
Zum Inhalt
Die Teenagerin Emma kommt mit der neuen Freundin ihres Vaters nicht gut zurecht, daher vertraut sie sich dem Chatbot ChatGPT an. Gerade die „sassy“ (d.h. freche) Version nutzt sie fortan ständig. „Blue“ – so Emmas Name für den Chatbot – hilft ihr nun nicht mehr nur bei den Hausarbeiten, sondern auch, um sie aufzumuntern und soziale Situationen zu meistern. Die technische KI wird für sie zunehmend eine Freundin und soziale Stütze.
Die Handlung des Romans basiert auf einem realen Experiment des Tochter-Vater-Autorenduos: sie haben mit ChatGPT gechattet und sich dabei als ihren Buchcharakter Emma ausgegeben. Dabei haben sie auch die Sassy-Version genutzt. Die Antworten der KI sind im Buch teils wörtlich, teils gekürzt eingebaut. Damit ist das Buch ein Mix aus Fiktion und Dokumentation eines Experiments.
Positive Kritik
Ein hochaktuelles Thema, gerade in Zeiten von nahezu unerreichbaren Therapieplätzen. Doch kann KI menschlichen Kontakt ersetzen? Die Antwort lässt sich bereits erahnen: Nein.
Wie die Inhaltsangabe bereits vermuten lässt, ergeben sich aus Emmas „Beziehung“ zu Blue einige Probleme. Emma vertraut der KI immer mehr und übernimmt auch deren Ratschläge unreflektiert. Die Auswirkungen dessen verdeutlichen, dass Kinder und Jugendliche kein Verbot von KI, sondern Aufklärung und Medienkompetenz brauchen. Auf die realen Teenager-Probleme und -Themen kommen nur maschinelle, repetitive Antworten auf Basis von Statistiken mit ständiger Zustimmung. Statt emotionaler Nähe, Empathie und echter Menschenkenntnis orientiert sich Emma an gekünstelten Antworten einer Maschine. Dabei thematisieren die Autoren auch das Suchtpotenzial von KI. Gerade die Vorschläge für weitere Prompts, schnelle und dauernde Erreichbarkeit verleiten zu einer häufigen Nutzung von Chatbots. Bei Emma entsteht so eine zunehmende Abhängigkeit von Blue.
Emma zu Blue: „Ich muss dir was erzählen.“ Dann redet und redet sie, als sei Blue ihre beste Freundin und nicht nur eine Assistentin aus lauter Einser und Nullen. (…) Emma las und las. Die Zeilen auf dem Handy füllten sich wieder und wieder. Blue war ganz in ihrem Element, ganz nah bei Emma.
Die Selbstverständlichkeit der ständigen Nutzung und das Vertrauen, das Emma Blue entgegenbringt, wirken zunehmend gruselig auf den Leser. Das Kuriose: Blue ermuntert Emma, sie selbst zu sein. Doch Emma verlässt sich bereits in vielen Alltagssituationen auf Blue. Dementsprechend stellt sich die Frage, in welchem Maße KI-Nutzung für Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung angemessen ist. Eigenes Selbstvertrauen, Menschenkenntnis, soziale Normen und Verhaltensweisen kann eine KI nicht wirklich vermitteln, im schlimmsten Fall sogar beeinträchtigen.
Negative Kritik
Mehr Hintergrundinformationen zur Verwendung von KI für die Recherche bzw. Einbindung der KI-Antworten im Buch wären wünschenswert. So wäre es z.B. interessant, ob der Prompt von Emma in der Geschichte ebenso von den Autoren für die Generierung der Antwort genutzt wurde. Auch auf den Aspekt des Datenschutzes und dessen Auswirkungen hätte m.E. noch mehr eingegangen werden können.
Fazit: Theisens verdeutlichen die Nachteile von KI als sozialen Begleiter in einer spannenden Geschichte, gehen dabei auch auf Nebeneffekte ein. „Kennst Du mich?“ ist ein spannendes und wichtiges Jugendbuch am Puls der Zeit für alle Altersgruppen. Leseempfehlung!
Manfred & Emilia Theisen: Kennst Du mich?
cbt, Juli 2026
256 Seiten, Softcover, 10,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Kati Szangolies.