Tülin Sezgin: Almanci-Mädchen: Wie ich mir Deutschsein beigebracht habe

Werden wir heimlich zu Voyeuren, sobald uns jemand einen unverstellten Blick in sein Leben anbietet? Tülin Sezgin tut genau das. In ihrer autobiografischen Erzählung „Almanci-Mädchen“ nimmt sie ihre Leser mit auf die Reise durch Kindheit, Jugend und Erwachsensein, immer auf der Suche nach ihrem Platz zwischen deutscher und türkischer Kultur.

Besonders gelungen ist dabei die konsequente Innenperspektive. Schritt für Schritt verfolgt man ihre Entwicklung und ihren Versuch, die unterschiedlichen kulturellen Prägungen miteinander zu vereinbaren. Die Autorin beschreibt ihre Erfahrungen mit Humor und Selbstironie, ohne die dahinterliegenden Fragen nach Zugehörigkeit, Identität und Vorurteile aus dem Blick zu verlieren.

Auch das Ende hat mich überzeugt. Es vermeidet einfache Antworten und verdichtet stattdessen die zentrale Erkenntnis des Buches: Identität muss nicht zwischen zwei Kulturen wählen. Die Autorin trägt beide in sich und entwickelt daraus eine eigene Haltung, die von Offenheit, Gerechtigkeitssinn und dem Widerstand gegen Rassismus geprägt ist. Das wirkt weder belehrend noch konstruiert, sondern wie eine konsequente Fortführung ihres Weges. 

Dennoch hat „Almanci-Mädchen“ meine Erwartungen nicht vollständig erfüllt. Das liegt weniger an dem, was erzählt wird, als an dem, was für mich zu sehr im Hintergrund bleibt. Der Titel legt nahe, dass auch die türkische Perspektive auf die sogenannten Almancis eine Rolle spielen könnte. Der Begriff Almanci entstand während der Gastarbeiterbewegung der 1960er und bezeichnet in der Türkei Menschen türkischer Herkunft, die in Deutschland leben und arbeiten. Es ist bis heute mit Erwartungen und Vorurteile verbunden. Wie werden die Ausgewanderten von den Zurückgebliebenen gesehen? Welche Erwartungen und Vorurteile prägen diesen Blick? Gerade hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht.

Zwar blitzen diese Aspekte vereinzelt auf, etwa wenn es um Mitbringsel aus Deutschland und die damit verbundenen Erwartungen der Verwandtschaft geht. Insgesamt bleibt dieser Blickwinkel jedoch überraschend zurückhaltend. Viele Geschichten über Migration und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen wurden bereits erzählt. Der besondere Reiz dieses Buches hätte für mich darin liegen können, die oft wenig beleuchtete Perspektive der türkischen Gesellschaft auf die Almancis stärker sichtbar zu machen. 

So bleibt für mich „Almanci-Mädchen“ vor allem eine persönliche, authentische und durchaus lesenswerte Geschichte der Selbstfindung. Wer sich für autobiografische Erzählungen interessiert, wird hier viele berührende und humorvolle Momente finden. Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn es nicht ganz das Buch geworden ist, das ich hinter seinem vielversprechenden Titel erwartet habe.

Tülin Sezgin: Almanci-Mädchen
dtv, August 2026
240 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro


Diese Rezension wurde verfasst von Ada Gode.

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