»Und jeder, wirklich jeder Mensch auf der Welt braucht Trost. Und das ist überhaupt kein schlimmer Gedanke – es wäre erst dann schlimm, wenn es keinen Trost gäbe.« So heißt es am Ende dieses Romans über eine in der Tat trostbedürftige Patchworkfamilie im Jahr 2022.
Rita, das Zentralgestirn, um das sich alle anderen Charaktere gruppieren, ist Anfang 60, Schriftstellerin, und will sich eigentlich auf die Dinge konzentrieren, die sie liebt, wie Kaffee, Blumen und ihre Hühner. Ihr Alltag aber ist dominiert von Trennungsangst, die sie in einer längst erstarrten, von unterschwelliger Aggression geprägten Beziehung verharren lässt. Und dann, nach einem Insektenstich und einem anaphylaktischen Schock, fällt sie ins Koma.
Ritas Stieftochter Jane, 17, ist das erzählerische Zentrum des Romans; ihre Kapitel nehmen den größten Raum ein. Jane steht kurz vor dem Abitur, in dem sie wenig Sinn sieht. Sie ist auf reflektierte Art ziellos und verunsichert – durch den Zwang, sich bereits jetzt für einen Lebensweg entscheiden zu müssen, durch ihre leibliche Mutter, die zu einem Serienzombie mutiert ist, durch Corona, den Ukrainekrieg, durch die brüchig gewordene Beziehung zu ihrer engsten Freundin Lea. Und nun verliert sie auch noch ihre wichtigste Bezugsperson:
»Sie sehnt sich nach Ritas Wärme, sie hat sich bei ihr geborgen gefühlt. Das Haus ist kälter geworden, ohne sie.«
Ihr Vater Joachim, 67, erfüllt alle Kriterien eines »alten weißen Mannes«. Sein Alter bereitet ihm Sorgen, nagt an seinem Selbstbild; er ist selbstgefällig, herablassend, beziehungsunfähig. Kaum ist Rita, seine langjährige Lebensgefährtin, ins Koma gefallen, beginnt er eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau. Doch abgesehen davon, dass er seine Virilität noch einmal unter Beweis stellen kann, macht ihn auch diese Beziehung nicht wirklich glücklich.
Der besondere Reiz der Erzählweise liegt im Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive: Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer der drei Hauptfiguren geschildert, deren Gefühlswelt, Wünsche und Ängste Klüssendorf psychologisch stimmig beschreibt. Die Charakterbilder und das Beziehungsgefüge werden durch die wechselseitigen Einschätzungen und Kommentare über die anderen Familienmitglieder weiter vertieft und abgerundet.
Man kann den Roman lesen als Zeitdokument, als die Beschreibung einer Welt, die so auseinanderdriftet wie diese Patchworkfamilie, einer Zeit der Verunsicherung und der Ungewissheit darüber, wie es weitergehen soll mit der Welt und mit einem Selbst. So wie es ist, wird keiner von ihnen glücklich. Nur, wie das geschehen soll, das weiß auch niemand.
Und so verwundert wieder einmal die Verlagsankündigung: Was an diesem Roman »heiter« sein soll, erschließt sich nicht. Janes und Leas makaber anmutender Versuch, Rita aus dem Koma zu holen, ist jedenfalls alles andere als beschwingt und fröhlich. Humor geht allen Beteiligten ab. Stellenweise wirkt das eher wie die literarische Version von Watzlawicks »Anleitung zum Unglücklichsein«.
Trost benötigen sie alle, aber da ist, wie Jane feststellt, »kein Tröster weit und breit«. Nein, so überzeugend und lesenswert Klüssendorfs Charakterstudie ist, wirklich Tröstliches, abgesehen von einem netten Nachbarn, den eigenen Hühnern und dem Frühlingsbeginn, findet sich in ihrer Geschichte nicht. Es sei denn, man gehört zu denen, die es ein wenig aufbaut, zu wissen, dass es anderen auch nicht besser geht.
Angelika Klüssendorf: Trost.
Piper, Juli, 2026.
208 Seiten, Hardcover, 24,00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
