Mara Gold: Antike Mythen ohne Männer

Obwohl es auf dem Olymp mächtige Göttinnen gab, wurde die griechische Mythologie von Männern geschrieben. Somit unterliegt sie stets dem patriarchalen Blick. Meist wird Frauen keine eigene Geschichte zugestanden. Sie agieren entweder als Unterstützerin, Widersacherin oder Opfer von Männern. Ariadne hilft Theseus mit ihrem Faden aus dem Labyrinth des Minotaurus. Circe hält Odysseus auf ihrer Insel gefangen und verwandelt seine Schiffsbesatzung in Schweine. Die schöne Medusa wird von Poseidon in Athenes Tempel vergewaltigt – und zur Strafe in ein schlangenköpfiges Monster verwandelt, dessen Anblick den Betrachter versteinert. Täter-Opfer-Umkehr par excellence. Perseus enthauptet sie und holt sich damit seinen Thron zurück.

In der antiken Welt hatten Frauen wenig Rechte und noch weniger Aktionsspielraum. So wurden Göttinnen oder Hexen herangezogen, um Frauen beizubringen, wie „gutes Verhalten“ auszusehen hat und welch schreckliche Konsequenzen ein Abweichen von der Norm hat.

Sieben Archetypen von Frauen
Angeordnet nach „absteigender Beliebtheit“ handelt Mara Gold sieben Archetypen von Frauen in ihrem Buch ab: Hausfrau, Jungfrau, Kriegerin, Femme Fatale, Hexe, Wahnsinnige und Monster.

Sie zeigt auf, wie erstaunlich aktuell diese Archetypen auch heute noch in Serien oder Büchern verwendet werden. Nicht zuletzt durch die Ausbreitung der Incel Szene, welche sich häufig auf ähnliche Ideal- bzw. Feindbilder bei Frauen berufen. Rechte Medien verunglimpften Hillary Clinton beispielsweise während ihres Wahlkampfes als Medusa. Doch Mara Gold zeigt auch, wie sich Frauen diese Geschichten aus femininer Sicht zurückerobern, neue Lesarten aufzeigen und wie sich auch lesbische oder Transpersonen darin wiederfinden können.  

Penelope: Traumfrau der Antike
Die Hausfrau galt als das weibliche Idealbild der Antike. Zu dieser Zeit war der weibliche Körper ein Mysterium. Gesundheitliche Probleme wurden mit einer „Wanderung des Uterus“ erklärt. Dagegen half nur, zu heiraten und Kinder zu gebären, damit der Uterus an Ort und Stelle blieb… Die Traumfrau schlechthin war Penelope, Ehefrau von Odysseus. Sie hielt ihm während seiner 20-jährigen Abwesenheit die Treue, zog den gemeinsamen Sohn groß und sicherte ihrem Mann sogar die Macht, indem sie all ihre Verehrer mit einer List hinters Licht führte. Die Kategorie Jungfrau ist ein zweischneidiges Schwert. Bei Menschen war dieser Status nur bis zur (frühen) Hochzeit erstrebenswert. Es sei denn, Frau trat in den Dienst als Priesterin. Nur drei jungfräuliche Göttinnen wie die kluge Athene (dem heutigen Pendant einer Business-Woman mit Doktor-Titel),  die fürs Herdfeuer zuständige Hestia (introvertierte Stubenhockerin) und die toughe Jagdgöttin Artemis (Powerfrau & Feministin), erlangten ohne Ehemann und Kinder Ansehen und Macht.

Zweischneidig: Amazone & Femme Fatale
Noch zweischneidiger wird das Frauenbild bei den Kriegerinnen, die einerseits gefürchtet, andererseits heimlich bewundert wurden. Weil es nicht sein durfte, dass Frauen auf Augenhöhe in Männerdomänen vordrangen, sprachen die Geschichtsschreiber ihnen weibliche Attribute ab. Beispiel: Die Amazonen, die sich eine Brust abschnitten, um besser schießen zu können.
Spätestens ab der Femme Fatale driftet die Frau nach und nach ins Feindbild ab. Erst in der Neuzeit ist dieser Frauentyp als anziehende Verführerin (nicht zuletzt durch Vampirromane oder den Film Noir) bekannt. In der Antike galt sie als Warnung an alle Männer. Beispiele sind Helena von Troja und Aphrodite, die beide auf ihre Art zum schlimmsten Krieg der alten Welt – dem Trojanischen Krieg – beigetragen hatte.

Von Männern zu Monstern gemacht
Ob Hexe, Wahnsinnige oder Monster – diese Frauen wurden oft erst durch Männer zu solchen gemacht. Die Zauberin Medea half Jason durch ihre Kräfte, das goldene Vlies zu stehlen. Zurück in seiner Heimat, lehnten Jasons Landsleute Medea aufgrund ihrer Kräfte ab. Jason trennte sich, Medea tötete aus Zorn die gemeinsamen Kinder plus Jason samt neuer Ehefrau. Wenn sich ein Gott in eine schöne Jungfrau verguckte, war sie verloren. Wies sie ihn ab, rächte er sich auf grausame Weise, indem er sie in ein Monster verwandelte oder mit einem Fluch belegte.  So geschehen bei der trojanischen Königstochter Cassandra, deren Weissagungen niemand Glauben schenkte.  Wurde die Frau von einem Gott überlistet oder vergewaltigt,  übernahm die eifersüchtige Ehefrau Hera (oder eine andere beleidigte Göttin) den Part der Bestrafung. Medusa ist hierfür das beste Beispiel.

Feministisches Empowerment
Mara Golds Buch punktet mit einem unglaublich detaillierten Stammbaum weiblicher Gottheiten. Das „Who is Who“ dient als Übersicht und Nachschlagewerk. Daneben verweist Mara Gold auf Göttinnen anderer Kulturen wie die nordischen Walküren oder die Maori-Göttin Kurangaituku. Sie zeigt, warum diese Archetypen immer noch präsent sind, sich aber im Laufe der Zeit weiterentwickelt haben und heute neu bewertet werden. Dies zeigt der feministische Leitsatz „Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet.“ (S. 229) Insbesondere Feministinnen identifizieren sich heute gerne mit all den Frauenfiguren, vor denen die Mythologie warnt: den Kriegerinnen, Hexen, Unangepassten, Selbstbestimmten. Damit trifft Mara Golds Sachbuch den Zeitgeist, wie bereits andere Bücher dieser Kategorie zum Beispiel Natalie Haynes‘ „Stone Blind“ oder „A thousand ships.“ Einfach mal den Blickwinkel ändern. So wird aus der Antike ein feministisches Empowerment!

Mara Gold: Antike Mythen ohne Männer.
Aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Stein.
Dumont, April 2026.
240 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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