Die 17-jährige Toni ergattert einen Platz bei einem exklusiven Schreibworkshop in Schottland, geleitet von keinem Geringeren als dem berühmten, aber exzentrischen Autor Richard Giffard. Doch die anfängliche Vorfreude schlägt schnell in pure Anspannung um. Giffard lässt eine Bombe platzen: Er will sein gesamtes Vermögen dem größten Talent der Gruppe vermachen. Als ein heftiger Sturm das abgelegene Anwesen komplett von der Außenwelt abschneidet, bricht das Chaos aus. Mysteriöse Ereignisse häufen sich, und schließlich geschieht ein Mord. Toni gerät selbst ins Visier der Ermittlungen. Das Problem: Sie leidet unter Schlafwandeln und beginnt zunehmend, an ihrer eigenen Wahrnehmung und Unschuld zu zweifeln.
Hier erleben wir eine Protagonistin, die an sich selbst zweifelt.
Toni ist eine ungemein spannende und greifbare Protagonistin. Ihre tief sitzende Unsicherheit macht sie sympathisch, doch es ist vor allem ihr Schlafwandeln, das dem Buch eine psychologische Tiefe verleiht. Weil sie sich nicht an ihre nächtlichen Ausflüge erinnern kann, zweifelt sie selbst an ihrer Wahrnehmung. Das sorgt beim Lesen für eine Extraportion Nervenkitzel, da man sich nie ganz sicher sein kann, was real ist. Ein schönes Detail ist zudem die Verbindung zu ihrer Mutter, einer ehemaligen Kommissarin. Dieser familiäre Hintergrund verleiht Tonis analytischem Handeln eine glaubwürdige Basis und interessante Tiefe.
Der Schreibstil ist flüssig, locker und sehr zugänglich. Nach einem kurzen Moment der Orientierung zu Beginn, nimmt die Geschichte rasant an Fahrt auf und entwickelt sich zu einem echten Page-Turner. Die größte Stärke des Buchs liegt in seiner meisterhaften Atmosphäre: Das abgeschottete Setting im stürmischen Schottland wirkt düster, mysteriös und stellenweise fast schon klaustrophobisch. Man spürt förmlich die Isolation des Anwesens.
„Missing Page“ überzeugt durch eine durchgehend hohe Spannungskurve. Die klassische Whodunit-Kombination aus einem Unwetter, einer Handvoll Verdächtiger voller Geheimnisse und dem isolierten Schauplatz funktioniert hervorragend. Das Buch lockt geschickt auf falsche Fährten und animiert ununterbrochen zum Miträtseln. Das geschickte Spiel mit Realität und Traum durch Tonis Schlafwandeln bringt eine faszinierende, zusätzliche Ebene in die Handlung. Die Auflösung ist am Ende überraschend, bleibt dabei aber absolut schlüssig – was in diesem Genre keine Selbstverständlichkeit ist. Lediglich der Einstieg hätte einen Tick schneller auf den Punkt kommen können, doch dieser kleine Kritikpunkt verblasst schnell im Angesicht der darauffolgenden Dynamik.
Fazit: „Missing Page“ ist ein extrem spannender und atmosphärischer YA-Krimi, der klassische Thriller-Motive mit modernen Elementen verknüpft. Das Buch lädt zum Miträtseln ein, überrascht mit gelungenen Wendungen und fesselt bis zur letzten Seite. Eine klare Leseempfehlung für alle, die clevere, leicht zugängliche Spannung mit einem Hauch von Nostalgie suchen.
Katie Kento: Missing Page: Tödliche Worte
ONE, März 2026.
464 Seiten, Paperback, 17,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Katja Plattner.
