Sandra Hoffmann: Mogadischu

„Das Zelthaus verlor seine Spannung, zurück blieb ein ockergelbes Stoffgewand, darunter das Stangengerüst. Haut und Knochen.“

So fühlt sich auch Friederike, die 11-jährige Protagonistin des neuen Romans der Münchner Autorin Sandra Hoffmann. Als sei nur noch ein Gerippe übrig von ihr, ihrem Vater, ihrer Familie. Vor ein paar Tagen hat ihre Mutter zusammen mit dem geliebten kleinen Bruder den gemeinsamen Urlaubsort, den Campingplatz an der Adriaküste, ohne Erklärung verlassen und ist nicht mehr zurückgekehrt. Jetzt entscheidet der Vater, das Warten aufzugeben und nach Hause zu fahren. Minutiös schildert die Autorin, wie Vater und Tochter das eigentlich Unmögliche tun: das Zelt abbauen, sich beim vertrauten Campingplatzbesitzer das überzählige Geld abholen, an üblicher Stelle im Ort halten, um noch etwas zu essen vor der langen Heimfahrt – ohne die andere Hälfte der Familie. Jeder Handgriff ist vom Scheitern bedroht. Mitleidige Blicke der Zeltnachbarn, Männer, die dem Mädchen über die Haare streichen, Essen, das im Hals stecken bleibt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ein Gewalteinbruch. Der Vater beschließt, Oma, Nachbarn, Schule einen Bären aufzubinden. Wovon man nicht sprechen kann, darüber soll geschwiegen werden.

Wie Sandra Hoffmann diese  tiefgreifende Verwundung des Mädchens aus deren Blickwinkel erzählt, das zieht Leser und Leserinnen tief in den Bann. Sie bemüht eine einfache, gesprochene Sprache, in der sich das Leid des Kindes verdichtet. Denn die Erzählsituation ist eine mündliche:  47 Jahre später versucht  Friederike ihrem Neffen Tim, der gerade seinen Vater – den Bruder Friederikes –  verloren hat, die bis dahin unter den Tisch gekehrte Familiengeschichte zu erzählen. Tim, den der Verlust seines Vaters vollkommen ratlos zurücklässt,  reagiert darauf erschüttert. Seine Empfindungen kann er seiner Tante erst einmal nicht direkt äußern, sondern er versucht sie, in einem inneren Zwiegespräch mit sich selbst zu klären, bei dem er sich seinen Therapeuten als Gegenüber imaginiert. Auf diese Weise erfahren wir, wie die Spuren des Familienleids bis in Tims Leben tiefe Schneisen geschlagen haben. Im letzten Drittel kommen auch Mutter und Bruder zu Wort. Es ist ein wahnwitziges Kammerspiel des Todes, das Hoffmann hier inszeniert: Zwei kranke Menschen, in einem Haus wie Kletten aneinander geschmiedet, eine Mutter, die vor besessenem Um-Sich-Selbst-Kreisen nicht merkt, dass ihr Sohn stirbt.

Herbst 1977, deutscher Herbst, Mogadischu. Die Titel gebende zeitgeschichtliche Einbettung entschlüsselt sich erst nach der Hälfte des Romans. Fritzi versucht, sich das Handeln der Mutter zu erklären, indem sie deren unverständliche Lieblosigkeit aus der Realität verbannt. All die Nachrichten dieses Herbstes, die Schleyer-Entführung, die Fahndungsplakate mit den Gesichtern der RAF-Mitglieder verlagern die Gewalterfahrung für Fritzi nach außen: Sie stellt sich vor, Mutter und Bruder säßen in der entführten Boeing. Dass sie noch nicht wieder zu Hause ist, dafür kann die Mutter also nichts. Die Desillusionierung fällt schmerzhaft aus, in jeder Beziehung.

Diese Verknüpfung erscheint psychologisch durchaus schlüssig, aber ihr durch die Titelgebung ein derartiges Gewicht zu geben, das ist für meine Begriffe schwer nachvollziehbar, zumal die Geschichte der RAF für die Geschichte von Fritzi im weiteren Verlauf keinerlei Zusammenhang mehr hat. Warum der Thematik der Klimaaktivisten durch die Figur des Tim am Schluss so einen breiten Raum erhält, hat sich für mich auch nicht erschlossen. Die Frage, auf welche Weise junge Menschen gegen Ungerechtigkeit, Geschichtsvergessenheit und Raubbau an Klima, Umwelt und Natur protestieren, wo Gewalt beginnt und wo sie aufhört, steht meines Erachtens in keinerlei Zusammenhang mit dieser, im Übrigen so eindrucksvoll und sprachlich ergreifend erzählten Familiengeschichte. Dass Tim sich engagiert und wie er dabei Vater und Tante wahrnimmt, das passt zu Tim als Figur. Aber der glanzvolle Auftritt Friederikes bei der Autoblockade am Schluss sprengt für mein Empfinden den Rahmen der Geschichte.

Welch tief verletzte Kinderseelen das Schweigen und Verschweigen der Erwachsenen zurücklässt und wie viel zusätzliches Unrecht damit auf das ursprüngliche getürmt wird, das sind immer wieder Themen der 1967 geborenen Schriftstellerin Sandra Hoffmann, die mit „Mogadischu“ ihren achten Roman vorlegt. Für den 2018 erschienenen Roman „Paula“ über eine Großmutter, die den Vater ihres Kindes ein Leben lang nicht verraten hat, bekam sie den Hans-Fallada-Preis.

Und zuletzt: Nicht nur die Gesamtkomposition als inneres und äußeres Gespräch verweist – entgegen all der Traumata –  auf die Hoffnung, die im Sprechen, im Erzählen liegt.

Sandra Hoffmann, Mogadischu
Berlin Verlag, September 2026
233 Seiten, 25 Euro

Diese Rezension wurde geschrieben von Franziska Hielscher.

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