Christiane und ihre Freundin kennen sich seit ihrer Studienzeit Ende der achtziger Jahre. Sie werden beste Freundinnen, lernen die russische Sprache und die russische Literatur lieben. Sie bereisen die Sowjetunion über viele Jahre. Dabei erlebt vor allen Dingen die Erzählerin Christiane, die in Russland viele Jahre lebt, als Journalistin arbeitet, dort auch heiratet, wie sich das politische Leben durch den Fall des Eisernen Vorhangs verändert. Sie teilte die Hoffnung der russischen Bürger auf echte Demokratie und ein friedliches Europa.
Währenddessen schreibt ihre Freundin ihre Doktorarbeit, um danach an der Universität wissenschaftlich zu arbeiten. Sie heiratet einen russischen Künstler und organisiert für ihn Ausstellungen.
Die Autorin Christiane Hoffmann arbeitet ebenfalls als Journalistin, ist politisch aktiv in ihrer Eigenschaft als Osteuropa-Expertin. Nach ihrem erfolgreichen Buch über die Flucht ihres Vaters widmet sie sich in ihrem aktuellen Buch einem weiteren persönlichen Thema. Es handelt vom Scheitern und Schuldgefühlen.
Parallel hierzu schreibt sie über das politische Scheitern und warum Putins Krieg unvermeidbar wurde. Sie verknüpft zwei unterschiedliche Erzählstränge, die nur wenige inhaltliche Verknüpfungen haben. Auf der einen Seite steht auch hier das Scheitern auf der politischen Ebene im Vordergrund und auf der anderen Seite der Zeitpunkt des Kriegsausbruches und der Tod ihrer Freundin. Insgesamt stehen beide Erzählstränge inhaltlich jedoch für sich.
Als Journalistin verfolgte Christiane Hoffmann, wie und warum politisch Verantwortliche nicht in der Lage waren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit allen beteiligten Ländern ein friedliches Europa aufzubauen. Ihre persönlichen Erfahrungen hierzu sind extrem spannend zu lesen und erklären anschaulich, warum die Ukraine in einen Zerstörungskrieg mit Russland geraten musste.
In diese Beschreibungen sind ihre persönliche Biografie und Karriere sowie ihre Freundschaft zu einer Studienkollegin eingebettet. Ihr unvermeidbarer Tod und der Angriff auf die Ukraine betrachtet sie unter dem Leitmotiv: Warum haben wir nicht gehandelt? Warum haben wir … nicht gesehen, dass …? Warum?
Im Nachhinein lässt sich bekanntlich viel erklären, doch wenn man in Ereignissen fest eingebunden ist, kann die Perspektive nur eine andere sein, eine der scheinbaren Notwendigkeit. In einer Szene beschreibt Christiane Hoffmann, wie in Sitzungen immer häufiger über Deutschlands Energiesicherheit und mögliche Flüchtlingsströme verhandelt wird. „… Während wir um Organigramme feilschen, geht die Welt unter. Fassungslos, ahnungslos, ratlos. … In einer Sitzung fragt jemand: Könntet ihr den Krieg bitte verhindern? Die Antwort: Darf ich erst meine Suppe essen?“ (S. 294)
Christiane Hoffmanns Buch ist ein besonderes Buch über das Wie, das Warum und die „gescheiterten“ Träume, die wir hatten. Für politisch Interessierte unbedingt lesenswert.
Christiane Hoffmann: Die Träume, die wir hatten: Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich.
C.H.Beck-Verlag, Juli 2026
300 Seiten, Hardcover, 26,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
