Lina Bengtsdotter: Waldnacht

Die Zeiten, da Kriminalkommissare ganz normale Menschen sein durften, sind lange vorbei. Die eine oder andere kleinere Schwäche oder skurrile Eigenart reicht heute nicht mehr. Mit irgendeinem Trauma, einer unbewältigten familiären Vergangenheit, wahlweise auch gerne Trunksucht, muss wohl heute jeder Ermittler, jede Ermittlerin geschlagen sein.

Bei Kommissarin Sarahkka „Sakka“ Pienni kommt es besonders heftig. Als Samin ist sie in Schweden bisweilen Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt; ihre Schwester starb als Kleinkind unter in diesem Band noch ungeklärten Umständen; die Mutter ist verschwunden, der Vater schwerer Alkoholiker. Kein Wunder, dass sie an einer bipolaren Störung leidet, die sie bisher erfolgreich nicht nur ihrem Arbeitgeber, sondern selbst ihrem Freund verschwiegen hat.

Sakka muss in einem besonders kniffligen Fall (dem ersten einer neuen Reihe von Lina Bengtsdotter) ermitteln: In Stockholms vornehmem Vorort Djursholm wird eine junge Frau, Abigail Fender, erschossen. Schnell gerät ihr Mann Gustav ins Visier, Typ reicher Schnösel, egozentrisch, Frauenheld. Doch dann gibt es noch dessen Ex-Frau Cecilia, die in einer geschlossenen Anstalt lebt, und den gemeinsamen Sohn Leon – für alle drei lassen sich Motive konstruieren und Verdachtsmomente finden.

Doch dann wird auch Leon tot aufgefunden, gestorben an einer Überdosis Heroin. Sakka findet Hinweise, die sie an einem Unfall zweifeln lassen. Selbstverständlich gibt es auch den Kollegen, der, selbstgefällig, den Fall längst geklärt und abgehakt hat: Leon hat Abigail getötet und anschließend aus Verzweiflung Selbstmord begangen.

Doch Sakka ist hartnäckig und ermittelt weiter, sucht nach Erklärungen in der Vergangenheit der Familien; schließlich machten alle (bis auf Abigail) Abitur auf demselben Elite-Internat.

Parallel zu den Ermittlungen erzählen einzelne Kapitel eine Geschichte aus genau dieser Vergangenheit, die Geschichte eines 13-jährigen Mädchens und eines Oberstufenschülers, deren Namen wir zunächst nicht erfahren. Alles deutet auf ein dramatisches Ende hin.

Auch in Sakkas Ermittlungen steigt die Spannung, nicht nur aufgrund diverser Spuren, die sie findet, sondern weil sich ihre psychische Instabilität auf ihre Arbeit auswirkt: Sakka rutscht immer stärker in eine manische Phase, da sie das Medikament Lithium abgesetzt hat, um schwanger zu werden – jedoch eher dem Freund zuliebe, denn aus Überzeugung.

Stoff genug für Verwicklungen und dramatische Entwicklungen bis zur, wie nicht anders zu erwarten, überraschenden und insgesamt schlüssigen Auflösung.

Lina Bengtsdotter erzählt im ersten Band ihrer neuen Reihe eine spannende, nachvollziehbare Kriminalgeschichte (wobei man bei dem umfangreichen Personal schon mal den Überblick verlieren kann). Wichtiger noch: Sie hat eine, mit der kleinen Einschränkung der Anhäufung persönlicher Probleme, überzeugende Kommissarin erschaffen, über deren Vergangenheit wir in den folgenden Romanen mit Sicherheit weitere Einzelheiten erfahren werden.

Lina Bengtsdotter: Waldnacht
Aus dem Schwedischen übersetzt von Sabine Thiele
Penguin, Mai 2026
368 Seiten, Taschenbuch, 17,00 €

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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