Helene Winter: Das Bettelmädchen

Henriette Arendt war ausgebildete Krankenschwester und trat 1903 als solche als erste Polizeiassistentin Deutschlands in Stuttgart in den Polizeidienst ein. Als Polizeifürsorgerin sollte sie bei polizeiärztlichen Untersuchungen aufgegriffener Frauen assistieren und so genannte „verwahrloste“ Frauen betreuen. Wenig später engagierte sie sich auch verstärkt in der Kinderfürsorge und versuchte, Kinder vor dem Schicksal zu bewahren, das im Roman das Bettelmädchen Sophie Gruber erleiden musste. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es immer noch Fälle, in denen Kinder, nicht nur Mädchen, regelrecht verkauft wurden, um (bestenfalls) als Hilfskräfte auf Bauernhöfen oder in Fabriken zu arbeiten. Nicht selten wurden junge Mädchen allerdings zur Bettelei oder gar der Prostitution gezwungen. Ein Schicksal, dem die Kinder aus eigener Kraft nur äußerst selten entkommen konnten. Die Figur der Sophie Gruber steht in diesem Roman exemplarisch für diese Kinderschicksale, die Henny Arendt verhindern wollte. Mit ihrem Engagement für verwahrloste, auf der Straße lebende Kinder geriet Henny Arendt bei ihren Vorgesetzten zunehmend in die Kritik. Man machte ihr die Ausübung ihres Berufes bewusst schwer. Dazu kam, dass Henriette Arendt sich auch öffentlich gegen solche Missstände äußerte, sie anprangerte und aufforderte, von offizieller Seite gegen den Kinderhandel anzugehen. 1908 legte man ihr die Kündigung nahe, woraufhin Arendt ihre Tätigkeit als erste Privatdetektivin in Deutschland weiterführte.

In diesem Roman „Das Bettelmädchen“ werden gekonnt fiktive und reale Handlungen wie auch Personen verwoben, um die dramatische Situation der ärmsten Bevölkerungsschichten zu thematisieren und authentisch darzustellen.

Der Roman spielt 1906 ff in Stuttgart, wo Henny Arendt tätig war und greift das Schicksal der jungen Sophie auf, die verzweifelt versucht, ihrem „Vater“ zu entkommen, mit dem sie tagtäglich auf Bettelzug gehen muss. Der wirkliche Vater hat sie verkauft, Sophie ist allerdings der Meinung, sie sei entführt worden und will unbedingt nach Hause zurück. Von Schwester Henny hat sie schon gehört und hofft auf deren Hilfe. Genau wie Mitzi, eine junge Frau, die am Tag der Hochzeit von ihrem Bräutigam verlassen wurde und seitdem nicht weiß, wie es für sie weitergehen soll. Als sie von der Polizei aufgegriffen wird, weil sie der Prostitution verdächtigt wird, greift Henny ein und bringt Mitzi in einem Haus unter, in dem sie sich gemeinsam mit ihrer Assistentin um junge Frauen und Mädchen kümmert, die aufgegriffen worden sind und kein Zuhause haben, in das sie zurück können. Mitzi wird zu einer von Hennys aktiven Mitstreiterinnen im Kampf gegen den Kinderhandel, setzt sich gleichzeitig für bessere Bedingungen für Kellnerinnen ein, weshalb auch sie immer wieder in Schwierigkeiten gerät.

Erzählt wird aus Sicht der drei Frauen, was die unterschiedlichen Umstände jeweils aus einer anderen Perspektive darstellt. Auch wenn Mitzi und Sophie im Roman fiktive Personen sind, verdeutlichen sie doch sehr schön, welche Kämpfe Henriette Arendt täglich auszufechten hatte, um den Frauen und Kindern dieser Zeit zu einem besseren, respektvolleren Leben zu verhelfen. Schon früh engagierte sich Henny öffentlich, in Vorträgen wie auch Schriftbeiträgen und hatte Kontakt zu bekannten Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit.

Auch wenn der Titel und das Cover ein bisschen irreführend sind, was den Inhalt des Romans angeht, ist es doch ein Hinweis auf die sozialen Missstände. Eine bedrückende, empathische Geschichte um eine starke, engagierte Frau, die sich nicht scheut, offen anzusprechen, was nicht gerecht ist und ihr Leben und Wirken in den Dienst der Sache stellt, für die sie brennt.

Henriette Winter: Das Bettelmädchen
Piper, April 2026
384 Seiten, Paperback, 15,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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