Ist dies ein Sachbuch, das uns trotz Klimawandel, Diversitätsverlust und Artensterben endlich ein wenig Mut machen könnte? Das ist es in der Tat. Bernhard Kegel schafft es auch in seinem neuesten Werk wieder einmal, Wissenschaft verständlich zu erklären. Er beleuchtet Gefahren, Fakten, Chancen und schafft es dabei, diese ausgewogen darzustellen. Seinen Fokus lenkt er auf ein Thema, welches bislang kaum in den Medien präsent ist. Ob in Korallenriffen, in der Savanne oder den Urwäldern – manche Arten vollziehen im Stillen evolutionäre Schritte, um sich den von Menschen gemachten Katastrophen anzupassen. Das liest sich superspannend. Und zeigt uns: Wenn die Natur es schafft, sich so clever zu verändern, dann sollten wir Menschen erst recht dazu in der Lage sein. Ansonsten wären Grillen, Echsen und Elefanten (Bakterien sowieso) um ein Vielfaches klüger als wir!
Mensch verändert Ökosysteme
Es gibt kaum ein Ökosystem, das der Mensch nicht verändert hat. Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen, vor allem in den Meeren. Er schleppt fremde Arten in neue Habitate ein, die dort für allerlei Probleme sorgen. Er zerstört Lebensräume, verschmutzt die Umwelt, macht durch Pestizide ganze Ökosysteme platt. Zudem bringt er Arten durch intensive Jagd an den Rand des Aussterbens. All dies führt zu einem Selektionsdruck, welcher diejenigen belohnt und zur Fortpflanzung bringt, die sich besser auf die Bedrohungen einstellen können.
Probleme durch Invasionen & Umweltverschmutzung
All das belegt Bernhard Kegel mithilfe erstaunlicher Beispiele. Pazifische Feldgrillen auf Hawaii verstummen und verzichten auf ihr traditionelles akustisches Brautwerben. So schützen sie sich vor den eingeschleppten, parasitär lebenden Fliegen, die auf Töne reagieren. In England haben sich seit der Industrialisierung und der damit einhergehenden Luftverschmutzung schwarze Exemplare des ansonsten weißen Birkenspanners entwickelt. Indem die Schmetterlinge ihre Farbe den rußgeschwärzten Stämmen anpassen, bleiben sie für ihre Fressfeinde weiterhin unsichtbar. Guppys verändern ihre Färbung, Leguane verändern die Größe und Beschaffenheit ihrer Zehen.
Jagd als größter Selektionstreiber
Ein großer Selektionstreiber ist die Jagd. „Verglichen mit natürlichen Anpassungen, führt die Jagd 300-mal schneller zu einem phänotypischen Wandel der ausgebeuteten Arten, egal ob es sich um Fische, Huftiere, Wirbellose oder Pflanzen handelt.“ (S. 124). So werden in Afrika vermehrt Elefanten ohne Stoßzähne geboren. Aufgrund des fehlenden Elfenbeins sind sie für Jäger uninteressant. Hingegen wird der Kabeljau immer kleiner, damit er durch die Fangnetze hindurchschlüpfen kann. Solche Anpassungen erfolgen innerhalb weniger Generationen!
Negative Folgen – auch für uns Menschen
Doch jede Anpassung hat auch negative Seiten. Und beim Beispiel Elefanten zu bleiben – meist werden junge, starke Männchen mit starkem Hornwachstum getötet, noch bevor sich diese ihre Gene weitervererben können. Damit verschwinden allerdings nicht nur die Anlagen zum schnellen Hornwachstum, sondern auch bestimmte Krankheitsresistenzen aus dem Genpool. Zweites Beispiel: Wenn Blüten durch fehlende Bestäuber plötzlich zur Selbstbefruchtung übergehen, verlieren sie all das, was sie für uns Menschen so schön macht: Farben, Formen, Düfte, Muster. Die Natur versucht, sich anzupassen. Das Ergebnis könnte uns allerdings nicht gefallen.
Ebenso ist nicht jede Anpassung aus Sicht des Menschen begrüßenswert. Ersichtlich anhand der Überlebenskünstler schlechthin – den Bakterien. Dazu liefert Kegel erschreckende Zahlen über multiresistente Keime, die jedem Antibiotikum einen Schritt voraus sind.
Evolviert der Mensch?
Schließlich offenbart das erstaunliche Sachbuch, das auch unsere menschliche Evolution keinesfalls abgeschlossen ist. Der Mensch, der von Afrika ausgehend den Globus erobert hat, hat sich seinem jeweiligen Habitat angepasst, was sich in der Vielzahl der Ethnien und Erscheinungsbilder erkenntlich zeigt. Da durch den Klimawandel Tiere ihre Form verändern (Verringerung der Körpergröße bei gleichzeitigem Größenwachstum von Extremitäten zur Kühlung), was bereits bei zahlreichen Vogelarten nachgewiesen wurde, könnten auch Menschen in Zukunft wieder kleiner werden und dafür beispielsweise größere Nasen ausbilden, um besser mit der Hitze zurecht zu kommen.
Sachbuch zum Staunen und Mut machen
Bernhard Kegel versteht es in diesem Sachbuch erneut vorzüglich, sowohl erschreckende Fakten und mutmachende Hoffnungsschimmer einzubringen. Seine vorgestellten Tierarten wachsen uns beim Lesen ans Herz – weshalb sein Buch Ausgestorbene Tierarten der Rezensentin sogar ein paar Tränen abverlangt hat. In Ausgestorben, um zu bleiben stellt er dar, wie es die Dinosaurier geschafft haben, in Form von Vögeln zu überleben. Der Biologe, Chemiker, ökologische Gutachter und Wissenschaftsautor hat für seine Sachbücher zahlreiche Preise erhalten. Zum Beispiel für seine wegweisenden und mutmachenden Werke wie Die Natur der Zukunft und Mit Pflanzen die Welt retten. Letzteres Buch wurde 2025 für den deutschen Sachbuchpreis nominiert.
Fazit: Der Überlebenswille dieser Tierarten ist erstaunlich. Hätte die Menschheit denselben Willen zur Veränderung, gäbe es auf dem Planeten wohl keine Probleme mehr… Ein smartes, unterhaltsames, intelligentes und vor allem staunenswertes Sachbuch.
Bernhard Kegel: Rettung durch schnelle Evolution.
DuMont, Juni 2026.
288 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
