„Leben lässt sich nicht vollständig erzählen; es bleibt Stückwerk“, schreibt der Autor in seinem Nachwort. Und er fährt fort: „Ich bin kein Historiker. Ich erzähle Geschichten. Aber solche Ereignisse (Anm.: die Explosion des Kalvarienberges in Prüm 1949) … verschwinden nicht. Sie wirken fort, verändern Haltungen, kehren in anderer Gestalt zurück. Vielleicht erklärt sich daraus meine Aufmerksamkeit für das Fragmentarische … für das Schweigen zwischen den bekannten Fakten.“
Holunderholz – was für ein schönes Wort! Und nicht nur das: Aus dem harten Holz des Holunderbaumes lässt sich eine Flöte schnitzen: „Wenn man hineinbläst, klingt es nicht wie ein Instrument. Es klingt eher, als würde etwas antworten.“ Es ist ein Mädchen, eine junge Frau, kaum der Sprache mächtig, die auf dem Hollerholz ihre Version der Geschichte lebendig werden lässt.
Der seit vielen Jahren bekannte Autor aus der Eifel, Norbert Scheuer, erzählt in seinem neuen, seinem elften Roman – nach dem mit dem Wilhelm-Raabe-Preis geehrten und für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagenen „Winterbienen“ (2019) – eine Geschichte, wie er sie eben erzählen kann. Auf direktem Wege geht es nicht.
Es ist ein altes Magnetophon aus den Kriegstagen des Großvaters, ein nahezu unbrauchbarer Tonträger, der erst einmal zusammengefügt, geklebt, wieder auseinandergebaut und neu zusammengesetzt werden muss, bevor überhaupt Töne, Worte, Geräusche auf den Bändern zu hören sind. Johanns soeben verstorbene Mutter hat ihm das Gerät hinterlassen mit dem Auftrag, es zu reparieren und daraus die wahre Geschichte seiner Familie herauszudestillieren. Einige Notizen von ihr liegen auch dabei, in denen sie beim Abhören der Tonspuren ihre Erinnerungen und Beobachtungen festgehalten hat. Zum Glück ist unsere Hauptfigur ein jüngerer Computeringenieur, ein Bastler qua Beruf, der auch seine Arbeitsstunden damit verbringt, Programme zu reparieren, neu aufzustellen, um sie dann teilweise zu verwerfen. Wenn er nicht in der Firma ist oder zusammen mit seinem Junggesellenkollegen – einer wahrhaft traurigen Gestalt! – auf Schulungen, bastelt er in seinem öden Appartement im 20. Stock am Magnetophon herum. Es gibt auch eine Maria, mit der er sich an einer verlassenen Kiesgrube oder in einem Autobahnrestaurant trifft, um auf jeden Fall eine Begegnung mit ihrem Mann zu vermeiden. Verloren zwischen anderen verlorenen Menschen gelingt es dem noch jungen Mann trotz Krankheit und vielerlei Tücken im Laufe von einem Jahr aus den alten Bändern zumindest einige Anfänge für die Geschichte seiner Familie herauszuhören.
Dabei ähnelt der Roman in manchen Teilen einer Detektivgeschichte, es geht um aufzuklärende Verbrechen, Verdächtige tauchen auf und verschwinden wieder, Johann fühlt sich verfolgt, eine Waffe ist im Spiel. Aber im Grunde handelt er von den Tücken des Versuchs, Vergangenem mittels der Sprache habhaft zu werden. Indem der Autor die technischen Verfahren beschreibt, mit denen sein Erzähler hantiert, erzählt er von diesem Prozess: „Die auf dem Band festgehaltenen magnetischen Feldschwankungen – winzige, ausgerichtete Magnete, die Großvaters Worte enthielten – glichen flüchtigen Spiegelungen im Eis eines zugefrorenen Flusses. Über den Umweg elektrischer Schwingungen wurden diese stummen Partikel wieder zum Leben erweckt, verwandelten sich in die vibrierenden Schallwellen seiner Stimme, als würde ein langer im Eis erstarrter Fluss wieder zu fließen beginnen.“
In Scheuers Welt stehen Mensch, Technik und Natur in enger Verbindung. Die Wolken, die Johann von seinem Balkon aus sieht, die Vögel, deren Verhalten er studiert – es sind diese minutiös festgehaltenen Beobachtungen, die Johann halten und ihm Auftrieb geben. Es ist, als ob ihm die Falken, denen seine Aufmerksamkeit gilt, näher sind als die ihn umgebenden Menschen, näher als er sich selbst. Die Vögel sind fest verankert im Kreislauf des Lebens. Er, dessen Wurzeln nichts anderes sind als Ahnungen, schlingert ziellos durch seine Tage.
Am Ende halten wir die Geschichte bruchstückhaft in den Händen, so vollständig eben, wie Flötentöne, Fahr- und andere Geräusche, knarzende Bänder, aufgeschriebene Wortfetzen, halbe Dialoge und wenige gesprochene Sätze eine Geschichte ergeben. Ohne die Vorstellungskraft des Erzählers und der LeserInnen zusammengenommen hätte auch das nicht gereicht, um sich dem Leben der Geschwister Johann und Klara anzunähern. Welche Rolle ihre Mutter Isabelle und ihr verwirrter, vom Alter gebeutelter angeblicher Zwillingsbruder Jakob darin spielen und was eigentlich ihr Vater, der Oberst Justus Arimond, bei dem der Erzähler als Kind auf dem Schoß saß, wenn dieser tagein, tagaus in seinem alten umgebauten Militärlaster auf den Fluss starrte, mit diesem zwielichtigen Freund Valentini verbindet, werden die LeserInnen mit der Zeit erahnen. Bedeutungsvoll ist dabei die Figur des von aller Welt missachteten Mädchens Rose, womöglich einer ehemaligen KZ-Insassin, der der Großvater das Holunderholz schnitzte.
Haben die beiden alten Männer, die sich offenbar nicht mit dem Ende des Krieges und der amerikanischen Besatzung anfreunden konnten, bei ihren halbseidenen Nachkriegsgeschäften die riesige Explosion herbeigeführt, die den Bunker, den Berg, den Ort sowie zwölf Menschenleben zerstört hat? Den Erzähler werden wir nicht mehr fragen können: Er verschwindet genau wie der Bruder von Klara, die dem Autor von dieser Geschichte erzählt hat, wie wir im Nachwort erfahren – wenn nicht auch dieses letzte Wort ein Teil von ihr ist…
Dieser Roman ist etwas für Menschen, die das Schwebende lieben und die wissen, „dass wir nichts wissen“, aber dem Menschen alles zuzutrauen ist.
Norbert Scheuer, Holunderholz
C.H. Beck, August 2026
Gebundene Ausgabe, 264 Seiten, 26 Euro
Diese Rezension wurde geschrieben von Franziska Hielscher.
