Chris Carter: Du kriegst mich nicht

Ein Thriller, der die Bezeichnung – mit wenigen Abstrichen – verdient hat. Das Cover verspricht zwar schon Hektik und Stress mit der doppelt-schattierten Frau in Rückenansicht, offenbar wegrennend, mit fliegenden Haaren, aber schon auf den ersten Seiten „rennt“ man quasi mit. Mit Samantha, deren Ehemann ihr bei seiner Verurteilung im Gerichtssaal noch Rache geschworen hat. Samantha hat Nelson hinter Gitter gebracht, wegen Misshandlung in der Ehe und Freiheitsberaubung. Warum sollte man ihr auch nicht glauben? Es gab Beweisfotos, eine Psychiaterin, bei der sie schon länger in Therapie war und die immer wieder auf blaue Flecken und kleine Verletzungen aufmerksam geworden war. Häusliche Gewalt, ganz klar. Als es Samantha dann eines Tages gelungen war, vom Badezimmer aus, in dem sie eingesperrt und an ein Abflussrohr gefesselt war, die Polizei zu rufen, wurde Nelson verhaftet. Dreizehn Jahre soll er hinter Gittern verbringen. Den Ausschlag hat letzten Endes die überraschende Aussage einer Zeugin gegeben, die in letzter Minute aufgetaucht war und sich als Nelsons Geliebte vorgestellt hatte, die ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht habe. Dreizehn Jahre, in denen Nelson zwar im Gefängnis sein würde, in denen Samantha aber auch jeden Tag auf’s Neue Angst haben müsste um ihr Leben, dessen ist sie sich gewiss. Ihr Mann hat einflussreiche Freunde, an Geld mangelt es ebenfalls nicht, er kann also bestimmt auch aus dem Gefängnis heraus agieren.

Samantha folgt dem Rat eines der Polizisten, die in dem Fall zuständig waren und nutzt die Chance eines Identitätswechsels. Sie bekommt ganz offiziell einen neuen Namen, eine neue Identität. Sie lässt sich scheiden und transferiert das beträchtliche Vermögen, das sie dadurch bekommt, auf verschiedene Banken, überall in den USA. Sie zieht um. Mary Smith wohnt immer erst mal nur wenige Monate an neuen Orten, schließt keine Freundschaften und ist auf der Hut.
Es dauert wesentlich länger als ein Jahr, bis sie glaubt, so sicher zu sein, dass sie sich in Kalifornien dauerhafter niederlassen könnte und auch wieder Kontakte zu knüpfen, nachdem sie von ihrem vorherigen Wohnort bei Nacht und Nebel geflohen ist, weil sie ganz sicher entdeckt und verfolgt worden war.

Mary fängt an, sich am neuen Ort zuhause zu fühlen. Sie schließt Freundschaften und lässt sogar zu, dass ein neuer Mann in ihr Leben tritt. Ein Mann, der sie auf Händen trägt, ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, sie verwöhnt und schließlich sogar heiraten möchte. Das war so nicht geplant. Mary wollte sich auf keinen Fall wieder verlieben, zu sehr ist sie noch immer in der Angst verhaftet. Aber sie lässt sich von Gefühlen verleiten.

Mary, die so clever ist, so intelligent und vorausschauend, so reich, dass sie sich von niemandem abhängig machen muss, lässt sich auf Quaddra ein. Und erkennt zu spät, dass sie um ihr Leben rennt. Nichts ist so, wie es bis dahin zu sein scheint!
„Der gefährlichste Ort des Verbrechens ist der menschliche Kopf“, wird der Autor zitiert. Das beweist er eindrücklich, denn auf diese abgedrehte Story muss man erstmal kommen!

Ab den ersten Seiten fühlt man mit Mary, bangt mit ihr und hofft für sie. Der Einstieg ist super spannend, dann schwächelt der Plot ein bisschen, wird stellenweise langatmig und verworren, bis er gegen Ende wieder unheimlich – im wahrsten Sinn des Wortes – Fahrt aufnimmt und den Leser mit irren Wendungen überrascht und entsetzt. Es muss nicht immer viel Blut fließen, um ein guter Krimi zu sein. Hier wird mit Nervenkitzel und Psychologie eine Spannung erzeugt, die einen dranbleiben lässt.

Chris Carter: Du kriegst mich nicht
Aus dem Englischen von Sybille Uplegger
Ullstein, Juli 2026
458 Seiten, Taschenbuch, 18,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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