„Alle werden alt“ – so lautet ein Song des Technoduos Schrotthagen. Ein Song, der auch hervorragend zu diesem Buch passen könnte. Was wird aus unseren Träumen und Ansichten, wenn wir älter werden? Wollen wir in einer Welt des schnellen Wandels und der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten uns überhaupt je festlegen, verankern und richtig „erwachsen werden“?
Vom WG-Mieter zum Wohneigentümer?
Micha Lewinsky verpackt Selbstfindungskrisen zur Lebensmitte äußerst treffsicher und gewitzt! Als das Haus verkauft werden soll, in dem Béla mit seiner WG die wohl besten Jahre seines Lebens verbracht hat, werden wehmütige Erinnerungen wach. Denn Béla weiß immer noch nicht, wo er eigentlich steht. Er – der einst coole Bandgitarrist, überzeugte Linke, Technoliebhaber, Nachtschwärmer, Dokumentarfilmer und Kreative – fühlt sich nicht so alt, wie die Zahl in seinem Ausweis: Fünfzig. Doch mit der Generation seiner rund 20 Jahre jüngeren Freundin Kaja hat er ebenfalls Probleme, sie erscheint ihm zu brav, zu angepasst. Als sein Freund Serdar plant, das ganze Gebäude zu kaufen und die alte WG als Genossenschaft wieder aufleben zu lassen, treffen sich die einstigen Freunde wieder. Doch nach über 30 Jahren ist es nicht einfach, wieder an die alten Zeiten anzuknüpfen. Damals lautete ihr Slogan „Alles wird gut“. Wird es das wirklich?
Erneutes Zusammenleben nach über 30 Jahren?
Micha Lewinsky versteht es, seine Leserschaft im wahrsten Sinne des Wortes mitten ins Geschehen zu katapultieren. Bereits in der ersten Szene wird Belás Problem deutlich. Bekleidet mit einem weißen Hemd, den Prosecco im Rucksack verstaut, ist er mit seinem Fahrrad unterwegs zu einem Kunsthaus und einem „Dench“ – einer Mischung aus Lunch und frühem Dinner bei seinem Freund Serdar und seiner Frau Esther. Denn deren Kinder müssen frühzeitig ins Bett. Doch Béla hat den 1. Mai vergessen und ärgert sich, plötzlich mitten in einer Demonstration gelandet zu sein. Er, der früher selbst mitgelaufen ist, will nur möglichst schnell aus dem Getümmel raus. Das Geschehen eskaliert. Einerseits kann er die Forderungen verstehen, andererseits findet er die Gewalt von beiden Seiten unangemessen. Oder kann eine wohlhabende Stadt wie Zürich – einst Drogenhochburg, heute Hipster-City – ein paar brennende Autos verkraften?
Die Wandlung vom WG-Mieter zum Eigenheimbesitzer, hat mehr als nur finanzielle Konsequenzen. „Warum flüstert ihr eigentlich, fragte Selma. Weil wir gerade dabei sind die Seiten zu wechseln. Weil wir eine somalische Familie auf die Straße setzen, eine WG und einen alten Messie. Weil wir an der Mietspirale drehen. Weil wir die werden, vor denen wir uns immer gefürchtet haben.“ (S.17).
Absolut köstlich, wenn Serdar und Esther von einem „bildungsnahen Umfeld“ sprechen, um den Begriff „Schule für reiche Kinder“ zu vermeiden. Als ehemalige Vorzeige-Linke natürlich ein Unding!
Bittersüß und ironisch
Micha Lewinsky präsentiert uns eine Freundesclique um die Fünfzig, die herrlich „unerwachsen“ ist. Alle wollen sich noch Optionen offen lassen, wollen noch etwas Besonderes erleben. Sie suchen nach Bestätigung und Zugehörigkeit. Dafür wenden sie sich der Vergangenheit zu. Jener Zeit, in der sie das Gefühl hatten, von ihrer WG-Familie zum ersten Mal „richtig gesehen“ zu werden. Doch war die Zeit wirklich so wunderbar oder wurde sie in der Erinnerung verklärt?
Micha Lewinsky skizziert die Selbstfindungskrise von Menschen anhand herrlicher Situationen, mit vielen ironischen Untertönen und subtilem Wortwitz. Dabei springt er zwischen dem Heute und den Erinnerungen an Damals hin und her. Die unperfekten Protagonisten wirken sympathisch und nachvollziehbar. Ob der „bessere Kommunist“ Serdar, die burschikose Karrierefrau Simone, die mit ihrer Magersucht kämpfende Schönheit Kim, der schwule Restaurantbetreiber Antonio, der obdachlose Träumer Lexi und natürlich Béla. Als die Hauskaufpläne konkret werden und ihm seine Freundin Kaja eine wichtige Mitteilung offenbart, muss Béla erkennen, dass er weder finanziell noch mental bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Wer plötzlich splitternackt auf einer Feier ein paar Kinder zu Unrecht anraunzt, muss sich eingestehen, dass eventuell doch nicht „alles gut wird“…
Vom Schweizer Filmpreis zum gefeierten Romanautor
Als Rezensentin im selben Alter, die selbst schon ein paarmal in der Züricher Technoszene die Nächte durchgetanzt hat, fühlte ich mich in diesem Roman sofort „zuhause“ – um in der passenden Wohnsprachwelt zu bleiben. Micha Lewinsky, der als Drehbuchautor und Regisseur bereits einige Preise wie den Schweizer Filmpreis einheimsen konnte, hat mit seinem zweiten Roman einen Nerv getroffen. Älter werden ist nichts für Feiglinge. Jahrelang haben sich die Protagonisten als etwas Besonderes gesehen und müssen letztlich doch erkennen, dass sie zu typischen Vertretern ihrer Generation geworden sind. Was gar nicht so schlimm ist. Wünsche und Ansichten ändern sich.
Köstlich sind zum Beispiel die Generationen-Clashes. Die WG der Generation Z droht bei der nahenden Ausquartierung ganz selbstbewusst mit den Anwälten von Mama und Papa. Das lässt Béla und Co sprachlos zurück. Sie wollten früher nicht mal denselben Dancefloor mit Vierzigjährigen teilen! Ein tolles, menschliches, gewitztes Buch – selbstverständlich für alle Altersklassen.
Micha Lewinsky: Freunde von früher.
Diogenes, August 2026.
272 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
