn Abenteuer und Verheißung darauf, dass sein Leben auch anders hätte sein können oder immerhin noch sein kann. Aber es ist, wie es ist.
Hans-Ulrich Treichel schreibt gelassen, in kurzen, klaren Sätzen:
„Die Tür öffnen, Arianna hereinlassen, sich umarmen, die Welt vergessen. So ungefähr. Träume eines alten Mannes, träumen war ja nicht verboten. Das Vergangene verging nicht. Zumindest solange man lebte. Das Entgangene offenbar auch nicht.“ (S. 138)
Er entfaltet das Leben und die Gedanken seiner Figur mit Sympathie und Wohlwollen. In seiner Geschichte steckt viel Wissen und Erfahrung über Menschen und ihre unerfüllten Wünsche und Träume. Am Ende dreht sich das Karussell zwar immer noch nicht, aber es bleibt möglich. Bitte lesen!
Hans-Ulrich Treichel: Das Karussell
Suhrkamp Verlag, Mai 2026
202 Seiten, Gebunden, 25,- Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.