„Eine fesselnde, herzergreifende Lektüre“, ist als Kommentar von Joyce Carol Oates auf dem Buchcover zu lesen. Das macht natürlich neugierig, zumal „Fremde“ zum monatelang gefeierten New-York-Times-Bestseller avancierte.
Joyce Carol Oates las, wie Belle Burden erläutert, regelmäßig eine Kolumne der New York Times über Beziehungen, in der auch Belle Burdens Text veröffentlicht wurde. Sie war begeistert von Belles Text und postete ihn auf Twitter. Nun muss noch erwähnt werden, dass die Autorin einer wohlhabenden, bekannten New Yorker Familie entstammt, was möglicherweise den Run auf die Geschichte ihrer gescheiterten Beziehung beförderte.
„Fremde“ ist Belle Burdens erster Roman, in dem sie rückblickend über ihre gescheiterte Ehe schreibt, was für die Autorin selbst sicher auch eine Form von Aufarbeitung war. Belle Burden gewährt ihren LeserInnen darin Einblicke in ihr gemeinsames Leben, mit James. Sie schreibt von ihrem Kennenlernen, weiter über ihre leidenschaftliche Beziehung und die schnell folgende Heirat, bis zum unerwarteten, bitteren Ende nach zwanzig Ehejahren. „Ich weiß nicht, warum er mich verlassen hat, und ich werde es wohl auch nie erfahren“, ist auf den letzten Seiten der Geschichte (E-Book S. 177) zu lesen. Verzweifelt reflektiert sie, dass auch ihre Großmutter und ihre Mutter von ihren Männern betrogen wurden. Alles wurde still erduldet.
Belle ist fünfzig Jahre alt, als ihr Mann James sie und ihre gemeinsamen drei Kinder ohne Vorzeichen, ohne Vorwarnung von heute auf morgen verlässt. Sie waren doch immer glücklich gewesen, resümiert Belle, die ihre Ehe stets von Geborgenheit und tiefer Vertrautheit getragen empfand. James schien in seiner Rolle als treusorgender Ehemann und Familienvater aufzugehen. Er kümmerte sich wie selbstverständlich um alles, arrangierte alles. Belle vertraute ihm völlig; und wie sie bereits am Anfang ihrer Partnerschaft einwilligte, ihren Ehevertrag gegen den Rat des Familienanwalts zu James’ Gunsten zu ändern, überließ sie ihrem Mann alle Finanzgeschäfte, ohne sich weiter dafür zu interessieren. James stieg beruflich immer tiefer in Investmentgeschäfte ein und avancierte zum erfolgreichen Hedgefondsmanager. Sie selbst übte ihren Beruf als Juristin, die in Harvard studiert hatte, nicht mehr aus und engagierte sich nur noch ehrenamtlich. Arglos gab sie mehr und mehr ihre finanzielle Unabhängigkeit auf, um für die Kinder da sein zu können und ihren Mann auf seiner erfolgreichen Karriere zu unterstützen. Bei allem Luxus im Überfluss hatte James am Ende so viel Macht und Oberhand gewonnen, dass Belle, nachdem James gegangen war, fürchten musste, alles zu verlieren. Auch dass er für die Kinder nicht mehr den ihnen gebührenden Platz in seinem neuen Leben einräumte und sie quasi zur Alleinerziehenden wurde, bereitete Belle bei allem Kummer zusätzliche seelische Schmerzen.
Es dauert lang, bis sie den Schicksalsschlag gefestigter und mit mehr Abstand betrachten kann.
Belle Burdens Aufzeichnungen sind natürlich einseitig, aus ihrer persönlichen Sicht beschrieben. Ihr Schmerz über die verlorene Liebe, ihre Enttäuschung über die gescheiterte Beziehung und dazu ihre Ängste, finanziell alles verloren zu haben, erzeugen viel Verständnis und Empathie für Belle und halten die Spannung.
Belle Burdens Schreibstil ist flott zu lesen. Sie schafft eine vertraute Atmosphäre, indem sie ihre Nöte und Verletzungen mit ihrer Leserschaft teilt.
Fazit:
Wenig literarische Ambitionen, aber spannend und unterhaltsam, mit viel Emotion.
Belle Burden: Fremde: Die Geschichte einer Ehe.
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Charlotte Breuer.
Luchterhand, August 2026.
304 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.
