Am Anfang einer guten Geschichte steht immer ein Problem im Weg. Bei der in London wohnenden Phoebe sind es gleich mehrere. Und vielleicht, so glaubt sie, könne sie alle gleichzeitig loswerden, wenn sie nicht nur reich und berühmt würde, sondern auch ihrer Mutter mit der erfolgreichen Verfilmung ihrer Serie indirekt einen „Liebesdienst“ erweist. Phoebe glaubt, mit dem Erfolg würde ihr Leben besser.
Dass sie der Serie den Titel Betrug gegeben hat, könnte man als schlechtes Karma betrachten. Doch für Phoebe bedeutet der Titel viel mehr als nur eine prägnante Aufmachung. Die Serie steht genau genommen für die massive Verletzung der Privatsphäre eines mittelalten Ehepaares und dient zugleich als ein raffiniert ausgeklügelter Racheakt.
Viele Kritiker und Zuschauer loben die neue Serie. Jeder in den Medien scheint darüber zu reden. Schon bald wird auch Kate vieles über die Serie Betrug hören und lesen. Sie ist geschockt und zutiefst verwundet, als sie über den Umweg der viel geworbenen Serie von dem Ehebruch ihres gerade verstorbenen Ehemannes Jack erfährt. Zum Glück weiß niemand aus ihrem Freundeskreis, dass in den Folgen „alles“ über Jacks Eskapade und Vorlieben penibel präsentiert wird und damit ein großes Publikum unterhält.
Anfangs bricht Kates Vorstellung über ihr Leben und ihre Ehe vollständig auseinander. Sie stellt alles in Frage: Ihre Liebe zu Jack, das Besondere in ihrer langjährigen Beziehung und ihre offenkundige Dummheit. Scham und Verzweiflung vergiften ihre Tage der Trauer, bis sie begreift, dass die Serie viel mehr als nur einen Betrug offenlegt.
Der in Hamburg geborene Autor John Lanchester darf auf ein buntes und erfolgreiches Leben blicken: aufgewachsen im Fernen Osten, Umzug nach England, um in einem exklusiven Internat zur Schule zu gehen, danach Studium in Oxford. Berufliche Perspektiven eröffnen sich: Lektor beim Penguin Verlag, Redakteur der London Review of Books und schließlich Autor für Artikel in Zeitschriften und Zeitungen sowie preisgekrönte Romane. Heute ist der Schriftsteller in England eine führende Persönlichkeit. Mit seinem Roman „Kapital“ über das Leben in der Finanzkrise wurde er in Deutschland 2012 bekannt.
In seinem aktuellen Roman „Das habe ich wegen dir getan“ lässt er zuerst Kate und dann Phoebe über ihre jeweiligen Desaster erzählen. Zunächst sieht es so aus, als wolle Phoebe ihren ganzen Hass auf einen bestimmten Vertreter der Babyboomer ausschütten. Den beruflichen Erfolg möchte Phoebe ihrer Mutter präsentieren. Diese würde die tiefe Bedeutung erkennen.
„… Sie würde sehen, was ich getan hatte, und selbst wenn sie das niemals zugeben würde, würde in diesem Moment klar werden, wie wichtig sie mir war.“ (S. 263)
Tatsächlich wird sie sich ausschweigen. Die Wut auf die Mutter ist letztendlich größer als ihre Liebe. „Mama, du unterstellst mir immer, du wärst mir scheißegal. Also schön! Das kannst du haben.“ (S. 263)
John Lanchester verweist in seinem hochaktuellen Roman auf die Gefahren im Internet und die Folgen digitaler Spuren. Zwei unterschiedliche Frauen nutzen ihre Möglichkeiten so exzessiv aus, dass man als Lesende hofft, niemals die Rache einer zutiefst erbosten Frau auf sich zu ziehen. Auch wenn bekanntlich Rache süß ist und nur kalt genossen werden sollte. Das Leid der angegriffenen Person geht über das Ertragbare weit hinaus.
John Lanchester: Das habe ich wegen dir getan
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel
Klett-Cotta, September 2026
400 Seiten, gebundene Ausgabe, 26,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
