Den Titel Hinter dem Nebel darf man wörtlich nehmen. Die Konturen verschwimmen, und man kann schnell die Orientierung verlieren. Für die Doppelbödigkeit der Geschichte hat der schwedische Autor Christoffer Carlsson die Arbeit einer Autorin und zweier Autoren im Fokus. Was diese schreiben, kann eine Fiktion oder die Interpretation einer Realität sein. Es kommt auf die Perspektive an, und von diesen gibt es viele.
Mit einem Zeitsprung in den Herbst 1957 beginnt eine zunächst eigenständige Geschichte über die junge Ingrid Klinga, die nach Uppsala zieht, um sich an der Universität einzuschreiben. Aus den Nachrichten hat sie die Entwicklung des Kalten Krieges verfolgen können. Auch das Wettrüsten der Länder, unter anderem von Schweden, wurde in den Zeitungen kommentiert.
Die noch unbedarfte Ingrid, die bisher nur das dörfliche Leben kannte, glaubt bei ihrer Ankunft in Uppsala, sie durchlaufe in der großen Stadt eine Art Initiation. Doch genaugenommen sucht sie nicht das Bad in einer Menschenmenge sondern nur das einfache Leben mit Koffer und Schreibmaschine. Sie will um jeden Preis schreiben. Schon bald findet sie bei den politisch aktiven Studenten Anschluss und gerät selbst in den Fokus der Geheimdienste.
„Du warst unschlüssig, was du anziehen sollst … Du hoffst, dass die Kleidung deinen Gang verändert, dich als etwas anderes ausgibt als das, was du gewesen bist.“ (S. 81) Und dann wird Ingrids Leben durch die Verhaftung eines Freundes plötzlich gefährlich und einsam.
Eine weitere Erzählebene beginnt 2023 mit der Perspektive des Ich-Erzählers, einem Autor in der Schaffenskrise, der die Arbeit seines Freundes Johan reflektiert. Johan wollte die Biographie über die berühmte Autorin Ingrid Klinga schreiben. Die Fragen, warum Johan am Ende seiner Recherchen den Ich-Erzähler ein paar Mal vergeblich angerufen hat und dann den Freitod wählte, lassen dem Ich-Erzähler keine Ruhe. Eine fixe Idee entsteht: Wenn er die Arbeit für seinen Freund beenden würde, dann könne er sicherlich auch die Gründe seines Todes aufdecken. Verschiedene Hinweise zeigen ihm, dass hinter jeder Information neue Rätsel und Unwahrheiten stecken.
„Aber ich habe es verstanden. Zu guter Letzt. Sie hat gelacht, weil du dich so sehr geirrt hast … Weil du so dicht dran warst und doch so weit weg. Denn so ist das Leben: Wir leben Seite an Seite, zuweilen direkt nebeneinander, ohne zu verstehen, wie es für den anderen ist.“ (S. 420, 421)
Christoffer Carlsson promovierte an der Universität Stockholm Kriminologie. 2012 erhielt er als jüngster Preisträger für sein Debüt den Schwedischen Krimipreis. Inzwischen kann man von ihm drei Halland-Krimis lesen. Für den dritten Band erhielt er den Schwedischen und Skandinavischen Krimipreis.
In seinem aktuellen Kriminalroman beschreibt der Autor ein dichtes Gewebe aus unterschiedlich gelagerten Interessen, Intrigen und Machtspielen. Nichts und niemand ist einfach zu durchschauen.
Einen klassischen Kriminalroman hat Christoffer Carlsson jedoch nicht geschrieben. Sein Ich-Erzähler ist Autor, der sich mit zu vielen Fragen ungeahnten Gefahren aussetzt. Einige Lügen führen ihn zeitweise in die Irre. Dadurch, dass Christoffer Carlsson sich bei dem Aufbau einer bedrohlichen Kulisse viel Raum nimmt, wird die Lektüre zu einer tiefgründigen Geschichte über Ängste, Verzweiflung und eine trügerischen Hoffnung, die eher in das Kleid eines feinen und zugleich fesselnden Romans passt.
Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel
Aus dem Schwedischen übersetzt von Ulla Ackermann
Rowohlt Kindler, April 2026
464 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
