Ja, es ist ein Roman, aber er liest sich wie ein Krimi. Ein unheimlich bewegender Bericht über den Tag, der nicht nur für New York, sondern für die ganze Welt alles verändert hat. „9/11“ – das ist mittlerweile ein Begriff, den man nicht weiter erläutern muss. Jeder weiß, was damit gemeint ist. Diejenigen, die alt genug waren, werden auch heute, 25 Jahre danach, noch sagen können, was sie an dem (bei uns) frühen Nachmittag gemacht haben, als in New York zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center geflogen sind und eine wahnsinnige Katastrophe verursacht haben.
In diesem Roman wird eine ganz andere Seite dieses schrecklichen Tages beleuchtet. Die des „9/11-Boatlift“. Gut eine halbe Million Menschen wurden damals in einer unvergleichlichen Aktion von Solidarität und spontaner Hilfsbereitschaft durch Hunderte von Schiffen und Booten aus Lower Manhattan evakuiert. Diese Armada war größer als alles bisher Dagewesene.
Anja Marschall erzählt ihre Geschichte aus drei verschiedenen Blickwinkeln, basierend auf Fakten, die sie akribisch recherchiert hat und deren Quellen im Anhang nachzulesen sind, ebenso wie die Namen der an der immensen Rettungsaktion beteiligten Schiffe der Coast Guard und der New York Waterway, der Fähren, Schlepper, die für eine solche Aktion eigentlich gar nicht geeignet sind, Ausflugsschiffe oder privaten Yachten wie unzähliger anderer freiwilliger Helfer, die mit ihren Schiffen zur Stelle waren, ohne lange darüber nachzudenken, in welche Gefahr sie sich selbst begeben mussten.
Die Schilderung dieser Evakuierung ist dermaßen spannend geschrieben, dass man glaubt, am Rand zu stehen und dabei zu sein.
Alles beginnt mit der Geschichte der jungen Rhona, die im Nordturm arbeitet und an diesem Tag nicht wie sonst mit der U-Bahn zum WTC fährt, sondern ihren Vater ausnahmsweise auf seinem eigentlich nicht mehr seetüchtigen Ausflugsschiff nach Manhattan begleitet, weil sie einen Streit mit ihm beilegen möchte. Um ihre Freundin, mit der sie sonst jeden Tag zur Arbeit fährt, zu überraschen, macht Rhona einen Umweg, um ihr einen Kaffee mitzubringen. Deshalb ist sie später als sonst am Nordturm, sie kann nicht mehr hinein, die obersten Stockwerke stehen bereits in Flammen. Zunächst begleitet Rhona ihre Kollegen zum zugewiesenen Sammelplatz, dann aber nimmt die Sorge um ihren Vater überhand. Sie muss ihn unbedingt finden und sehen, ob er wohlauf ist. Abe hat alle Vorschriften über Bord geworfen und hat als einer der ersten unbürokratisch begonnen, die vor den Flammen Fliehenden in seinem Schiff auf die andere Seite des Hudson zu bringen. Seinem Beispiel folgen viele andere, Züge oder U-Bahnen fahren nicht mehr, die Menschen können nur noch zu Fuß oder per Schiff der Katastrophe entkommen. Rhona zögert nicht, sie unterstützt ihren Vater bei seinen Rettungsfahrten und ist mit ihm bis zum Abend ohne Pause auf dem Hudson unterwegs, um Menschen in Sicherheit zu bringen. Auf ihr Schiff rettet sich auch der Broker Ben, der noch zu Beginn des Arbeitstages sehr euphorisch und von sich eingenommen nur an seinen Erfolg und seinen raschen Aufstieg im Unternehmen denken konnte. Die Realität holt ihn ein, als vor seinen Augen ein junger Kollege in seinem Büro von herabfallenden Trümmern erschlagen wird. Auch Ben denkt nicht mehr lange nach, er hilft Rhona und Abe so gut er kann und erkennt, dass er in Zukunft in seinem Leben andere Prioritäten setzen wird.
Auch die Geschichte des vierjährigen Shaun ist ungeheuer berührend und sehr realistisch erzählt. Der Junge war am Morgen mit seiner kleinen Schwester und der Nanny unterwegs, als die Katastrophe passierte. Auf der Flucht vor den Flammen und Trümmern hat er die Nanny verloren und landet später irgendwie ebenfalls auf Abes Schiff. Er ist zu klein, um zu wissen, wo er wohnt, aber er kennt den Namen der Nanny und seiner Schwester, weiß, dass der Vater Architekt ist und kann Abe doch die eine oder andere Information geben, die dazu beiträgt, ihn zu seiner Familie zurückzubringen, nachdem Abe ihn an Jamie, seinen Sohn und Officer bei der Coast Guard, übergeben hat, mit dem Auftrag, die Eltern zu finden und den Jungen nach Hause zu bringen.
Eine ungeheuer bildhafte Darstellung der Ereignisse vom 11. September 2001 aus einem Blickwinkel, der bisher nicht sehr intensiv beachtet wurde. Menschen, die nicht darüber nachdenken, was ihnen passieren könnte, sondern selbstlos anderen helfen und über sich hinauswachsen.
Ein Roman, der einen mitnimmt und der so spannend geschrieben ist, dass man ihn nicht aus der Hand legen möchte bis zur letzten Seite.
Anja Marschall: Die Helden von Manhattan
Piper, September 2026
384 Seiten, Taschenbuch, 14,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
