Fredrik Backman: Freunde fürs Leben

„Freunde fürs Leben“ ist ein Roman, der sich nicht damit begnügt, eine Geschichte zu erzählen. Fredrik Backman versucht, ein Lebensgefühl einzufangen: jene Sommer der Jugend, die endlos wirkten, das Lachen mit Freunden, das damals selbstverständlich schien und später zu etwas wird, dem man ein Leben lang nachspürt. Für mich war die Lektüre gleichermaßen berührend und herausfordernd. 

Im Zentrum stehen vier junge Menschen an einem Wendepunkt ihres Lebens. Es geht um Freundschaft, Zugehörigkeit, Selbstfindung und die Frage, wie sehr Herkunft, Erwartungen und gesellschaftliche Umstände unsere Zukunft prägen. Obwohl der Roman im Sommer spielt, ist er keine leichte Sommerlektüre. Vielmehr ist er eine Zeitreise zurück in jene Jahre, in denen alles möglich schien und sich gleichzeitig die ersten Grenzen und Abgründe auftaten. Die Handlung bewegt sich dabei auch ganz real durch verschiedene Orte und erhält dadurch den Charakter eines Roadtrips, der jedoch vor allem eine Reise zu sich selbst ist.

Typisch für Backman ist der Tonfall: emotional, manchmal schmerzhaft ehrlich, aber immer wieder durchzogen von Witz und Wärme. Gerade diese Mischung macht einen großen Teil seiner Wirkung aus. Besonders gelungen fand ich auch den Blick nach innen. Wie denken Jugendliche über die Welt? Was nehmen sie wahr, das Erwachsene längst übersehen? Welche Hoffnungen, Ängste und Verletzungen tragen sie mit sich herum? Backman nähert sich diesen Fragen mit Empathie und Ernsthaftigkeit. Seine Figuren fühlen sich an wie Menschen, die man gekannt haben könnte. 

Ein weiterer Schwerpunkt des Romans ist die Kunst. Dabei geht es weniger um Kunstwerke als um ihre Fähigkeit, Geschichten und Gefühle sichtbar zu machen. Der Gedanke, dass Kunst aus Empathie und Erzählungen entsteht, zieht sich durch das Buch. Der Autor erzeugt Bilder, die nachhallen, nicht weil sie spektakulär wären, sondern weil sie einen emotionalen Kern berühren.

Auffällig ist zudem die Rolle der Wiederholung. Bestimmte Formulierungen, Motive und insbesondere die Idee „einer von uns“ kehren immer wieder zurück. Dahinter steckt eine klare erzählerische Absicht: die Geschichte soll zeigen, wie sich Muster wiederholen und wie eng individuelles Schicksal und kollektive Erfahrungen miteinander verbunden sind. Gleichzeitig war dies für mich auch die größte Schwäche des Romans. Vor allem im ersten Drittel empfand ich die ständigen Wiederholungen als exzessiv. Sie erschweren den Zugang zur Geschichte und verlangen Geduld. Wer durchhält, wird jedoch belohnt. Die emotionale Wucht des Romans entfaltet sich erst nach und nach.

Bemerkenswert ist auch, wie schonungslos Backman Gewalt und Alkoholkonsum darstellt. Beides erscheint nicht als Provokation oder dramatischer Effekt, sondern als Ventil für Perspektivlosigkeit, Selbstwut und Zukunftsangst. Einige Szenen waren für mich schwer zu ertragen.

Mein Fazit fällt klar positiv aus, auch wenn der Weg dorthin nicht immer leicht ist. „Freunde fürs Leben“ verlangt Aufmerksamkeit und Geduld, besonders zu Beginn. Wer sich aber darauf einlässt, findet einen vielschichtigen Roman über Freundschaft, Identität und die Verletzlichkeit junger Menschen. Es erinnert daran, dass die Geschichten unserer Jugend nie wirklich vorbei sind. Die spannende Frage ist, welche davon wir mit ins Erwachsenenleben nehmen. Und welche uns bis heute prägen, ohne dass wir es bemerkt haben.

Fredrik Backman: Freunde fürs Leben
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt
Goldmann Verlag, Juli 2026
544 Seiten, Hardcover, 25,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Ada Gode.

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