Allen Levi: Theo in Golden

Theo, 86, geboren in Portugal, offensichtlich wohlhabend, lässt sich für ein Jahr in Golden nieder, einer fiktiven Stadt im amerikanischen Süden. In einem Café hängen 92 Bleistiftporträts von Einwohnern Goldens, die ihn wegen ihrer künstlerischen Perfektion und der Meisterschaft, mit der der Künstler die Persönlichkeit dieser Menschen herausarbeitet, faszinieren. Und dann setzt er eine spontane Idee um: Er will alle 92 Porträts kaufen und den Porträtierten schenken.

Theo mietet ein Apartment, freundet sich mit einigen Einwohnern an, und trifft regelmäßig an einem Brunnen in der Stadt Menschen, denen er die Bilder überreicht und mit ihnen redet. Und damit ihr Leben zum Positiven wendet, ob es sich um eine in ihrem Beruf unglückliche Wirtschaftsprüferin, eine Obdachlose, einen hochbegabten Musikstudenten oder um einen Hausmeister handelt, dessen Tochter schwer krank und schlecht versorgt im Krankenhaus liegt.

Theo ist einfühlsam, respektvoll und ein guter Zuhörer und Beobachter. Schnell öffnen sich die Menschen ihm gegenüber, enthüllen ihre Geheimnisse, ihre Sorgen und Ängste, und er versteht es, ihnen entscheidende Impulse zu geben. Manchmal wird er zum anonymen Wohltäter. Theo ist überzeugter Christ, was zunächst nur angedeutet und dann in immer häufigeren biblischen Bezügen untermauert wird. Aber Theo/Levi predigt nicht. Eher geht es darum, zu zeigen, dass Glaube allein nicht reicht. Nicht Worte zählen, sondern Taten. Und Theo ist ein liebenswürdiger, herzensguter Mensch, dem es Freude macht, Freude zu bereiten.

Zunächst sind viele Menschen skeptisch, weil sie unlautere Motive hinter seinem Projekt vermuten. Auch die LeserInnen fragen sich, warum er das tut, und wer dieser Theo eigentlich ist, der so wenig über sich preisgibt. Doch das gerät schnell in den Hintergrund. Die Übergabe der Bilder und die Gespräche mit den Beschenkten bilden den Kern der Geschichte. Und so überwiegen die herzerwärmenden Szenen. Insofern ist Theo in Golden ein echtes »Wohlfühlbuch«.

Levi legt ein gemächliches Erzähltempo vor; man könnte sagen, dem Alter des Protagonisten angemessen. Im Laufe der Lektüre macht sich allerdings das völlige Fehlen eines Plots bemerkbar. Konflikte gibt es im Leben der einzelnen Menschen, nicht aber einen zentralen Handlungsstrang. In diesem Zusammenhang steht allein die Frage nach Theos Vergangenheit. Seine wahre Identität und der Grund, warum er nach Golden gekommen ist, werden erst ganz am Ende des Romans in Form von Briefen enthüllt.

Bis dahin wiederholt sich die zentrale Szene: Theo kauft ein Porträt, trifft sich mit einer Person, redet mit ihr/ihm und tut Gutes. Er kauft ein Bild, trifft sich … usw. Dazwischen erfahren wir, wie sich das Leben der Beschenkten verändert, und lauschen Gesprächen mit einem Buchhändler, einem Cafébesitzer oder seinem Vermieter, in denen zwar über verschiedene Themen gesprochen wird, allerdings stets mit dem Ziel, Theos Charakter ein ums andere Mal, man muss leider sagen, überzubetonen. Ein paar Kürzungen, vor allem im sich hinziehenden Mittelteil, hätten weder der Erzählung noch der Botschaft geschadet.

In jedem Roman gibt es unvermeidlicherweise eindimensionale Figuren. Hier trifft dies auch auf den Protagonisten zu. Wandel gab es in seiner Vergangenheit, aber davon erzählt der Roman, von einer Rückblende abgesehen, nicht. Theo hat eine »sanfte Stimme« und »gütige Augen« (was wieder und wieder erwähnt wird), ist stets höflich und respektvoll, bescheiden und selbstlos, ehrlich interessiert und einfühlsam, und natürlich offenbaren sich ihm sämtliche Menschen bereits bei der ersten Begegnung, nach dem ersten Blick in seine Augen und wegen seiner klugen Worte. Und jedes Mal trifft er bei der Einschätzung der Menschen den Nagel auf den Kopf. Zudem erkennt er in seinen Mitmenschen unentwegt Engel und potenzielle Heilige – wobei er selbst immer mehr als die Inkarnation der Nächstenliebe erscheint und an einer Stelle endgültig zur Jesusfigur wird. Das ist, für meinen Geschmack, buchstäblich etwas zu viel des Guten.

Von diesen kleinen Einschränkungen abgesehen, ist dieses Buch absolut lesenswert, eben weil es eine wunderschöne Geschichte erzählt, weil es positiv stimmt und den Glauben an das Gute im Menschen zurückgeben oder bestärken kann. Es ist ein Buch über Kunst und Künstler und die Zufälligkeit des Erfolgs, über das Leid der Missachtung und die Bedeutung von Freundschaft. Und vor allem ist es ein Plädoyer, offener unseren Mitmenschen gegenüber zu sein, sie genauer anzusehen, ihnen besser zuzuhören, ihnen über alle Unterschiede hinweg näherzukommen. Kein schlechter Rat in einer Zeit der Bilderfluten, photogeshoppter Images und einbetonierter Fronten.

Eingefleischte Pessimisten werden diesen Roman banal und naiv, Zyniker werden ihn angesichts lauter liebenswerter Menschen und Theos heiligengleicher Persönlichkeit unrealistisch, wenn nicht verlogen nennen. Aber ich bin überzeugt: Wer die Hoffnung auf das Gute nicht verloren hat und die Menschen liebt, wird auch dieses Buch lieben.

P.S.: Wie schon das zuletzt besprochene Buch, erschien auch Theo in Golden zunächst im Selbstverlag, bevor es nach der überwältigenden Reaktion der Leser jetzt auch einen deutschen Verlag gefunden hat. Und das völlig zu Recht.

Allen Levi: Theo in Golden.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Robben.
Piper Verlag, Sept. 2026.
480 Seiten, Hardcover, 26,00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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