Die Schriftstellerin Valeria Luiselli wurde 1983 in Mexiko geboren. Heute lebt und arbeitet sie in New York. In ihrem letzten Roman „Archiv der verlorenen Kinder“ (2019) beschreibt sie eine amerikanische Mittelklasse-Familie, die Zeuge eines Flüchtlingsdramas von Kindern aus Zentralamerika und Mexiko wird. Am 14. August 2026 ist ihr neuer Roman „Anfang Mitte Ende“ im Rowohlt Verlag erschienen. Brigitte Jakobeit hat ihn aus dem Englischen übersetzt.
„Anfang Mitte Ende“ gliedert sich in vier Teile, die nach den Mittelmeerwinden Levante, Ponente, Scirocco und Mistral benannt sind. Wobei die ersten drei Teile den Roman bilden und der letzte Teil so etwas wie einen Anhang mit Material (Prima Material) wie Postkarten und Polaroids darstellt. Am Ende des Buches gibt es einen QR-Code hinter dem sich Tonaufnahmen verbergen.
Mutter und Tochter auf der Suche nach einem Neuanfang
Nach einer anstrengenden Trennung und einer Lesereise durch Europa reisen eine Mutter und ihre Tochter nach Sizilien, das Herkunftsland der Groß- bzw. Urgroßmutter der beiden Protagonistinnen. Die Mutter und Ich-Erzählerin in dem Roman ist Schriftstellerin und sucht einen Neuanfang. Die Tochter ist kurz vor dem Teenageralter und sehr klug und belesen. Sie kommen in der Wohnung eines Pianisten in Catania unter, mit dem die Mutter eine Affäre hat. Der Pianist, der im folgenden „Der Tourist“ genannt wird, befindet sich auf Konzertreise. Mit dabei führen Mutter und Tochter ein Mosaik mit einer Szene aus dem Proteus-Mythos , das die (Ur-) Großmutter einst ausgrub und mitnahm. Auch auf ihre Flucht von Sizilien nach Mexiko vor beinahe hundert Jahren. Die Tochter der Schriftstellerin beschließt, dass das Mosaik an die Ausgrabungsstätte, die Villa Casale auf Sizilien, zurückgegeben werden muss. Der Vulkan Ätna ist aktiv und der Levante, der warme, mäßige Ostwind weht. Mit der (Groß-) Mutter in Mexiko-Stadt, die sich in einer radikalen Umweltgruppe engagiert, stehen die beiden per E-Mail oder Sprachnachrichten in Kontakt. Die Ich-Erzählerin befürchtet eine beginnende Demenz bei der Mutter und gibt ihr kleine Übersetzungsaufträge, um der Krankheit entgegenzuwirken. Luiselli erzählt in „Anfang Mitte Ende“ die Geschichte von vier Generationen Frauen.
Als der Pianist zurückkehrt und sich gleichgültig und gewalttätig verhält, ziehen Mutter und Tochter weiter, nicht ohne ein paar Bücher des Pianisten mitgehen zu lassen. Der Gegenspieler des Levante, der Ponente weht aus Westen. Sie besuchen die Villa Casale, die ein Museum ist, und den Geburtsort der (Ur-) Großmutter Philosophiana, der nicht mehr existiert. Sie geben das Mosaik nicht zurück. Bei einem alten Freund der (Groß-) Mutter, Vito, in Poscello können sie wohnen. Waldbrände und Lauffeuer wüten auf Sizilien. Vito bereitet ein altes Boot vor, um vor den Flammen fliehen zu können. Der Scirocco bläst, die Aktivitäten der Vulkane nehmen zu, die Lava fließt. Mutter und Tochter wollen das Proteus-Mosaik an den Ursprungsort des verwendeten Materials nach Tunesien bringen.
Valeria Luisellis „Anfang Mitte Ende“ ist ein faszinierendes und herausforderndes Buch
Valeria Luiselli hat einen anspruchsvollen Schreibstil und eine wunderbare bildliche Sprache:
„Der Morgenwind jagt kleine Wolken vor sich her: Die Insel ist in ständiger Unruhe, ihr Himmel in Bewegung. Ich betrachte das Gesicht meiner Tochter, auf dem sich das wechselnde Licht draußen spiegelt. Die Konturen ihrer Nase und Stirn mal warm und gelb, mal blaugrau, mal grau, entsprechend den Wolken, die vorüberziehen und die Sonne zeitweise verdecken. An manchen Tagen scheint die Zeit schneller zu vergehen, als beschleunigten die Winde und das wechselnde Licht ihr Tempo.“ (Seite 126)
Ihre philosophischen und mythologischen Exkurse verraten Wissen und Kenntnis der klassischen griechischen und römischen Literatur. Für mich als Leserin wird dies zuweilen zu intellektuell und überfordert mich. Dann hilft mir Luisellis poetische Ausdrucksweise weiter zu lesen. Zum Glück erklären sich die fettgedruckten Randnotizen neben den Textabschnitten durch den letzten Teil der Geschichte, in dem die Tochter zur Erzählerin wird. Ansonsten hätte ich sie mir nicht erklären können. Die Tochter der Ich-Erzählerin spielt im Roman eine große Rolle. Sie treibt die Handlung voran. Und ist doch noch ein Kind, dem ich so viel Lebensweisheit einfach nicht abnehmen kann.
Dennoch: „Anfang Mitte Ende“ ist ein Loblied auf die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern und die Liebe zwischen ihnen. Valeria Luiselli erzählt von Mutter und Tochter, die sich auf die Reise zu ihrer Herkunft, zu ihrem Anfang, machen. Sie erleben das „Chaos“ der Gegenwart und finden einen Weg in die Zukunft als Familie. Luiselli verschmilzt Erinnerungen, Wirklichkeit und Fiktion zu einer Familien-Geschichte, die anrührt. Kultur, Natur, Bildung und Wissen bilden den Kosmos der Erzählung. Nicht immer leicht zu lesen und zu verstehen.
Valeria Luisellis „Anfang Mitte Ende“ ist ein faszinierendes, herausforderndes Buch, zu dem vielleicht nicht jede Leserin bzw. jeder Leser Zugang finden wird.
Valeria Luiselli: Anfang Mitte Ende
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Rowohlt, August 2026
368 Seiten, Hardcover, 26,- Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
