In diesem stimmungsvollen Familienroman begeben wir uns mit der Protagonistin auf Zeitreise.
Anna, Gärtnerin aus Leidenschaft, kümmert sich um ihre an Demenz erkrankte, sehr betagte Großmutter, um ihre Mutter zu entlasten, die die Pflege in den letzten Wochen übernommen hatte. Sie tauschen sozusagen die Plätze. Anna hatte immer ein sehr inniges Verhältnis zu Letitia, ihrer Großmutter, dennoch weiß sie ziemlich wenig über Letitias Kindheit und Jugend. Als die Großmutter eines Tages immer wieder von einer Sagrada und in ihren Träumen auch noch spanisch spricht, will Anna mehr wissen. In einer alten Holzschachtel findet sie ein vergilbtes Rezeptbuch, geschrieben in Spanisch, außerdem edle Leinentischwäsche mit den Initialen SV. Anna begibt sich auf Spurensuche.
Ihr Weg führt sie von der Schweiz in den Süden Spaniens, nach Alicante, wo sie auf die Turròn-Vidal-Manufaktur stößt und auf die Geschichte von Sagrada Blasco und José Vidal, die sich 1930 ineinander verliebten. Ein bisschen wie Romeo und Julia, die Familien waren verfeindet. Der Grund des Streits war eine Mandelplantage, die sowohl Sagradas Vater Don Esteban als auch Josés Vater besitzen wollten. Mandeln waren die Grundlage ihres Geschäfts – bei den Blascos zur Herstellung von Marzipan, Mazapán, bei den Vidals für ihr berühmtes Turròn. Beide Firmenchefs warfen sich gegenseitig vor, den anderen mit den Auseinandersetzungen über die Plantage fast in den Ruin getrieben zu haben. Eine Liebe zwischen Sagrada und José schien unmöglich und doch haben die jungen Leute sich nicht beirren lassen und um ihre Liebe gekämpft. Nach und nach erfährt Anna bei ihrer Reise nach Alicante die Geschichte der Blascos und der Vidals, das Rezeptbuch öffnet ihr die Türen der Vidals. Carlos, der Juniorchef weiht sie in die Geheimnisse des Turròn ein, zeigt ihr die Mandelplantagen, die Geschäfte der Familie, erklärt ihr die Herstellung – ganz wie 1930 José mit Sagrada.
Es bleibt natürlich nicht aus, dass auch Anna und Carlos sich verlieben, während sie gemeinsam versuchen, das Leben der beiden Vorfahren zu rekonstruieren. Mit Hilfe noch lebender Zeitzeugen gelingt das auch recht gut, und sie erfahren vom schrecklichen Schicksal, das die damals jungen Eheleute Sagrada und José im spanischen Bürgerkrieg erleiden mussten, nachdem sie es geschafft hatten, ihre Liebe zu leben, ihre Familien wieder zu versöhnen, was mit der Geburt ihrer Tochter Letitia gelungen war.
Die Ereignisse während des Krieges erklären auch, wie Letitia überhaupt in die Schweiz gekommen ist und warum sie nie wieder in Spanien gewesen ist.
Ein berührender, emotionaler, zeitgeschichtlich durchaus interessanter Familienroman, der vom Duft von Marzipan und Mandelblüten, der spanischen Sonne, dem nahen Meer und der Herzlichkeit der handelnden Personen lebt. Ein altes Rezeptbuch als Grundlage einer spannenden Zeitreise. Eine tragische Liebesgeschichte, die viele Jahrzehnte später eine Fortsetzung findet.
Eva Maria Bast: Das Mandelblütengeheimnis
Ullstein, April 2026
336 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
