Karine Tuil: Die Liebeshungrigen

Die französische Schriftstellerin Karine Tuil (Jahrgang 1972) wurde für ihren Roman „Menschliche Dinge“ aus dem Jahr 2020 mit dem Prix Goncourt des Lyceens ausgezeichnet. Am 15. Mai 2026 ist ihr neuestes Werk mit dem Titel „Die Liebeshungrigen“ in einer Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch bei dtv erschienen.

Der Roman „Die Liebeshungrigen“ von Karine Tuil ist umwerfend

Der ehemalige Präsident von Frankreich, Dan Lehman, bläst Trübsal. Er ist nach seiner Abwahl zwölf Monate zuvor nicht mehr wichtig. Er schluckt Beruhigungsmittel, trinkt und muss sich eingestehen, dass seine zweite Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda Müller gescheitert ist. Einzig seine Tochter Anna und sein Hund Nabucco scheinen ihm noch Zuneigung und Treue entgegen zu bringen, die Lehman mit echter Liebe und Herzenswärme erwidert.
Während sich der ehemalige Staatspräsident zunehmend in Selbstmitleid und Alkohol ergeht, ergattert Hilda die Hauptrolle in einem Film, der auf einem Buch von Lehmans Ex-Frau Marianne basiert. Der Film soll bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigt werden. Und im Glanz und Glitter an der Côte d’Azur eskaliert die Situation.

Karine Tuil hat sich eine illustre Gesellschaft für ihren Roman ausgedacht (wenngleich man als Lesende bei Lehman und Hilda gleich an Nicolas Sarkozy und Carla Bruni denken muss). Vom französischen Staatspräsidenten über weitere Politiker und Berater bis hin zu extravaganten Filmregisseuren, Stars und Sternchen  wirft sie ein Scheinwerferlicht auf den Politik- und Medienbetrieb in Frankreich. Sie inszeniert Spielchen, Lügen und Intrigen. Tuil lässt ihre Figuren gnadenlos Karriere machen, aber auch scheitern. In ihrem Roman blickt man tief in die Lebensabgründe der Berühmten, Schönen und Wohlhabenden, aber auch in die derjenigen, die es werden wollen. Es geht um Macht und Machtausübung. Es geht um die Beziehungen und die Liebe zwischen Männern und Frauen und was Macht und Geld darin bewirken:
„»Wer einen Machtmenschen liebt, muss wissen, dass er eines Tages dessen Ehrgeiz zum Opfer fallen wird.«“
Das erfährt Lehmans erste Frau Marianne Bassani am eigenen Leib. Karine Tuil baut Mariannes Perspektive in eigenen Kapiteln unter der Überschrift M ein. Sie ist die zweite Protagonistin des Buches. Durch ihre Augen erfahren die Lesenden mehr über Dan Lehman und wie es Marianne gelungen ist, sich aus seinem alles überstrahlenden, egozentrischen Dunstkreis zu befreien. Sie hat sich emanzipiert. Marianne hat das Buch „Mitleidenschaft“ geschrieben, in dem es um die Unterdrückung und die Gewalt gegen Frauen in der französischen Gesellschaft geht. Es erhält einen wichtigen Literaturpreis und klettert in die Bestseller-Listen. Marianne verkauft die Filmrechte an dem Buch, sichert sich aber die Mitarbeit am Drehbuch. Der Erfolg hat die Seiten gewechselt. Und nun will Lehman zurück zu ihr.
Aber zum Schluss denkt Dan Lehman auch wieder nur an Dan Lehman.

Karine Tuil schreibt großartig

Karine Tuil weiß, wie es geht. Sie hat einen umwerfenden, überzeugenden Roman geschrieben, der aus einem Stoff für die Boulevard-Medien vierhundert Seiten ganz großartige Literatur macht. Chapeau!

Karine Tuil: Die Liebeshungrigen
Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch
dtv, Mai 2026
400 Seiten, Hardcover, 25,- Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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